Wohnareal verschwindet Stendal-Süd: Warum die einstige Vorzeige-Platte abgerissen wird

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Vor sieben Jahren sind in Stendal-Süd die letzten Bewohner fortgezogen. Das ehemalige Vorzeige-Wohnviertel verwahrlost seitdem zusehends. Viele Wohnblocks wurden bereits abgerissen. Derzeit wird das ehemalige Einkaufszentrum plattgemacht. Was aus dem Areal mal werden soll, ist völlig offen. Viele Stadträte wünschen sich ein Baugebiet für Eigenheime.

Ein Bagger reißt ein Gebäude ab
Erst 1985 gebaut, soll das Viertel nun wieder verschwinden. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Bereits seit einigen Wochen sind Mitarbeiter eines Stendaler Abbruchunternehmens mit Entkernungsarbeiten beschäftigt. Seit Montag ist nun auch ein Bagger angerollt. Der große Gebäudekomplex an der Hansestraße wird abgerissen.

Ein Bagger reißt ein Gebäude ab, ein Mann schaut in die Kamera
Steffen Roske beobachtet den Abriss. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Steffen Roske verfolgt das Geschehen mit Interesse. Der 52-Jährige hat mehr als zwei Jahrzehnte in Süd gewohnt. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es Anfang der 1990er Jahre gebaut wurde.  "Meine Kinder haben da zugesehen und hier auch gespielt", sagt er. 1993 wurde ein Einkaufsmarkt eröffnet. Neben dem Kaisers-Supermarkt gab es dort eine Sparkasse, Dönerladen sowie kleinere Geschäfte und auch Café Müller war dort präsent. "Nach der Wende war das hier total angesagt. Da kamen auch Leute aus den anderen Stadtteilen", sagt Roske.

Grundsatzentscheidung: Stendal-Süd wird aufgegeben

Der Bau von Stendal-Süd war erst 1985 begonnen worden. Über die politische Wende hinaus war weitergebaut worden. Es war das modernste Wohngebiet in Stendal. "Die Leute haben sehr gerne hier gelebt. Ich will nicht sagen, dass wir eine große Familie waren, aber es war viel los und es hat Spaß gemacht", sagt Roske.

      Eine Chronologie von Stendal Süd

1985: Grundsteinlegung für den Bau Stendal-Süd

1991: Es wird festgelegt, das Kraftwerk bei Arneburg nicht weiterzubauen. Viele Arbeiter, die in Süd wohnen, werden arbeitslos.

1995: Stendal hat seit der Wende rund 6.000 Einwohner verloren und liegt bei 45.719

2002: Grundsatzbeschluss zum Abriss des gesamten Stadtteils Süd.

2002: Beginn des Programms „Stadtumbau Ost“. 2.300 von einstmals 2.800 Wohnungen in Süd werden abgerissen.

2011: Veräußerung der verbliebenen Blöcke in einer Zwangsversteigerung.  

2014: Die letzten Einwohner aus den verbliebenen Blöcken ziehen aus. Die Vermieter hatten ihre Rechnungen bei den Stadtwerken nicht beglichen.

2017: Ein Investor erwirbt bei einer Zwangsversteigerung die verbliebenen Wohnblocks für rund eine Million Euro.

2020: Der Stendaler Stadtrat beschließt mehrheitlich, dass Stendal-Süd künftig ein Baugebiet für Eigenheime werden soll.

Als dann ab Mitte der 1990er Jahre der Leerstand im gesamten Stadtgebiet immer größer wurde, war klar, dass etwas passieren muss. Viele Menschen zogen weg, auch weil die Arbeit knapper wurde. Viele Bewohner von Süd arbeiteten beim Kraftwerkbau in Arneburg. Der Stopp zum Ausbau kam dort bereits 1991.

Im Jahr 2002 fasste der Stadtrat eine lange diskutierte und weitreichende Grundsatzentscheidung: Der Stadtteil Süd, wo zu Spitzenzeiten rund 6.500 Menschen gelebt hatten, sollte komplett aufgegeben werden. "Das war mutig und richtig", sagt der Stendaler Bauamtsleiter Georg-Wilhelm Westrum, der auch damals schon dabei war. Zugunsten insbesondere von Stendal-Stadtsee aber auch der Innenstadt mussten massiv "Wohnungen vom Markt" genommen werden. Die Stadt wurde ins "Stadtumbau-Ost"-Programm aufgenommen und bekam Millionen Euro an Fördergeld für den Abriss von Plattenbauten.

Investoren wollen nicht an Stadt verkaufen

In Süd rissen die beiden großen Wohngesellschaften SWG und WBGA sämtliche Blöcke ab. Als problematisch sollten sich die in privater Hand befindlichen Bauten herausstellen. Die Investoren, die über die Jahre immer wieder wechselten, dachten gar nicht daran, die Blöcke abzureißen. So blieben einige Hundert Menschen auch weiter dort wohnen.

Versuche der Stadt scheiterten, die Gebäude für wenig Geld zu übernehmen. Zuletzt hatte ein Investor 2017 mehr als eine Million Euro für vier Blöcke in einer Zwangsversteigerung hingelegt, nur um diese kurze Zeit später wieder weiterzureichen. Welches Geschäftsmodell dahinter steckt, ist völlig unklar. "Wir sind in Verhandlungen mit den zwei Eigentümern. Inwiefern wir handelseinig werden, bleibt abzuwarten", sagte Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) unlängst im Stadtrat.

Ein verlassenes Wohngebäude
Einst chic, heute nur noch verwahrlost: Stendal-Süd. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Die letzten Bewohner hatten Süd im Jahre 2014 gewissermaßen unter Zwang verlassen. Die Stadtwerke hatten das Warmwasser und teilweise auch den Strom abgedreht. Die Hauseigentümer hatten über Jahre keine Rechnungen beglichen.

Platz für ein neues Baugebiet

Die Stadt war nun froh, dass sie vor zwei Jahren zumindest den Komplex des ehemaligen Einkaufszentrums von einem Holländer erwerben konnte. Die Verwaltung machte sich daraufhin gleich an die Arbeit, um Fördergeld für den Abriss zu besorgen. Insgesamt hat die Stadt 300.000 Euro eingeplant. "Das werden wir gar nicht alles brauchen", ist sich Amtsleiter Westrum sicher. Bis Ende Januar soll das Areal geräumt sein. Da viele Baumaterialien säuberlich getrennt werden müssen, nehme dies eine entsprechende Zeit ein, sagt Abbruchchef Holger Hampe.

Ex-Bewohner Steffen Roske sieht die Sache mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits verschwinde ein weiterer Teil des ehemaligen Süd-Viertels, andererseits könne dort irgendwann ein Baugebiet entstehen. "Meine Tochter würde dort sehr gerne bauen", sagt er.   

Im Zuge der Abbruchpläne wurde vor einem Jahr auch im Stadtrat über die Zukunft des Gebietes diskutiert. Es gibt dort nur noch einen Sportklub sowie ein Medizinlabor. Ein Großteil der Stadträte möchte angesichts von knappen Bauplätzen in der Stadt dort ein Baugebiet für Eigenheime einrichten. Dies wurde auch mehrheitlich beschlossen. Oberbürgermeister Schmotz hat dagegen immer wieder betont, dass erst alle alten Wohnblocks weg sein müssen, ehe über eine Nachnutzung nachgedacht werden könne.           

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Er berichtete bereits sechs Mal über Badminton von Olympischen Spielen. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

MDR/Max Schörm

MDR SACHSEN-ANHALT

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