20 Jahre Afghanistan Wie sich der Bautzener Sandro Strack zurück ins Leben kämpfte

Nach fast 20 Jahren ist der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan Ende Juni zu Ende gegangen. Heute sollen die beteiligten Soldatinnen und Soldaten geehrt werden. Unter anderem wird mit einer Kranzniederlegung an die 59 gefallenen Soldaten erinnert. Auch der Bautzener Sandro Strack war als Soldat in Afghanistan. Er hat an einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten und ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben: "Ich hatte ein Leben". MDR SACHSEN sprach mit dem ehemaligen Soldaten.

Bundeswehr-Soldat an Maschinengewehr auf Lafette auf Militärfahrzeug
Sandro Strack bei einem seiner drei Einsätze, hier 2008 in Afghanistan Bildrechte: Sandro Strack/MDR

Herr Strack, wenn Sie die Augen schließen, welches Bild haben Sie zuerst im Kopf?

Mein erstes Bild, was ich im Kopf habe, ist die Landung auf dem Kabuler International Airport. Das war so der erste Eindruck, den ich damals mitgenommen habe. Dieses Ankommen, dieses warme Land. Ich bin das erste Mal im August geflogen. Und das war schon alles sehr spannend. Man musste schnell aus dem Flugzeug raus, man hat einen Helm aufgesetzt bekommen, man hat eine Splitterschutzweste angezogen bekommen. Dann ist man sofort in den Einsatz rein.

Sofort in den Einsatz, sofort raus. Da sind bestimmt auch Erfahrungen dabei, auf die Sie vielleicht lieber verzichtet hätten. Haben Sie zum Beispiel Kameraden verloren?

Es gibt einige Sachen, auf die man gerne verzichtet hätte. Ich habe einen Anschlag miterlebt und ich wurde beschossen. Einen direkten Kameraden hab ich nicht verloren, aber man kannte sich, da die Lager nicht so groß sind. Da hatte man schon einige Leute, die plötzlich nicht mehr da waren.

Als Sie zurückkamen aus Afghanistan, das war eine schwere Zeit für Sie, wie Sie auch in ihrem Buch schreiben. Konnten sich Leute in Ihre Lage hineinversetzen?

Dieses Zurückkommen, dieses Akzeptiertwerden, ist schon schwierig gewesen. Es gab viele Leute, die gesagt haben, "der war in Afghanistan, der hat ja gutes Geld verdient, das war sein Job." Das mag alles richtig sein. Aber die Erfahrungen, die ich nach dem Einsatz in Deutschland gemacht habe, waren extrem. Ich war mit meiner Mutter auf dem Weihnachtsmarkt und da war eine große Menschenmenge. Das war dann alles zuviel, weil man die ganzen Monate zuvor so gelebt hat, dass man große Menschenmengen meidet. Oder kurz vor Silvester, wenn die Leute die Raketen und Böller hochgeschossen haben. Man zuckt zusammen. Das sind Erfahrungen, die man meiden möchte.

Portrait Bundeswehr-Soldat Stabsunteroffizier Sandro Strack 5 min
Bildrechte: Sandro Strack/MDR

Sandro Strack aus Bautzen war als Soldat dreimal mit der Bundeswehr in Afghanistan. Wir haben ihn gefragt: Wenn Sie die Augen schließen, welches Bild haben Sie im Kopf? Wie haben Sie die Erfahrungen verarbeitet?

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mi 13.10.2021 06:20Uhr 05:06 min

https://www.mdr.de/sachsenradio/audio-afghanistan-krieg-erfahrungen-sandro-strack-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Fühlten Sie sich nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr auch ein bisschen alleingelassen mit diesem Kampf zurück ins Leben?

Das haben Sie richtig gesagt. Man wird ein bisschen im Stich gelassen. Zu dem Zeitpunkt 2010/2011, wo ich viel mit mir selber zu tun hatte, habe ich Hilfe bei der Bundeswehr gesucht. Aber dann wurde mir gesagt, ich bin kein Angehöriger mehr der Streitkräfte, deshalb bekomme ich keine Hilfe. Ich musste mir dann privat Hilfe suchen. Ich selbst habe das gar nicht so mitbekommen. Meine Eltern und meine damalige Partnerin, die haben gesagt, ich soll mir doch Hilfe suchen, weil ich schlecht geschlafen habe, weil ich Albträume hatte und vielleicht auch ein bisschen viel Alkohol getrunken habe.

2015, als mein ganzes "Gerüst" zusammengestürzt ist, als Frau und Kinder weg waren, da war ich an dem Tiefpunkt, wo ich selber für mich entschieden habe: Jetzt muss ich mir Hilfe suchen. Und das habe ich dann auch mit sehr viel Unterstützung meiner Eltern gemacht.

Konnten Sie die Hilfe auch annehmen und das Erlebte für sich aufarbeiten?

Ja, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich konnte das mit Hilfe meiner Eltern aufarbeiten. Zudem habe ich parallel zusammen mit Andrea Micus ein Buch geschrieben, das heißt "Ich hatte ein Leben". Und somit habe ich das neben meiner Therapie noch einmal verarbeitet. Das war wie ein Befreiungsschlag.

Und jetzt, nachdem Sie sich Hilfe gesucht haben, können Sie das Leben wieder genießen?

Seit 2017 geht es bei mir stetig bergauf. Ich habe einen guten Job, ich habe eine Partnerin und ein weiteres Kind. Aber es gibt immer wieder so "Triggerpunkte" wie jetzt zum Beispiel die Übernahme von Kabul. Das schwirrt mir immer wieder im Kopf rum und ich verfolge die Nachrichten. Da hat man natürlich wieder andere Gedanken. Aber PTBS (Posttraumatisches Belastungssyndrom) ist eine Krankheit, die ist immer da.

Das Buch von Sandro Strack und Andrea Micus "Ich hatte ein Leben" ist im riva Verlag erschienen.

Quelle: MDR/kb/mz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Guten Morgen | 13. Oktober 2021 | 06:20 Uhr

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