Wirtschaft IT-Branche boomt: Neues Innovationszentrum in Görlitz

In Hinterhöfen, in Wohnungen und in alten Stadtvillen hat in Görlitz bislang das digitale Zeitalter im Verborgenen begonnen. Kaum bekannt ist, dass sich die Stadt an der Neiße zu einem Zentrum der IT-Branche entwickelt hat, darunter sind auch Weltmarktführer. Seit Januar hat die Branche ein Aushängeschild beim Bahnhof: das Innovationszentrum "InnoLabs".

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Das sanierte Landratsamt ist bislang der Blickfang am Bahnhof in Görlitz. Daneben verrotteten einige Gebäude, darunter ehemalige Hotels, die russische Eigentümer haben sollen. Nahe des Busbahnhofs nebenan verfiel bis vor drei Jahren ein Gebäudekomplex, den der Volksmund das "Persil-Haus" nennt.

Historische Fassade mit Werbung.
Den Gebäudekomplex am Bahnhof nannten die Görlitzer wegen der Werbung "Persil-Haus". Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH

Das "Persil-Haus beherbergte einst einen Brennstoffhandel, war auch Lagerhaus, hatte Garagen und sogar eine Tankstelle. An die ehemaligen Nutzer erinnerten noch einige verblasste Inschriften und verrostete Teile, die von Müll oder Wildwuchs überwuchert wurden.

Historische Leuna-Tankstelle am Bahnhof in Görlitz.
Auf dem Hof von InnoLabs befand sich einst eine Tankstelle. Heute wird dort nicht mehr Sprit sondern Strom getankt. Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH

Spontane Idee lässt graue Haare sprießen

Trotz ihres katastrophalen Zustandes inspirierten die Häuser den Görlitzer Bauunternehmer Jens Runge und seinen Freund Daniel Patzelt, einen diplomierten Informatiker aus Weißwasser. Patzelt kam viel herum und auf eine Idee für Görlitz:

Durchgebrochene Decke in einem Gebäudeteil.
Vor drei Jahren noch unvorstellbar, dass aus diesem Chaos das Aushängeschild der IT-Branche in Görlitz wird. Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH

Ich war geschäftlich des Öfteren unterwegs in größeren Städten und da war ich immer angefixt. Also in Berlin gibt es zum Beispiel den EUREF-Campus, in Leipzig das SpinLab. Auch in Dresden gibt spannende Objekte. Deshalb war ich immer der Meinung, so etwas brauchen wir in Görlitz auch.

Daniel Patzelt Geschäftsführer InnoLabs

Vorher-Nachher Schieben Sie den Pfeil: So hat sich der Hof des InnoLabs gewandelt

Vor drei Jahren war zumindest der beräumte Hof schon nutzbar. Heute bietet der Parkplatz Ladesäulen für E-Fahrzeuge und E-Bikes.

Maroder Gebäudekomplex mit Fahrzeugen.
Vor knapp drei Jahren als Idee für das Innovationszentrum Gestalt annahm, wurde zuerst der Hof beräumt. Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH
Maroder Gebäudekomplex mit Fahrzeugen.
Vor knapp drei Jahren als Idee für das Innovationszentrum Gestalt annahm, wurde zuerst der Hof beräumt. Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH
Blick vom Parkplatz auf das Innovationszentrum
Heute bietet der Hof nicht nur Parkplätze, sondern auch Ladesäulen für Fahrzeuge mit Elektroantrieb und E-Bikes. Bildrechte: Uwe Walter
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16 Monate Bauzeit wähend der Pandemie

In nur fünf Minuten fiel 2019 die Entscheidung, aus dem maroden Gebäudekomplex ein hochmodernes Innovationszentrum zu machen, erzählt der Informatiker. Und aufgrund seiner guten Beziehungen in die Görlitzer IT-Szene will er nur wenige Minuten später die ersten potentiellen Mieter an der Hand gehabt haben. Deshalb gaben die Bank ihm grünes Licht für Kredite. Innerhalb von 16 Monaten entstand am Bahnhof für fünf Millionen Euro das Innovationszentrum namens "InnoLabs". "Ein Bauzeitrekord, trotz der Corona-Pandemie und den zahlreichen Einschränkungen", lacht der 47 Jahre alte Chef des neuen InnoLabs. "Meine ersten grauen Haare rühren wahrscheinlich daher!"

Ein Bauzeitrekord, trotz der Corona-Pandemie und den zahlreichen Einschränkungen.

Daniel Patzelt Bauherr und Geschäftsführer

Weltmarktführer im Verborgenen

InnoLabs bedient offenbar in Görlitz eine Marktlücke, denn bislang sind die IT-Firmen in Görlitz weit verteilt. Sie tüfteln meist in Wohnungen, in ehemaligen Gaststätten, hocken in Nebengebäuden in Hinterhöfen oder in den Resten einer Industriebrache. Dabei gibt es in Görlitz Weltmarktführer in der Datenverarbeitung.

Ein Weltmarktführer ist die Erdmann-Softwaregesellschaft. Sie betreut 92.000 Kilometer Gleisanlagen weltweit. Aufgrund von Datenanalysen können die Görlitzer bis zu drei Jahre im Voraus bestimmen, wann ein Schotterbett, Schwellen, Weichen oder Schienen getauscht werden müssen.

Gleisbau Messe Dresden
In Görlitz können Spezialisten anhand von Daten drei Jahre im voraus bestimmen, wann Gleise gewartet werden müssen. Ihre Kunden sind Eisenbahnen aus ganz Europa und Australien. Bildrechte: MDR/ Diana Köhler

Nun haben sieben Firmen ihre alten Standorte aufgegeben und sind mit insgesamt 160 Mitarbeitern ins Innovationszentrum an den Bahnhof gezogen. "Alle Mieter, die in das Objekt gezogen sind, sind dem Ziel eingezogen zu wachsen", sagt Patzelt im Gerspräch mit MDR SACHSEN.

Daniel Patzelt am Schreibtisch
Daniel Patzelt hatte mit einem Freund die Idee, ein Innovationszentrum für die IT-Branche in Görlitz zu bauen. Bildrechte: Uwe Walter

Die neue Arbeitswelt

Große Fenster, dank kompromissbereiter Denkmalpfleger: Ein traumhafter Ausblick über die Südstadt zur Landeskrone. Eine Klimaanlage mit Pollenfilter und eine Fußbodenheizung sorgen für angenehme Raumtemperaturen. Die Schreibtische sind höhenverstellbar. Helle großzügig geschnittene Büros mit Grünpflanzen sollen Kreativität fördern.

Vorher-Nachher-Einblicke Schieben Sie den Pfeil: So hat sich der Dachboden verändert

Ein maroder Dachboden wird in nur 16 Monaten zum Co-Working-Space.

Ausgeräumtes Dachgeschoss mit Dachstuhl.
Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH
Ausgeräumtes Dachgeschoss mit Dachstuhl.
Bildrechte: InnoLabs Görlitz GmbH
Blick in den Co-Workimg-Space-Raum
Bildrechte: Uwe Walter
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InnoLabs will Maßstäbe in Görlitz setzen

Für Konferenzen stehen multifunktionale Räume bereit, ausgestattet mit moderner Video- und Medientechnik. Wahrscheinlich auch deshalb sind die 2.000 Quadratmeter fast vollständig vermietet. Nur im sogenannten Co-Working- Space ist es relativ still.

Mann verlässt ein Großraumbüro
Das Innovationszentrum muss den Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen in Berlin, Leipzig oder München nach Ansicht von Geschäftsführer Patzelt nicht scheuen: Es setzt nicht nur an der Neiße neue Maßstäbe, findet er. Bildrechte: Uwe Walter

Zu Hause nervt die Frau

Im Großraumbüro klappert die Computertastatur nur an einem von neun Arbeitsplätzen. Vor zwei Bildschirmen sitzt Krzysztof Adega. Als Projektleiter plant und vertreibt er von hier aus Ladestationen für Elektromobile: "Man kriegt hier alles, was man benötigt. Es ist echt klasse und schaut toll aus. Schnelles Internet, eine Küche und eine Kantine ist auch da. Was will man mehr?" Für den Außendienstler ist das Innovationszentrum in Görlitz ein Hauptgewinn. Lieber arbeitet er hier im Co-Working-Space als zu Hause:

Manchmal braucht man wirklich Ruhe, dann bin ich lieber hier, weil meine Frau ist zu Hause. Und die geht mir zwischen durch immer wieder mal auf die Nerven.

Krzysztof Adega Projektleiter Ladestationen

Mann am Arbeitsplatz mit Laptop und Bildschirm
Krzysztof Adega arbeitet lieber im Co-Working-Space als im Homeoffice: "Zu Hause nervt die Frau!" Bildrechte: Uwe Walter

Während der Arbeit kann der Projektleiter sein E-Auto oder E-Bike im Hof laden. Auf dem Parkplatz haben die Stadtwerke Ladestationen installiert. Doch nicht nur das Arbeitsumfeld für Informatiker verbessert sich in Görlitz, auch die Gehälter steigen.

Im Osten Geld verdienen

Während noch vor wenigen Jahren die Fachkräfte in Richtung Westen zogen, kommen jetzt immer mehr zurück in die Heimat. Auch Daniel Patzelt zog es nach seinem Studium erst einmal nach Westen zu Daimler, bis der Weißwasseraner die Möglichkeiten in Görlitz neu entdeckte. Patzelt ist nicht allein: "Bis auf zwei Studienkollegen sind alle wieder hier, weil wir mithalten können. Nicht nur bei den Aufgaben, sondern auch bei den Gehältern."

Blick auf Görlitzer Bahnhofstraße
Das neue Aushängeschild der IT-Branche in Görlitz befindet sich nur wenige Schritte vom Görlitzer Bahnhof entfernt. Die Firmen hier bieten sehr gute Arbeitsbedingungen samt guter Verdienstmöglichkeiten. Alle wollen wachsen. Deshalb werden Mitarbeiter gesucht. Bildrechte: Uwe Walter

Wir zahlen in Görlitz im IT-Umfeld die gleichen Gelder wie in den großen Ballungszentren München, Stuttgart oder Hamburg.

Daniel Patzelt Geschäftsführer

Boombranche an der Neiße

Nach Angaben der Görlitzer Wirtschaftsförderung boomt die IT-Branche in Görlitz mit mehr als 1.000 Beschäftigten. Gerade deshalb sollte die Neißestadt auf den Ausbau der IT-Branche setzen, meint der Chef von InnoLabs. "Wir sehen ja, in der Industrie gehen Arbeitsplätze verloren, Siemens, Alstom. Das ist alles ein bisschen fragil."

Menschen mit großen Plakat zum Erhalt der Arbeitsplätze
Immer wieder kämpfen die Turbinen- und Waggonbauer in Görlitz um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, denn Siemens und Alstom wollen offenbar ihre Werke auslaufen lassen. Bildrechte: Uwe Walter

Das Einzige, was in Görlitz wirklich richtig laufe - neben dem Tourismus - sind nach Ansicht von Daniel Patzelt die in aller Regel gut bezahlten Arbeitsplätze im IT-Bereich.

MDR (uwa)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | RegionalReport Studio Bautzen | 21. April 2022 | 16:30 Uhr

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