Ukrainischer Online-Unterricht Deutsche Schule ist für ukrainische Flüchtlingskinder nicht die erste Wahl

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Im Magdeburger Bildungsministerium und im Landesschulamt wird an der Integration ukrainischer Kinder in die deutschen Schulen gearbeitet. Dabei haben es die Eltern und die Kinder selbst gar nicht so eilig. Viele lernen am Computer weiter ihren ukrainischen Lernstoff und sind mit Lehrern und Klassenkameraden vernetzt, die es in alle Himmelsrichtungen in Europa verstreut hat.

Ein junger ukrainischer Schüler sitzt vor einem Laptop und einem Handy.
Tymur Parkhomenko nimmt online am Unterricht in der Ukraine Teil. Zusätzlich dazu lernt er Deutsch. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Tymur Parkhomenko ist etwas im Stress. Der 15-jährige Junge, der eigentlich ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Charkiw besucht, muss noch einige Tests schreiben. In zwei Wochen beginnen die Ferien. Wohlgemerkt die ukrainischen Ferien. Der Junge sitzt in einer kleinen Wohnung in Stendal-Stadtsee. Er hat seinen Laptop aufgeklappt. "Morgens um acht Uhr geht es los", sagt er.

Seine Mutter Oksana Kolesnykova ist sehr froh, dass ihr Junge bis jetzt in der Schule nichts versäumt hat. Er sei sehr ehrgeizig und möchte später am liebsten Ingenieur werden. Tymur Parkhomenko ist mit seiner Mutter gleich mit Kriegsbeginn vor drei Monaten nach Stendal geflohen. Unterstützung bekam er auch von seiner Schwester Daryna Kolesnykova, die in Jena studiert hat und nun in Berlin für den Stendaler Bundestagsabgeordneten Herbert Wollmann (SPD) arbeitet.

"Es wäre für Timur und für unsere Familie sehr schade, wenn er in der Schule zu viel verpassen würde", sagt die Schwester. Man mache sich große Sorgen, wie es weitergehen könne. Seit einigen Wochen lernt Tymur Parkhomenko in der privaten Sprachschule Inlingua in Stendal auch noch Deutsch. Ein syrischer Lehrer kümmert sich dort um rund zehn Jugendliche. Die Schwester hatten ihn gleich für den Kurs angemeldet. "Allerdings verpasse ich dadurch jeden Tag mindestens zwei Stunden Online-Unterricht", sagt der 15-Jährige. Abends versuche er dann seinen ukrainischen Unterrichtsstoff nachzuholen.

Online-Unterricht eher die Regel als die Ausnahme

Tymur Parkhomenko ist keine Ausnahme. Viele andere Flüchtlingskinder schaffen es ebenfalls, über ihren Computer in der Schule am Ball zu bleiben. "Das Ministerium hat mit Beginn des Kriegs eine Lernplattform auf den Weg gebracht", sagt Daryna Kolesnykova. Diese könne potenziell von allen Kinder genutzt werden.  

"Es gibt Jugendliche, die machen ihren Abschluss jetzt praktisch online", sagt der Stendaler Landrat Patrick Puhlmann (SPD). Von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern bekäme er immer wieder berichtet, dass die ukrainischen Kinder Zuhause am Rechner lernen würden. "Das ist sehr beachtlich, dass das so funktioniert", sagt Puhlmann. Gleichwohl werde daran gearbeitet, die Kinder in Schulen zu integrieren. "Derzeit läuft das über die Schulleiter", sagt der Landrat. Rund 40 ukrainische Kinder sind es derzeit im Landkreis Stendal – bei rund 250 Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren.

Ankunftsklassen werden eingerichtet

Neben Kindern, die vereinzelt an verschiedenen Schulen aufgenommen wurden, gibt es in Stendal mittlerweile auch zwei sogenannte Ankunftsklassen. Die Sekundarschule Comenius sowie die Stadtsee-Grundschule haben Räume zur Verfügung gestellt. Jeweils rund 15 Kinder bekommen vorrangig Deutsch-Unterricht. In der übrigen Zeit lernen nach Informationen vom MDR SACHSEN-ANHALT auch diese Kinder über die ukrainische Lernplattform weiter.

Einen Journalistenbesuch in einer Klasse gestatte das Bildungsministerium derzeit nicht. "Wir möchten den Betroffenen zunächst die Gelegenheit geben, sich in aller Ruhe in diese neue Situation einzugewöhnen und sich ein Mindestmaß an Alltag zu schaffen", sagt Pressesprecher Elmer Emig. Es gebe nicht nur interkulturelle und sprachliche Herausforderungen, sondern auch Ängste, Sorgen und Traumata.

Doppelstrukturen keine Dauerlösung

Mittlerweile gibt es in Sachsen-Anhalt 5.800 ukrainische Kinder im schulpflichtigen Alter. Laut Ministeriumsangaben sind 1.544 in deutschen Schulen angekommen. Landesweit wurden insgesamt 27 Ankunftsklassen gebildet. Allerdings konnten bisher vom Land erst fünf Lehrkräfte für den Unterricht "Deutsch als Zielsprache" eingestellt werden. Eine ehemalige Russisch-Lehrkraft wurde aus dem Ruhestand geholt. Darüber hinaus wurden auch schon 62 aus der Ukraine geflohene Lehrkräfte eingestellt, heißt auf Anfrage vom Ministerium.

Für das Bildungsministerium ist aber offensichtlich klar, dass es die Doppelstruktur mit Präsenz in deutschen Schulen und Online-Unterricht auf der ukrainischen Lernplattform nicht dauerhaft geben kann. "Spätestens im kommenden Schuljahr sollen die Voraussetzungen soweit entwickelt sein, dass alle ukrainischen Kinder und Jugendlichen eine Schule oder eine Ankunftsklasse besuchen können", sagt Josefine Hannig aus der Presseabteilung des Bildungsministeriums. Bis dahin werde als Alternative die Nutzung von Online-Unterricht aus der Ukraine ermöglicht, sagt sie.

Für den 15-jährigen Tymur Parkhomenko aus Stendal stehen bald Ferien an – in der Ukraine eigentlich drei Monate lang. "Dann gibt es viele Hausaufgaben", sagt der Junge. Viele Bücher seien zu lesen. Aber auch ihm ist klar, dass es so schnell wohl nicht zurück in die Heimat geht. Zusammen mit seiner Mutter hat er sich einen Termin am Gymnasium Stendal geben lassen.

MDR (Bernd-Volker Brahms, Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 21. Mai 2022 | 12:00 Uhr

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