Internetkriminalität "Du bist so schön": In den Fängen eines Love-Scammers

Love-Scamming ist eine perfide Anbahnungsmasche, bei der Kriminelle einer Person die große Liebe vorspielen, um sie finanziell auszunehmen. Das emotional abhängige Opfer will den ungeheuren Betrug meist nicht wahrhaben. Um ihrer Mutter den Schwindel zu beweisen, begab sich eine Oberlausitzerin selbst in die Fänge des vermeintlichen Verehrers.

Eine Rose liegt auf einem Notebook.
Love-Scamming ist eine Betrugsmasche, bei der den Opfern die große Liebe vorgespielt wird, um an ihr Geld zu kommen. Bildrechte: dpa

"Hallo Mama! Du bist so schön!" Mit diesen Worten meldete sich Jean, ein angeblich 41-Jähriger Mann aus Gabun, über Facebook bei Ilona und versuchte, mit ihr anzubandeln. Doch die 66-Jährige ging nur zum Schein darauf ein. Denn sie wusste: Seine Komplimente waren eine schlimme Betrugsmasche. Warum machte sie das gefährliche Spiel mit? Es ging nicht um sie, erklärt die Oberlausitzerin, sondern um ihre Mutter. Sie sei von eben dieser Facebookbekanntschaft geradezu abhängig gewesen.

Love-Scamming: eine perfide Anbahnungsmasche

Love- oder Romance-Scamming ist eine Form von Internetkriminalität. Dabei wird über soziale Netzwerke versucht, jemandem die große Liebe vorzuspielen, mit dem Ziel, ihn finanziell auszunehmen. Das Profil dieser angeblich so verliebten Person ist ausgedacht - Name, Adresse, selbst die Fotos sind nicht echt. Die Bilder wurden meist von anderen Profilen gestohlen. Allein in Sachsen zählte das Landeskriminalamt im vergangenen Jahr 412 Love-Scamming-Fälle, die bei der Polizei zur Anzeige gebracht wurden. Dabei wurden die Opfer um insgesamt 4,2 Millionen Euro gebracht.

Sie war ganz doll in den Mann verliebt. Er hat ihr das Blaue von Himmel erzählt, die schönsten Liebesgedichte geschrieben.

Ilona über den Love-Scammer ihrer Mutter

Ilonas Mutter ist ein konkreter Fall aus dieser Statistik. "Sie war ganz doll in den Mann verliebt. Er hat ihr das Blaue von Himmel erzählt, die schönsten Liebesgedichte geschrieben", berichtet die Oberlausitzerin. Die ganze Familie versuchte der 84-Jährigen zu erklären, dass diese Internetbeziehung mit Jean ein Schwindel ist. Der große Altersunterschied, die räumliche Distanz, das könne doch nicht ernst gemeint sein. Doch alle Worte prallten ab - Ilonas Mutter war dem Mann verfallen. Tag und Nacht hatte sie den Laptop an, um nicht zu verpassen, wenn er wieder online geht und dann mit ihm chatten zu können.

Seniorin überweist mehr als 8.000 Euro

Doch nach einer Weile fing der Mann an, nach Geld zu fragen. Einmal hatte er Corona und kein Geld für Medikamente. Es gab immer irgendwelche finanziellen Probleme und Ilonas Mutter sollte einspringen. "Meine Mutter hat das Geld über Western Union geschickt, angeblich auf das Konto seiner Schwester", erinnert sich Ilona. Insgesamt mehr als 8.000 Euro überwies die Rentnerin ihrem vermeintlichen Liebsten im vergangenen Jahr, schätzt die Tochter. "Am Ende hat meine Mutter zu Hause nur noch Butterstulle gegessen und sich gar nichts mehr gegönnt."

Meiner Mutter ging es sehr schlecht, als ihr der Betrug klar wurde. Und sie hatte sehr viel Wut.

Ilona

Um sie endlich von dem Betrug zu überzeugen, begab sich Ilona selbst in die Fänge des Schwindlers. Ab da fielen der alten Dame auch Ungereimtheiten auf. So schien nicht ein Mann, sondern verschiedene Personen mit ihr über den Facebookkontakt zu schreiben. Mal war das Französisch ihrer vermeintlichen große Liebe perfekt, dann änderte sich die Ausdrucksweise. "Meiner Mutter ging es sehr schlecht, als ihr der Betrug klar wurde. Und sie hatte sehr viel Wut", denkt Ilona an die harten Lehrstunden der Wahrheit zurück.

Anzeige bei der Polizei, Kontakt blockiert

Mutter und Tochter zeigten den Fall bei der Polizei an und meldeten ihn auch nach Gabun. Von  afrikanischer Seite machte man ihnen wenig Hoffnung, dass der Täter gefasst werde. "Dort hieß es, man kommt kaum an die Täter ran", sagt Ilona. Dann teilten die Frauen dem Betrüger über Facebook mit, dass der Schwindel aufgeflogen ist. Sofort seien sie von einem anderen Facebook-User mit Worten bedroht worden, erinnert sich Ilona. Schnell blockierten die Frauen sämtliche dubiosen Kontakte. Dem Facebook-Unternehmen meldeten sie den Account des falschen Verehrers. Leider sei er nicht gleich gesperrt worden. "Facebook ist da sehr nachlässig", bedauert die 66-Jährige.

Doch die Geschichte hat ein glückliches Ende. Ilonas Mutter fand ihre große Liebe aus den 1980er-Jahren wieder - einen wirklich existierenden Mann, mit dem sie nun regelmäßig schreibt und telefoniert. Ilona ist seither in einer Love-Scamming- Facebookgruppe aktiv, um über solche Liebesschwindler aufzuklären. Dort tauscht sie sich mit betroffenen Frauen und Männern aus. Sie gibt unter anderem Tipps, welche Daten man möglichst nicht im Internet weitergeben sollte, wie man einen Betrug erkennt und dort wieder herauskommt.

Hilfe vom Weißen Ring - Die Mitarbeiter der sächsischen Opferhilfe Weißer Ring kennen sich auch mit Love-Scamming-Fällen aus. Man versuche die Betroffenen durch die Krisensituation zu lotsen, leiste Beistand, helfe bei rechtlichen Schritten und begleite bei Zeugenaussagen, erklärt Mandy Hennig vom Weißen Ring Sachsen.

- Für Menschen, die durch den Love-Scammer verschuldet sind, gebe es auch die Möglichkeit, einen Hilfecheck für eine Erstberatung bei einem Anwalt oder Therapeuten auszureichen.

- Gerade in der Coronazeit hätten Love-Scammer leichteres Spiel gehabt. Ihre vermeintliche Bindung habe durch die Einsamkeit in der Coronakrise geholfen, berichtet die stellvertretende Landesvorsitzende vom Weißen Ring.

- Durch Love-Scammer Geschädigte neigten oft dazu, sich zu schämen und seien verunsichert. Aber sie treffe keine Schuld, betont Hennig.

Telefon: 0351/85074496
sachsen.weisser-ring.de

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 10. Mai 2022 | 12:30 Uhr

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