Sozialdemokrat Herbert Wollmann gewinnt Mit 70 Jahren aus der Arztpraxis in den Bundestag

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

In Stendal hat es mit Herbert Wollmann ein Sozialdemokrat alter Schule in den neuen Bundestag geschafft. Der Mediziner konnte sich in der Altmark im Wahlkreis 66 im Rennen um das Direktmandat gegen seinen CDU-Konkurrenten Uwe Harms durchsetzen, dem der Wechsel aus dem Magdeburger Landtag ins Bundesparlament misslang. In der Altmark hatten sich fünf Kandidaten ernsthafte Ambitionen auf ein Bundestagsmandat gemacht. Am Ende schaffte es neben Wollmann nur noch der FDP-Spitzenkandidat Marcus Faber.

Herbert Wollmann
Mit dem Slogan "Ja! Wollmann" hat Herbert Wollmann für sich geworben. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Als um 21:30 Uhr noch die Ergebnisse von rund 50 der 361 Wahllokale in der Altmark fehlten, da nahm Herbert Wollmann bereits erste Glückwünsche entgegen. Im Gewölbekeller des Stendaler Restaurants "Akis" stimmten einige Genossen bereits den Fußballerschlachtruf "Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin" an. Der 70-jährige SPD-Mann hatte längst einen komfortablen Vorsprung vor seinem CDU-Kontrahenten Uwe Harms aus Klötze erzielt. Am Ende holte Herbert Wollmann mit 27,51 Prozent souverän das Direktmandat in der Altmark (Hier finden Sie das Ergebnis aus dem Altmark-Wahlkreis auf tagesschau.de). Für den 58-jährigen Uwe Harms langte es nur für 21,78 Prozent.

Wollmann:"Sagenhaftes Ergebnis"

"Ich hätte eher gedacht, dass ich mit ein, zwei Prozent verliere", sagt Wahlsieger Wollmann. Dass es zu einem so deutlichen Sieg reichen würde, das bezeichnet er als "sagenhaft". Ohnehin war der Hausarzt, der immer noch in Stendal-Stadtsee eine Praxis betreibt, in nahezu aussichtsloser Position gestartet. Als seine altmärkischen Genossen ihn im Oktober des vergangenen Jahres zum Direktkandidaten wählten, da befand sich die SPD nicht nur im Bund, sondern auch in der Altmark auf einem Tiefpunkt. Die Kommunalwahlen hatten die Genossen im Kreistag und auch in einigen kommunalen Räten fast zur Bedeutungslosigkeit degradiert.

Einen Nackenschlag musste Herbert Wollmann dann auch noch erleben, als die SPD in Sachsen-Anhalt die Landesliste aufstellte. Da blieb für den Stendaler nur Rang acht übrig. "Das war für mich die größte Enttäuschung meines Wahlkampfes", sagt der gebürtige Berliner, der seit 1992 als Arzt in Stendal arbeitet. "Das hat mir wehgetan", ergänzt er. Er habe sich mehr Anerkennung für seine kommunalpolitische Arbeit gewünscht: "Dass ich Potenzial habe, musste ja bekannt sein."  Bei der Stadtratswahl 2019 hatte er parteiübergreifend die zweitmeisten Stimmen erhalten. Mit 3.611 Stimmen hatte er ein grandioses Ergebnis eingefahren und die Hälfte aller Stimmen der SPD-Kandidaten auf sich vereint.

Nach der Enttäuschung war für den fünffachen Vater Herbert Wollmann klar, dass sein Weg in den Bundestag nur über das Direktmandat führen konnte – und das war zuletzt in der Hand der CDU gewesen. Unter dem Motto "Ja! Wollmann!" legte er los und nahm dabei sogar die Musik-CD "Route 66" auf – eine Anspielung auf den langen Weg durch den Wahlbezirk 66. Der passionierte Ruderer und Radfahrer kämpfte.

CDU-Kandidat verpasst Sprung in Bundestag

"Dass wir die Stimmung innerhalb von drei Monaten wenden konnten, ist unglaublich", sagt Herbert Wollmann. Noch im Juni bei der Landtagswahl lag die SPD bei 8,4 Prozent, die CDU holte 37,1 Prozent. Im direkten Duell konnte sich Wollmann nun gegen den Klötzer Uwe Harms durchsetzen, der 16 Jahre lang im Landtag gewesen war und diesmal den Sprung nach Berlin schaffen wollte. "Der Wähler hat entschieden, das muss man akzeptieren", sagte der 58-Jährige nach der für ihn und seine Partei bitteren Wahlschlappe. Er sei sehr dankbar für die vielen Begegnungen bei seiner parlamentarischen Arbeit, sagt Harms. Er werde sich lokalpolitisch weiter engagieren und sich vor allem gegen ein atomares Endlager im Altmarkkreis Salzwedel einsetzen. Auch Harms war mit Rang sieben auf der Landesliste nicht abgesichert.

Mann mit Schubkarre und CDU-Wahlwerbung
Der Wechsel von CDU-Kandidat Uwe Harms aus dem Land- in den Bundestag hat nicht geklappt. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Große Ambitionen machte sich in der Altmark auch der 38-jährige Arno Bausemer von der AfD. Der gebürtige Havelberger holte im Rennen um das Direktmandat 19,4 Prozent und lag damit nur knapp hinter Uwe Harms (21,78 Prozent). Allerdings war Bausemer mit Rang drei der Landesliste höchst aussichtsreich in den Wahlkampf gegangen. Vor vier Jahren hatte für die Partei sogar noch Rang vier der Liste gezogen. Dass es bei einem annähernd gleichen Ergebnis für Bausemer nicht langte, lag daran, dass zwei Parteifreunde im Süden des Landes in Anhalt-Bitterfeld und Mansfeld-Südharz das Direktmandat holten. Sie waren in der Landesliste hinter dem Altmärker platziert. "Es wäre schön gewesen, wenn es für mich persönlich geklappt hätte", sagt Bausemer, der im Stendaler Stadtrat die AfD-Fraktion anführt. Aber davon hängt sein Seelenheil nicht ab: "Es geht darum, dass wir als AfD eine starke Opposition bilden, sowohl im Bund als auch in der Altmark."

Die Direktmandate in der Altmark 2021 – _____ Herbert Wollmann (SPD) 27,51 %
2017 – 2021 Eckhard Gnodtke (CDU) 32,6 %
2013 – 2017 Jörg Hellmuth (CDU) 42,1 %
2009 – 2013 Katrin Kunert (Die Linke) 33,4 %
2005 – 2009 Marko Mühlstein (SPD) 33,2
2002 – 2005 Reinhard Weis (SPD) 45,2 %
1998 – 2002 Reinhard Weis (SPD) 45,0 %
1994 – 1998 Reinhard Weis (SPD) 38,6 %
1990 – 1994 Rudolf Karl Krause (CDU) 38,9 %

Bislang hatte der Stendaler Matthias Büttner für die AfD im Bundestag gesessen. Der 30-Jährige wechselte im Sommer bei der Landtagswahl ins Landesparlament in Magdeburg. Geplant war eine Rochade mit Bausemer, der zuletzt im Berliner Büro von Büttner gearbeitet hatte. Daraus wird nun nichts. Die altmärkische AfD ist zwar mit vier Landtagsabgeordneten vertreten, aber mit keinem Bundestagsabgeordneten mehr. Weiterer Verlierer der Partei ist Matthias Höhn von den Linken, er hatte die vergangenen vier Jahre die Altmark im Bundestag vertreten und nun den Wiedereinzug verpasst.

Zwei Abgeordnete kommen aus der Altmark

Neben Herbert Wollmann wird die Altmark auch noch vom 37-jährigen FDP-Mann Marcus Faber vertreten. Der studierte und promovierte Politikwissenschaftler ging als Spitzenkandidat seiner Partei in Sachsen-Anhalt in den Wahlkampf und gehörte auch schon bislang dem Bundestag an. "Wir haben mit 9,4 Prozent ein tolles Ergebnis für die FDP im Land geholt – sind fast gleichauf mit den Linken", sagt Faber. Als Mitglied des Bundesvorstandes seiner Partei will er sich nun auch in die Koalitionsgespräche einbringen.

Wahlplakat von Herbert Wollmann an einem Pfahl
Wollmann will auch in Stendal weiter Politik machen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Für Herbert Wollmann geht es bodenständig weiter. Am Tag nach der Bundestagswahl geht es für ihn zur Fraktionssitzung im Stendaler Stadtrat. "Ob ich das noch als Vorsitzender weitermache, muss ich sehen", sagt der Mediziner. Er möchte sich in Berlin im Auswärtigen Ausschuss, im Sportausschuss oder auch für Energie und Wirtschaft einbringen. Mit dem Stendaler, der schon mit einem Sohn Willy Brandts in Berlin zur Schule gegangen ist, zieht ein Paradebeispiel eines alten Sozialdemokraten in den Bundestag. Er hat sich immer in den Dienst der Partei gestellt.

Keine Lauterbach-Nachfolge geplant

Er hat sich in der Lokalpolitik immer für soziale Belange eingesetzt. Da ging es um eine Eisbahn für Kinder, eine Ehrenamtskarte sowie Kita- und Schulneubauten. Natürlich könnte er sich jetzt auf bundespolitischem Parkett in die Gesundheitspolitik einmischen. "Da könnte ich ja den Lauterbach ablösen", sagt der Stendaler mit einem Schmunzeln über den Scherz. "Da müsste ich aber dann ständig in Talkshows – das ist aber auch nichts für mich." Der Stendaler mag es grundsolide.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/ Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

MDR/Bernd-Volker Brahms, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. September 2021 | 06:30 Uhr

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