Tierschutz Tierheime stehen wegen steigender Kosten und Mindestlohn unter Druck

Max Hensch Reporter MDR SACHSEN-ANHALT
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Tierheime in Sachsen-Anhalt können sich kaum noch finanziell über Wasser halten. In vielen Einrichtungen gehen die Spendenbeträge zurück. Gleichzeitig steigen die Kosten für Futter, Strom, Wärme sowie Benzin oder Diesel. Es gibt Fördermöglichkeiten vom Land, etwa für die Kastration herrenloser Katzen. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt und der Tierschutz eigentlich Sache der Kommunen.

Ein Hund sitzt angeleint an einem Zaun im Gras. Hinter ihm ist am Zaun ein Schild mit der Aufschrift "Tierheim" angebracht.
Tierheime sind derzeit stark belastet. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/ Shotshop

Die Spendenboxen sind fast leer. Das sagt Otfried Müller vom Tierheim Wolmirstedt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Vor allem in Tier- und Supermärkten ist das Problem besonders auffällig, so Müller. Großzügige Privat-Spenden, wie zuletzt beim Tierheimfest am Wochenende, ermöglichten aber die wichtigsten Ausgaben. Damit geht es Müller so, wie vielen Tierschützern.

Auch Carmen Koch vom Tierheim Gardelegen berichtet von deutlich weniger Geldspenden. In den letzten Monaten sei kaum etwas auf dem Konto des Heims eingegangen. Hier gibt es allerdings regionale Unterschiede. Astrid Finger vom Burger Tierheim berichtet, die Spendenbereitschaft sei weiterhin stabil. Dennoch spüren alle Tierheime aktuell Kostendruck.

Die Kosten für Futter, Energie und Sprit steigen

Die Futterkosten sind deutlich gestiegen. Vor allem bei günstigen Marken ist der Preisanstieg für Futter und Verpackungsmaterialien deutlich spürbar. Selbst im Großhandel sind die Preise 20 bis 30 Prozent höher als vor Beginn des Ukraine-Krieges. Carmen Koch aus Gardelegen berichtet auch von einer zunehmenden Zahl allergischer Tiere in ihrem Heim. Diese benötigten teureres Spezialfutter.

Bei Strom und Gas sind die Kosten, wie überall, deutlich gestiegen. Zwischen 25 und 40 Prozent, je nach Region.

Gerade im ländlichen Raum sind außerdem Spritkosten für die Tierschützer ein wirkliches Problem. Etwa in Gardelegen, einer der größten Gemeinden Deutschlands. Das Tierheim von Carmen Koch versorgt auch das 50 Kilometer entfernte Arendsee. Tiere müssten abgeholt, Fallen für Wildkatzen aufgestellt, Spenden eingesammelt und vermittelte Tiere besucht werden. Die Spritkosten seien immens. Auch Astrid Finger aus Burg sagt, mittlerweile überlege man sich zweimal, welche Fahrten wirklich nötig seien.

Notfallversorgung oft nur außerhalb Sachsen-Anhalts

Hinzu kommt ein weiteres Problem: gut ausgerüstete Tierärzte. Wie alle befragten Tierheime bestätigen, können komplexe Erkrankungen oder Verletzungen der Tiere in der Nacht und am Wochenende oft nicht in Sachsen-Anhalt behandelt werden – etwa Wirbelsäulen-Verletzungen oder Magendrehungen. Für alle Befragten sind daher Fahrten nach Braunschweig, Berlin oder Leipzig keine Seltenheit mehr. Für Kerstin Kauert vom Schönebecker Tierheim bedeutet der Besuch in der Braunschweiger Klinik eine Entfernung von rund 230 Kilometern für Hin- und Rückfahrt.

Carmen Koch aus Gardelegen meint, bei akuten Notfällen wie einer Magendrehung mache es aufgrund der Entfernungen eigentlich keinen Sinn mehr, überhaupt den Tierarzt aufzusuchen. Dem Tier könne dann meist nicht mehr geholfen werden. Fast alle Befragten loben zwar das Verhältnis zu ihren Tierärzten vor Ort, bedauern aber, dass die ehemalige Magdeburger Tierklinik wegen Ärztemangel ihren 24-Stunden-Notdienst aufgeben hat. Zuvor war dies auch in Wittenberg geschehen.

Wirtschaftsministerium: An Verbesserung des Notdienstes wird gearbeitet

Tierärztin Anne-Kathrin Witzlack aus Gommern bestätigt die Beobachtungen. Sie sagt, Tierärzte im Notdienst verfügen selten über Röntgengeräte. Eingriffe am Wochenende oder nach 22 Uhr müssten Tierärzte zudem ohne Hilfe eines tiermedizinischen Fachangestellten vornehmen. Hier schiebe das Arbeitszeitgesetz den Riegel vor. Eine Notdienst-Schicht würde für einen Tierarzt laut Witzlack 60 Stunden dauern. Von Freitag 18 Uhr bis Montag 8 Uhr wäre sie für das gesamte Jerichower Land auf Abruf. Zusätzlich zu ihrem regulären Praxisbetrieb unter der Woche.

Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es auf Anfrage zum Thema Notfalldienst: "Die Anzahl der praktizierenden Tierärzte in Sachsen-Anhalt ist gestiegen. Jedoch besteht weiterer Bedarf in allen Bereichen (Heim- und Nutztiere, öffentliche Verwaltung). Grundsätzlich muss jedem Tier geholfen werden, sodass es keine Schmerzen leidet. Dies muss auch außerhalb der regulären Sprechzeiten sowie an Sonn- und Feiertagen gewährleistet sein. Derzeit wird an einer Verbesserung des tierärztlichen Notdienstes gearbeitet."

#MDRklärt Darum sind aktuell die Tierheime überfüllt

Die Tierheime in Sachsen-Anhalt quillen in Corona-Zeiten über – warum, zeigt #MDRklärt.

Darum sind aktuell die Tierheime überfüllt
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Darum sind aktuell die Tierheime überfüllt
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Die Corona-Pandemie löste wegen Homeoffice, Kurzarbeit und eingeschränkte Reisemöglichkeiten einen Haustier-Boom aus.
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Die Tierheime profitierten zunächst von diesem Boom. Im Frühjahr 2020 waren so Katzen und Kleintiere wie Kaninchen und Meerschweinchen beliebt.
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Viele Menschen unterschätzten dann Zeitaufwand und Kosten, die mit Haustieren verbunden sind, wenn man wieder normal arbeitet.
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Folge: Viele bringen ihre Tiere ins Heim oder setzen sie aus, um sich die Abgabegebühr im Tierheim zu sparen.
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Inzwischen hätten laut Tierschutzbund alle Tierheime in Sachsen-Anhalt mehr Tiere, als ihnen laut Betriebserlaubnis eigentlich gestattet sei.
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Hinzu kommt eine prekäre finanzielle und personelle Situation.  (Spendenaufkommen zurückgegangen  einmalige Corona-Hilfe für Tierheime, die nicht ausreichte, um die Spendenausfälle und die höhere Zahl der zu betreuenden Tiere auszugleichen Seit Ausbruch der Pandemie weniger freiwillige Helfer*innen und Bundesfreiwilligendienstleistende)
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Lösungsansatz: So will zum Beispiel das Tierheim Dessau künftig verstärkt auf soziale Medien setzen. Natürlich wird trotzdem geschaut, ob Mensch und Tier zusammenpassen.
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Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
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Mindestlohn wird für Tierheime zum Problem

Astrid Finger beschäftigt im Burger Tierheim zehn Angestellte. Sie steht spätestens im Oktober wahrscheinlich vor einer schmerzhaften Entscheidung. "Dem zittern wir so ein bisschen entgegen", sagt sie. Denn aufgrund des steigenden Mindestlohns wird dann deutlich mehr Gehalt für die Angestellten fällig. Das könnte dazu führen, dass Stellen gestrichen werden. Auch für Carmen Koch, die zu einer Festangestellten noch einen Azubi haben möchte, ist das ein signifikantes Finanzproblem.

Doch auch der Fakt, dass Minijobber ab Oktober einen ähnlichen Stundenlohn erhalten sollen, wie das Fachpersonal, sorgt für Konflikte: "Wir können nicht einer Hilfskraft das gleiche Gehalt wie der Tierheimleitung zahlen", sagt Kerstin Kauert. In Schönebeck zieht sich die Gehaltserhöhung also durch alle Bereiche. "Das haben sie sich alle verdient, für uns wird das aber finanziell schwer", so Kauert.

Otfried Müller vom Wolmirstedter Tierheim, wo alle Vereinsmitglieder ehrenamtlich arbeiten, gibt zu bedenken, dass aktuell wesentlich weniger Aushilfs-Arbeitskräfte über das Jobcenter vermittelt werden. Selbst Langzeitarbeitslose würden aufgrund des Fachkräftemangels heute leichter Jobs finden. Er könne auch verstehen, dass sich weniger Menschen beispielsweise für den Bundesfreiwilligendienst interessieren. Die Entlohnung sei einfach zu gering, gerade in der aktuellen Situation.

Wie finanzieren Tierheime ihren Betrieb, außer durch Spenden?

Abgabetiere:
Ein Besitzer gibt sein Tier im Tierheim ab. Dann wird vertraglich geregelt, dass der ehemalige Halter für die Kosten aufkommt, die sein Tier im Tierheim verursacht. Auch aufgrund dieser Regelung kommt es immer wieder vor, dass selbst Tierhalter, die den Tieren eine zweite Chance geben wollen, diese vor Tierheimen aussetzen, oder gar über Zäune werfen. So wollen sie Kosten vermeiden.

Unterbringungstiere:
Das Veterinäramt räumt einen Haushalt, etwa weil die Besitzer nicht mehr für die Tiere sorgen können. Dann schließt die Behörde einen Vertrag mit dem Tierheim und übernimmt (einen Teil der) Kosten für die Versorgung.

Fundtiere:
Tierheime vereinbaren vertraglich mit Kommunen, dass sie sich um Fundtiere aus deren Gebiet kümmern. Dafür wird in der Regel eine Vergütung gezahlt, die sich an der Einwohnerzahl der Kommunen orientiert. Die Pauschalen liegen bei den befragten Tierheimen bei 0,75€ bis 2€ pro Einwohner und werden meist jährlich ausgezahlt. Fundtierverträge sind die Haupt-Einnahmequelle für viele Tierheime. Im rein privaten Tierschutz, wie etwa Auffangstationen gibt es diese Zuwendungen in der Regel nicht. Fast alle Befragten gaben an, dass sie aufgrund der aktuellen Situation mehr Geld von ihren Kommunen bräuchten. Zum Teil wird bereits nachverhandelt.

Ein Problem: sogenannte herrenlose Tiere fallen nicht unter die Fundtierregelung. Wenn das Ordnungsamt entscheidet, dass es sich um Tiere ohne Halter handelt, gibt es für die Tiere keine direkte finanzielle Unterstützung. Oft sind gerade in der Wildnis lebende Tiere jedoch krank. Hierfür zahlen die Tierschützer aus eigener Tasche.

Pension:
Viele Tierheime bieten Tierpensionen an, Halter können ihre Tiere gegen Bezahlung zeitweise dort abgeben.

Sondervereinbarungen:
Kommunen dürfen frei darüber entscheiden, welche zusätzlichen Zuwendungen sie an die Tierheime machen. So gibt es zum Teil auch Fördersummen von Landkreisen.

Corona-Tiere und Schwervermittelbare

Überforderte Tierhalter, Wegnahmen durch das Veterinäramt. Das alles hat, fragt man die Tierschützer, in den letzten Jahren zugenommen. Das Problem sind dabei nicht nur Tiere, die übermäßig während der Corona-Pandemie angeschafft wurden. Besonders zeit- und kostenintensiv und gleichzeitig schwierig zu vermitteln sind für die Tierheime große Hunde. "Da bleiben wir drauf sitzen", so Astrid Finger. Es gäbe schlicht weniger Menschen, die Interesse haben, die nötige Geduld für die Tiere aufzuwenden. "Und die Tiere müssen hier weg, die brauchen ein großes Grundstück. Im Tierheim werden sie depressiv", so Carmen Koch.

eine Frau mit zwei Hunden 19 min
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Förderrichtlinie Tierschutz

Das Land hat zwei große Förderprogramme. Die Förderrichtlinie Tierschutz, mit der es Investitionen in Tierheime unterstützt. Hier stehen im Jahr über 80.000 Euro für alle Tierschutzvereine des Bundeslands zur Verfügung. Das Problem: die Förderanträge sind umfangreich. 60-80 Seiten Anlage seien Alltag, so Otfried Müller. Rudolf Giersch vom Deutschen Tierschutzbund meint, der Aufwand überfordert Ehrenamtliche. Man stehe den Tierheimen zwar fachkundig zur Seite, allerdings würden diese trotzdem vor dem Aufwand und der Umsetzung zurückschrecken.

Bis zum 30. Juni müssen Anträge mit drei Angeboten von Baufirmen eingereicht werden. Gibt es keine Nachforderungen der Behörden, ist das Geld dann einige Monate später auf dem Konto. Erst dann kann gebaut werden. Kostenkalkulation im Bau sind aktuell, da sind sich alle Befragten einig, praktisch unmöglich. Und: Wird bis Jahresende nicht fertig abgerechnet, drohen Rückzahlungen an das Land. Die Vereine könnten dann auf den Baukosten sitzen bleiben.

Der zuständige Minister, Sven Schulze (CDU), sagte MDR SACHSEN-ANHALT mit Blick auf die Förderrichtlinien, man müsse sorgsam mit Steuergeld umgehen, auch wenn es sich nur um einige tausend Euro handele. Negative Rückmeldungen von Tierschützern seien bekannt, es gäbe aber auch einige Beispiele, in denen die Umsetzung sauber funktioniert hätte.

Ein blonder Hund will das Mikro in der Hand eines weißhaarigen Mannes in einem Büro erreichen.
Otfried Müller vom Tierheim Wolmirstedt mit "Hachi". Bildrechte: MDR/Max Hensch

Kastration von herrenlosen Katzen wird gefördert

Die zweite Förderrichtlinie des Landes ist bei den Tierschützern beliebter. Das Land unterstützt die Kastration von herrenlosen Katzen. In diesem Jahr sind dafür 120.000 Euro eingeplant. Das Problem: Die Förderung deckt nur einen Teil der Tierarztkosten, die damit verbundenen Fahrtkosten und die Arbeitszeit der Ehrenamtlichen wird nicht entlohnt.

Kritiker sagen zudem, es handle sich um Bekämpfung von Symptomen. Die eigentliche Ursache sei, dass viele Katzenhalter ihre Freigänger nach wie vor nicht kastrierten. Eine gesetzliche Vorschrift müsste allerdings von jeder Kommune selbst getroffen werden, hier hat das Ministerium keine Handhabe.

Wie geht es also weiter für den Tierschutz in Sachsen-Anhalt? Für die Tierschützer ist klar, es müssen politische Weichen neu gestellt werden. Das zuständige Ministerium geht auf Nachfrage noch nicht so weit, hat aber, wie schon beim Thema Waldbrand den "Runden Tisch" wiederbelebt.

Am 28. Juni nehmen Tierschützer, eine Reihe von Ministerien, der Tierschutzbeauftragte, sowie kommunale Spitzenverbände teil. Der Tierschutzbund wird einen Lagebericht geben, außerdem wird Katzenkastration, die Fundtierregel und die Hunde-Gefahrenverordnung. Mit harten Ergebnissen rechnet Minister Schulze nicht, es gehe zunächst um Gedankenaustausch. Sein Haus wolle als Vermittler zwischen Tierschützern und Kommunen fungieren.

MDR (Max Hensch,Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. Juni 2022 | 07:30 Uhr

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