Fragwürdiges Denkmal Verspätetes Streitgespräch: Braucht Bautzen einen Bismarck?

Im Sozialismus passte die Huldigung Otto von Bismarcks nicht ins gesellschaftspolitische Bild. Im Bautzener Stadtwald war seine Statue 1950 zerstört worden. Als ein AfD-naher Verein das Denkmal nun wieder errichten wollte, schwappte die Kontroverse über die Stadtgrenze hinaus: auf der einen Seite die Verfechter des Reformers und Reichseinigers, auf der anderen die Kritiker von Bismarcks harten Vorgehen gegen Sozialdemokraten, Katholiken, sprachlichen Minderheiten. Die Diskussion wurde in Schmochtitz wieder aufgenommen.

Eine Postkartenansicht vom Czorneboh mit der Bismarck-Statue
Auf dem Czorneboh im Stadtwald von Bautzen gab es mal einen Bismarck. Über den Sinn eines Wiederaufbaus wurde in Schmochtitz diskutiert - lange nachdem der Bautzener Stadtrat die Idee eines neuen Bismarck-Monuments auf dem Czorneboh eine Absage erteilt hatte. Bildrechte: privat

"Ein Denkmal für Bismarck? - Welche Erinnerung an den Eisernen Kanzler braucht Bautzen?" unter diesem Titel wurde am Montag auf dem Bildungsgut Schmochtitz St. Benno diskutiert. Auf dem Podium saßen Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD), Friedrich Pollack vom Sorbischen Institut Bautzen und der Historiker Justus Ulbricht. "Es gibt Diskussionsbedarf", betonte Holger Hase vom Verein "Denk Mal Fort!", der gemeinsam mit dem Bildungsgut Schmochtitz St. Benno zum Gesprächsabend eingeladen hatte.

Historiker: Denkmalstürze passieren bei politischen Umbrüchen

Er sei kein Freund von Denkmalstürzen, wie sie bei politischen Umbrüchen nun einmal vorkommen, sagte Justus Ulbricht vor rund 30 Zuhörern in der Kirche des Schmochtitzer Bildungsguts. "Aber ich glaube nicht, dass Bautzen einen Bismarck braucht." Neben seiner politischen Ambivalenz war der Mann ein zutiefst konservativer Preuße, wie der Erinnerungskulturforscher ausführte. Ließe sich nicht eine für die Oberlausitz passendere Person auf den Sockel heben, so sein Denkanstoß.

Ich glaube nicht, dass Bautzen einen Bismarck braucht.

Justus Ulbricht Historiker

Kritik der Sorben: Bismarck ging massiv gegen Minderheiten vor

Friedrich Pollack entsann sich an seine Bestürzung und den Schock, als er im Oktober 2021 erfuhr, dass das Bismarck-Denkmal wieder aufgebaut werden sollte. Die Emotionen spiegelten sich damals in einem offenen Brief des Sorbischen Instituts wider. In Schmochtitz wiederholte Pollack, warum ein Bismarck-Denkmal aus sorbischer Perspektive nicht tragbar ist: "Bismarck ist massiv gegen nationale Minderheiten vorgegangen, weil sie die Reichseinigung störten."

Das Bildungsgut Sankt Benno in Schmochtitz.
Auf dem Bildungsgut in Schmochtitz wurde am Montag noch einmal der Streit um den Wiederaufbau der Bismarck-Statue thematisiert. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

OB Ahrens: Spannende Ambivalenz der Person

Gerade die Ambivalenz der Person reizt hingegen Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens. "Bismarck hat sich mit Ideen beschäftigt, für die wir bis heute immer noch keine Lösung haben", sagte der SPD-Politiker mit Verweis auf dessen Sozialgesetzgebung mit der er Grundlagen des Sozialstaates legte. Ahrens ist generell dagegen, Dinge mit Tabus zu belegen, wie er betont.

Allerdings, rein künstlerisch betrachtet, halte er wenig von einer Replik, die dann auf dem Czorneboh im Stadtwald Bismarck wieder mit Uniform, Säbel und Pickelhaube zeigen würde. "Die Figur war nahe am Ramsch. Die Stadt hatte sie damals schon geschenkt bekommen", sagte der Oberbürgermeister.

Der Vorschlag kam aus einer Ecke, mit der ich gern diskutiert hätte, wie man mit deutscher Geschichte umgeht.

Alexander Ahrens Oberbürgermeister von Bautzen

Im vergangenen Jahr wurde sie nun wieder als Geschenk der Stadt angeboten - von der AfD-nahen Bautzener Liedertafel. "Der Vorschlag kam aus einer Ecke, mit der ich gern diskutiert hätte, wie man mit deutscher Geschichte umgeht", so Ahrens. Für so eine Diskussion reiche eine Volkshochschulveranstaltungsreihe, meinte Ulbricht. Ein wiedererrichteter Bismarck mit Säbel und Pickelhaube sei auch keine ambivalente Darstellung seiner Person, sondern sehr eindeutig.

Bautzens OB Alexander Ahrens (SPD), Moderatorin Miriam Schönbach, Friedrich Pollack vom Sorbischen Institut Bautzen und Justus H. Ulbricht von Denk Mal Fort! e.V. sprechen bei der Podiumsdiskussion in Schmochtitz miteinander.
Bautzens OB Alexander Ahrens (SPD), Moderatorin Miriam Schönbach, Friedrich Pollack vom Sorbischen Institut Bautzen und Justus H. Ulbricht von "Denk Mal Fort! e.V." (v. l.) saßen auf dem Podium. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Liedertafelverein: So negativ war Bismarck doch nicht

Die Frage ist doch, warum gerade jetzt das Bismarck-Denkmal zum Thema wurde, warf die Moderatorin des Abends, Journalistin Miriam Schönbach, ein. Es gebe das Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheitsstiftung in einer Zeit, in der viele Menschen unsicher sind, so die Antwort des Historikers Ulbricht. Bismarck sei aber ein Mythos und habe mit der eigentlichen Person wenig zu tun. Der Kult um ihn sei die Sehnsucht nach einem starken Mann, der eindeutige Politik macht.

Doch was könnte dann auf den leeren Sockel auf dem Czorneboh? Hier gab es etliche Ideen. Ein Denkmal für die Waldarbeiter zum Beispiel. Oder man denkt an die nähere Geschichte und errichtet ein Denkmal, das sich mit der Transformation nach der Wiedervereinigung auseinandersetzt. Oder man könnte die Trümmer der alten Statue - wenn sie denn auffindbar wären - zu einer Installation zusammensetzen. An dieser könnte man sogar bewusst Leerstellen lassen, für die Gegner zum Besprühen.

"Es ging nicht darum, dass man ein neues Bismarck-Denkmal aufstellt", erklärte sich dazu Gundolf Göbel vom Liedertafel-Verein, der im Publikum saß. Man wolle das Alte an der Stelle, wo es war. "So negativ war Bismarck nicht", meinte Göbel.

Statue bleibt Geschichte

Eines stand bereits am Anfang der Podiumsdiskussion fest: Bautzen wird keine Bismarck-Statue auf dem Czorneboh bekommen. Dem Wiederaufbau zum Nulltarif durch einen rechtskonservativen Gesangsverein hatte der Hauptausschuss der Stadt Bautzen im Herbst 2021 erst grünes Licht gegeben. Dann folgte ein großer Aufschrei, ein offener Brief des Sorbischen Instituts, der die autoritäre, nationalistische und minderheitenfeindliche Politik Bismarcks anprangerte - und eine Online-Petition. Der Beschluss wurde daraufhin in den Stadtrat gegeben und dort mit knapper Mehrheit gekippt.

Vor den 1950er-Jahren gab es auf dem Czorneboh in der Oberlausitz eine Statue von Bismarck.
Vor den 1950er-Jahren gab es auf dem Czorneboh in der Oberlausitz eine Statue von Bismarck - die geplante Replik ist Geschichte. Bildrechte: privat

Eine öffentliche Diskussion war im Herbst wegen der Corona-Situation nicht möglich, wäre aber damals vom Zeitpunkt für die Einbindung der Bevölkerung wichtig gewesen. Dass längst die Messen gelesen sind, bestätigte auch das überschaubare Publikum.

Bismarck-Gegner und -Befürworter kommen ins Gespräch

Bewirkt hat die Veranstaltung trotzdem etwas - die Entdämonisierung der gegnerischen Seite: Befürworter und Gegner des Wiederaufbaus der Bismarck-Statue hatten sich im Herbst mit Worten verbal heftig angegriffen und in der Anonymität des Internets fielen Worte, die mitunter mehr als harsch waren. Am Montagabend trafen nun mit Gundolf Göbel von der Bautzener Liedertafel und Friedrich Pollack vom Sorbischen Institut zwei Protagonisten des Bismarck-Streits aufeinander und stellten beide fest, dass man miteinander reden konnte.

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Sorbisches Programm | 17. Mai 2022 | 12:00 Uhr

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