Lage angespannt Tafel-Landeschef: "Wir brauchen auch Geldspenden"

Supermärkte wirtschaften immer nachhaltiger – weniger Lebensmittel bleiben als Spenden für die Tafeln übrig. Doch angesichts der steigenden Energiepreise fehlt es auch an Geld. Das sagt der Landesvorsitzende Andreas Steppuhn.

Die Tafel - Logo auf einer Fensterscheibe
Wer due Tafeln unterstützen will, kann Lebensmittel oder Geld spenden und sich ehrenamtlich engagieren. Bildrechte: IMAGO / Rolf Poss

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie ist die derzeitige Situation der Tafeln im Land?

Andreas Steppuhn: Die allgemeine Situation der Tafel ist natürlich angespannt, weil wir aktuell etwas zu wenig Lebensmittel haben und neue Kunden, die auf uns zukommen. Aber wir sind krisenerprobt, auch durch Corona, und von daher ist jeder Tag eine neue Herausforderung.

Vor welchen Herausforderungen stellt die Flüchtlingssituation aus der Ukraine die Tafeln?

Das kann man im Moment noch nicht sagen. Ungefähr die Hälfte unserer Tafeln haben signalisiert, dass die ersten geflüchteten Familien angekommen sind. Und von daher erwarten wir ja dann auch, dass diese Anzahl noch größer wird. Und von daher glauben wir, stehen wir noch am Anfang dessen, was uns dort erwartet.

Andreas Steppuhn
Andreas Steppuhn. Bildrechte: dpa

Gesprächspartner: Andreas Steppuhn Andreas Steppuhn ist seit dem 10. März 2015 ehrenamtlicher Landesvorsitzender der Tafeln in Sachsen-Anhalt, zudem ist er Mitglied im Bundesvorstand. In Sachsen-Anhalt gibt es nach seinen Angaben aktuell rund 100 Ausgabestellen der Tafeln. Sie werden von etwa 800 Ehrenamtlichen im Land betreut.

Der SPD-Politiker Steppuhn saß von 2011 bis 2021 sowie zuvor von 1994 bis 1998 im Landtag von Sachsen-Anhalt. 2005 bis 2009 hatte er ein Bundestagsmandat.

Der gelernte Stahlbetonbauer war von 1991 bis 2001 Landesvorsitzender der IG BAU in Sachsen-Anhalt und danach weitere elf Jahre im Bundesvorstand.

Gibt es derzeit weniger Lebensmittelspenden?

Also unsere Aufgabe ist es ja nicht, für eine Vollversorgung zu sorgen, sondern wir verpflegen ja Menschen, die bedürftig sind, zusätzlich. Und von daher wird es natürlich immer eine Frage sein, wieviel und mit was wir versorgen können, was wir auch an Lebensmitteln gespendet bekommen. Und das kann sich von Tag zu Tag und von Woche ändern. Und im Moment ist es, wie gesagt, etwas knapp.

Woran liegt es, dass von Supermärkten weniger Spenden kommen?

Lebensmittel
Effizientere Prozesse bei den Supermärkten sorgen dafür, dass weniger Lebensmittel übrig bleiben. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Also im Zeitalter der Digitalisierung bleibt auch weniger über. Es wird immer nur die Ware nachbestellt, die tatsächlich auch verkauft wird. Deshalb erleben wir schon seit Monaten – wenn nicht sogar seit zwei Jahren – die Situation, dass also auch das, was in den Supermärkten überbleibt, weniger wird.

Was aber glücklicherweise der Fall ist, ist dass wir sehr oft jetzt auch größere Spenden direkt von Erzeugern bekommen oder auch von Überproduktion, die in Fabriken, wie zum Beispiel Brotfabriken, stattfinden. Und das hilft uns dann auch weiter.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Großproduzenten?

Wir haben ein zentrales Lager und haben auch bundesweit ein Portal, wo bundesweite Lebensmittelspenden, also aus ganz Deutschland, teilweise aber auch aus Sachsen-Anhalt, eingestellt werden. Und die können dann von den Tafeln abgerufen werden und kommen per Spedition nach Sachsen-Anhalt. Die werden dann auf unsere 34 Tafeln im Land aufgeteilt.

Gibt es auch weniger Lebensmittelspenden der Supermärkte wegen Aktionen wie Foodsharing oder Too good to go?

Also es gibt sicherlich auch dort Konkurrenzsituationen. Aber ich sage mal immer dann, wenn es sich um verarbeitete Lebensmittel handelt, dann ist das eh nicht das Geschäft der Tafeln, sondern wir müssen Kühlketten einhalten. Wir nehmen also eher die Produkte, die noch verarbeitet werden müssen und verteilen sie dann an bedürftige Menschen.

Das ist unsere Aufgabe. Aber natürlich ist es so, dass auch andere dort Lebensmittel einsammeln. Aber letztendlich ist es ja auch eine Frage von Überproduktion und dass auch Ware, die noch haltbar ist, nicht weggeworfen wird. Also deshalb ist es eine Konkurrenzsituation. Aber sie ist nicht so schwerwiegend.

Was kann jeder Einzelne tun, um zu helfen?

Also gerade in der jetzigen Zeit hilft es natürlich, wenn alle Haushalte mal in ihren Speisekammern schauen würden, ob es dort noch Lebensmittel gibt, die man auch bei den Tafeln abgeben kann. Da sind unsere Tafeln vor Ort sehr dankbar für. Und was natürlich für uns auch in Zeiten gestiegener Energiepreise wichtig ist:

Die Tafeln brauchen auch Geldspenden, um also auch ihre Aufgaben zu finanzieren. Es müssen Fahrzeuge unterhalten werden, die brauchen Benzin oder Diesel. Es müssen Kühlhäuser unterhalten werden. All das kostet jetzt mehr Geld als vorher.

Deshalb sind auch Geldspenden gefragt, aber insbesondere auch ehrenamtliche Unterstützung, um wer mitmachen möchte. Wer unterstützen möchte, wendet sich am besten an seine zuständige Tafel vor Ort.

Bei welchen Tafeln im Land macht sich die jetzige Krise bemerkbar?

In Magdeburg ist es ja so, dass dort zentral von der Stadt geflüchtete Menschen aufgenommen und versorgt werden. Da wird das dort nicht so sichtbar, das ist mir auch bekannt. Aber es gibt gerade auch im ländlichen Raum Tafeln, die merken das schon sehr. Zum Beispiel die Tafel Wanzleben, aber auch die Tafeln Quedlinburg, Stendal und auch im Burgenlandkreis. Da haben wir also schon auch die Mitteilung, dass dort auch schon mehr geflüchtete Menschen bei den Tafeln vorstellig geworden ist. Das machen wir auch gerne, weil gerade in solchen Zeiten eines Krieges ist Mitmenschlichkeit und Solidarität gefragt. Und bei uns kann jeder Kunde werden, bei den Tafeln, egal welcher Nationalität, wo er herkommt. Und gerade in dieser Situation gilt es zu helfen.

Bald fallen die meisten Corona-Maßnahmen weg. Was hat Corona bei den Tafeln verändert, was nimmt man daraus mit?

Wir haben natürlich in der Corona-Zeit mit den Tafeln auch gelitten, weil die Räumlichkeiten teilweise nicht dafür geeignet waren Abstände einzuhalten. Da hat es dann sehr oft auch Ausgaben auch im Freien auf Höfen gegeben. Es hat Lieferdienste gegeben. Von daher hilft es natürlich auch, wenn wir jetzt so ein bisschen in ein normales Leben zurückkehren, auch bei den Tafeln. Aber es ist natürlich immer noch Vorsicht gefragt.

Und vieles von dem, was man auch in Krisenzeiten bei Corona gelernt hat – und Corona ist ja noch nicht vorbei – wird bei den Tafeln auch weiter stattfinden. Wenn also Menschen krank sind und dort Lieferdienste eingerichtet werden, so etwas wird dann auch nach Corona bleiben.

In Krisen lernt man natürlich auch dazu, und das gilt auch für die Tafel.

Die Fragen stellte Nadine Hampel.

MDR (Nadine Hampel, Hannes Leonard, Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 17. März 2022 | 16:30 Uhr

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