Protestaktion Anzeigenflut: Inserate ungeimpfter Pflegekräfte führen teils ins Leere

In sächsischen Zeitungen waren am Wochenende zahlreiche Annoncen ungeimpfter Pflegekräfte zu lesen. Ob die, wie dort angegeben, wegen der Impfpflicht tatsächlich einen neuen Job suchen, ist fraglich. Unter den Telefonnummern sind oft keine Inserenten zu erreichen. In einem Fall hat MDR SACHSEN doch mit einer Betroffenen sprechen können.

Wie in der Wochenendausgabe der Freien Presse aus Chemnitz waren auch in vielen anderen sächsischen Zeitungen am Samstag zahlreiche Jobanzeigen ungeimpfter Pflegekräfte abgedruckt.
Wie in der Wochenendausgabe der Freien Presse aus Chemnitz waren auch in vielen anderen sächsischen Zeitungen am Samstag zahlreiche Jobanzeigen ungeimpfter Pflegekräfte abgedruckt. Bildrechte: MDR

"Junge Krankenschwester, sehr gut ausgebildet, ungeimpft, sucht ab 16.03.22 neue berufliche Herausforderung." Ein Inserat aus dem "Oberlausitzer Kurier" vom vergangenen Sonnabend. Das Anzeigenblatt erscheint im Raum Bautzen. Wer die angegebene Handynummer in der Anzeige wählt, hört die automatische Ansage: Die Nummer sei unvollständig.

"Rettungssanitäter, ungeimpft muss wg. Impfpflicht neues Betätigungsfeld suchen." Lautet eine weitere Anzeige in dem Blatt, unter der angegebenen Telefonnummer nimmt niemand ab. 124 Stellengesuche von Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Notfallsanitätern sind in der Ausgabe des Anzeigenblattes abgedruckt. In den beiden Wochen zuvor gab es in dem Blatt nicht ein Stellengesuch. Die bemerkenswerte Häufung legt den Verdacht nahe, dass es sich um eine abgesprochene Aktion von Gegnern der Corona-Impfung handeln könnte. Über soziale Medien und Messengerdienste wie Telegram war in den vergangenen Wochen zu solchen Inseraten aufgerufen worden.

Fantasienummern und oft niemand zu erreichen

Auch in mehreren sächsischen Tageszeitungen standen am Wochenende auffallend viele Stellengesuche angeblich ungeimpfter Pflegekräfte – so unter anderem in der "Sächsischen Zeitung", den "Dresdner Neuesten Nachrichten" und auch in der "Freien Presse".

MDR SACHSEN versuchte einige der 124 Annoncen-Aufgeber im "Oberlausitzer Kurier" zu erreichen. Unter drei Vierteln der Anzeigen stehen Handynummern. Einzelne Inserate sind mit Festnetz-Nummern versehen. Der Rest läuft unter Chiffre. Bei unseren Stichproben konnten wir nur selten jemanden erreichen. Mehrfach meldete sich die Mailbox oder es wurde nicht abgenommen. Telefonnummern wie die "0160-1234567890" waren nicht vergeben.

Inserentin versteht Anzeige als "Weckruf" an die Politik

Bei einem Anruf haben wir dann doch Erfolg. Im Inserat sucht eine Krankenschwester mit "über 10-jähriger Leitungserfahrung" wegen der Impfpflicht ein neues Betätigungsfeld. Als Kontakt ist eine Handynummer angegeben. Der Ruf wird auf ein Festnetztelefon weitergeleitet. Dort meldet sich ein Mann aus dem Raum Zittau. Er sagt, das Inserat sei für seine Frau aufgegeben worden. Drei Jobangebote außerhalb der Pflegebranche habe sie aufgrund der Anzeige bereits erhalten.

Die Frau arbeite seit mehr als 34 Jahren in der Pflege, sei Krankenschwester an einem großen Krankenhaus, sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. Dort seien "60 oder mehr" Pflegekräfte ungeimpft. Er schätzt, das seien rund zehn Prozent des Personals. Die Impfpflicht hätte für diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab Mitte März ein Betretungsverbot im Krankenhaus zur Folge.

Impfskepsis aus religiösen Gründen

Auf der Station seiner Frau herrsche aber Personalnot. "Hier können nicht mal eben so zehn Schwestern ausfallen", sagt der Mann. Dann sei dort der Betrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten. Darauf wollten die Krankenschwestern mit den Inseraten hinweisen. Es sei ein "Weckruf" an die Politik und die Öffentlichkeit. Man habe von einer ähnlichen Aktion in einer bayrischen Zeitung gelesen und habe sich gedacht, das auch hier probieren zu können, erzählt der Mann. "Die Pflegekräfte sehen keine andere Chance sich zu äußern", erklärt er. Briefe an Politiker wie den Landrat seien unbeantwortet geblieben.

Später meldet sich die Krankenschwester selbst zurück. Sie bestätigt die Angaben ihres Mannes. Sie sagt, dem Pflegeberuf werde keine Wertschätzung mehr entgegengebracht. Die Impfpflicht sei der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringe. "Es reicht einfach", sagt die Frau. Auch sie will anonym bleiben. Sie habe sich innerlich bereits aus dem Job verabschiedet und sei "ernsthaft auf der Suche" nach einem Job in einer anderen Branche. Die Angebote, die sie bislang erhalten habe, hätten ihr aber nicht zugesagt. Sie wolle sich aus religiösen Gründen nicht impfen lassen. Sie sei Katholikin und hat gelesen, dass der Impfstoff auf Zelllinien abgetriebener Föten entwickelt worden sei. "Das geht für mich überhaupt nicht", sagt die Krankenschwester.

Krankenschwester: Annoncen waren abgesprochene Aktion

Auch die Kollegen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) erreichten die Auftraggeberin einer Annonce. Die vermittelte an eine Krankenschwester im Klinikum Oberlausitzer Bergland. Diese Krankenschwester sagte einer Redakteurin, es sei abgesprochen gewesen, die Anzeigen alle an einem Tag zu schalten. Die Pflegerinnen und Pfleger hätten damit ein Zeichen setzen wollen. Die Krankenschwester sagt, dass viele der Inserenten ihre richtige Telefonnummer nicht angeben wollten. Mit Chiffre seien die Anzeigen aber teurer, daher hätten sie falsche Nummern angegeben. Rückmeldungen auf die Jobanzeigen würden sie dann untereinander austauschen und auch mit denen teilen, die wegen falscher Angaben von Jobanbietern nicht kontaktiert werden können.

Verlag verurteilt falsche Kontaktangaben

Die Geschäftsführung des "Oberlausitzer Kuriers" teilte am Montagnachmittag mit, dass die Mehrzahl der Annoncen für den Stellenmarkt online eingereicht worden seien. Bezahlt würden die Anzeigen dann per Lastschrift. Die angegebenen Bankverbindungen seien plausibel und den Auftraggebern zuzurechnen gewesen. Einige Anzeigen seien aber auch telefonisch oder persönlich in der Geschäftsstelle des Verlages aufgegeben und bar bezahlt worden. Der Anzeigenpreis liegt nach Angaben der Geschäftsführung je nach Länge des Textes zwischen 11 und 20 Euro. Anzeigen unter Chiffre kosten mehr. Einige wenige Anzeigen hätten politische Botschaften enthalten. Sie seien deshalb nicht veröffentlicht worden.

Am Montag hätten sich nach Aussage der Geschäftsführung des Anzeigenblattes zahlreiche Auftraggeber dieser Anzeigen im Verlag gemeldet. Sie hätten versichert, echte medizinische Angestellte zu sein. Aus Furcht vor ihrem Arbeitgeber und der Öffentlichkeit hätten sie ihre Kontaktdaten verfälscht. "Wir als Auftragnehmer verurteilen die Verfälschung von Telefonnummern ausdrücklich", teilte die Lokalnachrichten Verlagsgesellschaft mit.

Thema Pflege in der Pandemie

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 24. Januar 2022 | 16:30 Uhr

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