Ost-West-Debatte Neue Oberbürgermeisterin: "Jede Region hat ihre Vorteile – wie Niesky"

Warum die Kathrin Uhlemann spontan Oberbürgermeisterin wurde, sie bei Rückkehrern auf Sportvereine setzt und wie sie die ostdeutsche Stadt in die Zukunft führen will – darüber berichtet die dreifache Mutter im Interview mit MDR SACHSEN.

Kathrin Uhlemann, neue Oberbürgermeisterin von Niesky
Kathrin Uhlemann tritt als neue Oberbürgermeisterin von Niesky am Freitag ihr Amt an. Sie hatte sich spontan für die Wahl aufstellen lassen - und gewonnen. Bildrechte: Tine Jurtz

Frage: Frau Uhlemann, Niesky ist eine typische ostdeutsche Kleinstadt - Bedeutungsverlust nach 1989, Abwanderung, Ärztemangel. Oft sind nur Probleme bekannt. Wie wichtig ist der Blick auf den Osten?

Kathrin Uhlemann: Für mich hat Deutschland vier Himmelsrichtungen. Die Kategorien Ost und West sind für mich aus der Zeit gefallen und befördern Polarisierung, die unsere Gesellschaft derzeit sowieso erlebt. In den vergangenen 30 Jahren hat sich überall viel verändert. Während die Ballungsgebiete einen enormen Zulauf erleben, kämpfen ländliche Regionen ums Überleben. Nicht nur im Osten – auch in der Eifel, Oberhessen und anderswo.

Viele Menschen glauben, Politiker behandeln Heimatregionen bevorzugt und sind sensibler für Probleme, die sie selbst kennen.

Es ist wichtig, Regionen zu entwickeln. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie den Blick für die jeweiligen Herausforderungen hat – auch wenn entsprechende Städte und Dörfer nicht in ihrer Herkunftsregion liegen. Politik soll ja keine Lobbyveranstaltung sein. Ob eine Ministerin aus dem Osten, dem Saarland oder Hamburg kommt, darf keinen Einfluss darauf haben, wie Regionen innerhalb Deutschlands wahrgenommen werden. Abseits von Ost und West gilt es den Blick auf die Regionen zu lenken, die Förderung bedürfen und Potenzial haben. Jede Region hat ihre Vorteile und oft verborgene Schätze – wie Niesky eben auch.

Sie arbeiteten viele Jahre für die Entwicklungszusammenarbeit in anderen Ländern. Warum werden Sie jetzt Oberbürgermeisterin von Niesky?

Ja, ich habe für Organisationen der deutschen internationalen Zusammenarbeit in anderen Ländern – auch in Zentralasien gearbeitet. Strukturwandel ist seit 20 Jahren mein berufliches Aufgabenfeld. Man kann immer viel wollen, doch für wirkliche Veränderungen muss man in der Region vor Ort sein. Deswegen habe ich mich für Niesky entschieden.

Sie haben sich spontan beworben. Warum?

Ja. Die Aufstellung und Nominierung war am Ende eine kurzfristige Entscheidung. Ein vermuteter Kandidat hat offiziell bekannt gegeben, nicht zu kandidieren. Es blieben nur die amtierende Oberbürgermeisterin und ein Kandidat der AfD. Ich war ohnehin auf der Suche nach beruflicher Weiterentwicklung und wollte Verantwortung übernehmen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mich mit meinen persönlichen Fähigkeiten und Berufserfahrungen von den Kandidaten realistisch abheben kann.

Kommen Sie aus Niesky?

Meine Großeltern kommen aus der Lausitz. Ich selbst bin in Dresden aufgewachsen. Niesky kenne ich besonders von meiner Arbeit für die Agentur für Sächsische Strukturentwicklung, bei der ich in den vergangenen drei Jahre den Strukturwandel in der Lausitz begleitet habe. Dabei ist mir aufgefallen: Niesky wird unterschätzt und bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Ja, viele kennen von Niesky nur als Waggonbau-Stadt …

Niesky hat viel mehr zu bieten. Mir hat mal ein Bürger gesagt, in Niesky verliebt man sich erst auf den zweiten Blick. Viele Stärken des Ortes sind nicht sofort sichtbar. Es gibt eine erstaunliche Breite von Unternehmen. Nicht nur Waggons werden hier produziert, sondern auch Brücken und Kranträger, Vorzelte für Wohnwagen, Farben, Lacke und auch Käse. Hinzu kommen Handwerker und Dienstleister. Viele Unternehmen sind als Traditionsunternehmen fest mit den Bürgern im Ort verbunden.

Das klingt gut, aber nicht besonders.

Wir haben hier eine einzigartige Holzhaussiedlung. Was viele nicht wissen: In Niesky liegt die Wiege des industriellen Holzbaus. Die Stadt ist für seine Holzhäuser weltweit bekannt. Noch heute gibt es mehr als hundert bewohnte Holzhäuser, die einst als Werks- und Musterhaussiedlung gebaut wurden. Niesky weit über seine Grenze bekannt zu machen, soll heute unsere Vision sein. Vielleicht gelingt uns die Revitalisierung des Holzbaus. Wir sind bereits mit Unternehmern im Gespräch, diese Geschäftsfelder neu zu besetzen.

Sie plädieren also für mehr Bekanntheit und den Verweis auf Geschichte?

Unbedingt. Hier ist das Potential von Niesky noch lange nicht ausgeschöpft. Die Stadt ist vor 250 Jahren aus dem Nichts von der Herrnhuter Brüdergemeinde gegründet worden. Der berühmte Herrnhuter Weihnachtsstern kommt eigentlich aus Niesky. Er wurde hier in den Lehranstalten der Missionskinder entwickelt. Das alles spricht für eine riesige Geschichte mit riesigem Potential.

Am 15. Januar treten Sie offiziell Ihr neues Amt an. Was sind Ihre konkreten Vorhaben?

Ich bin mit dem Versprechen für eine neue Kultur des Miteinanders angetreten. Das haben die Menschen hier gesucht und das werde ich auch einlösen.

Was wollen Sie genau tun?

In erster Linie bei der Entwicklung der Stadt die Akteure einbinden. Niesky hat zum Beispiel überdurchschnittlich viele Sportvereine. Wir planen einen Rückkehrertag, wie es ihn in vielen Regionen schon gibt in Kooperation mit Sportvereinen. Diese haben oft noch sehr gute Kontakte mit Menschen, die aus Niesky weggezogen sind und vielleicht Lust haben, in die Stadt zurückzukehren.

Niesky hat, wie so viele ostdeutsche Kleinstädte, viele Einwohner verloren?

Ja, auch in Niesky gibt es diesen Knick und Abwärtstrend. Die Einwohnerzahlen gehen nach unten. Oft höre ich: 'Die Kinder sind weg und werden auch nicht wiederkommen'. Diese Tatsachen sind hör-und spürbar. Doch auch die Stimmen von Menschen, die zurückgekommen sind oder zurückkehren wollen, werden lauter. Ich will Niesky auch für junge Leute wieder attraktiv machen.

Niesky ist auch durch rechtsextreme Gruppierungen wie die "Schlesischen Jungs" bekannt. Wie gehen Sie damit um?

Neonazifestivals gehen für mich nicht. Die will ich in meiner Stadt nicht haben. Wie man in konkreten Fällen vorgeht, müssen wir als Stadtgemeinschaft entscheiden. Grundsätzlich geht es mir darum, Räume positiv zu besetzen. Nicht nur im physischen Sinn, sondern auch als Erfahrungsräume. Das ist mein Ziel in der Kulturarbeit.

Wo sehen Sie Niesky künftig?

Ich wünsche mir ein lebendiges Miteinander, volle Auftragsbücher für den Stahl- und Waggonbau sowie für alle Unternehmen. Wo es ansteht, soll die Unternehmensnachfolge gut gelingen und sollen sich neue Firmen gründen. Niesky soll bei der sächsischen Regierung sowie der Bundesregierung bekannter werden.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 11. Januar 2022 | 20:00 Uhr

Mehr aus Bautzen, Hoyerswerda und Kamenz

Mehr aus Sachsen