Äbtissin zu Gesprächen bereit Kloster in Ostritz will alte Handschriften für Millionen verkaufen - vielleicht an Sachsen

Das Kloster St. Marienthal in Ostritz an der Neiße bietet wertvolle mittelalterliche Handschriften über einen Handschriftenhändler auf dem internationalen Kunstmarkt an. Experten sind über das Vorgehen des Klosters entsetzt. Auch der Freistaat spricht von einem unersetzbaren Verlust, sollten die Werke tatsächlich außerhalb Sachsens verkauft werden. Jetzt zeigt sich die Äbtissin gesprächsbereit.

Marienthaler Psalter
Eine Doppelseite aus dem Marienthaler Psalter. Er gehört zu den Handschriften, die das Kloster St. Marienthal verkaufen möchte. Bildrechte: www.sachsen.digital.de

Vielleicht bleiben die wertvollen mittelalterlichen Handschriften aus dem Kloster St. Marienthal in Ostritz nun doch in Sachsen. Das Zisterzienserinnenkloster sei zu weiteren Gesprächen mit Sachsens Landesregierung bereit, kündigte dessen Äbtissin Elisabeth Vaterodt am Donnerstag an. In den Tagen zuvor hatte es große Aufregung unter Experten gegeben, als die Verkaufspläne des Klosters bekannt wurden.

Der Dresdner Historiker Andreas Rutz machte seinem Ärger gleich weltweit Luft: "Eine Katastrophe für das kulturelle Erbe des Freistaates", twitterte der Inhaber des Lehrstuhles für sächsische Landesgeschichte an der TU Dresden. Denn das Kloster hat den international bekannten Schweizer Handschriftenhändler Jörn Günther beauftragt, einen Käufer für den sogenannten Marienthaler Psalter und andere wertvolle mittelalterliche Handschriften zu finden.

Wert auf fünf Millionen Euro geschätzt

Seit wenigen Tagen bietet Günther sie im Internet an. Die Werke aus der Klosterbibliothek sind nun Teil seines Kataloges für die TEFAF Maastricht, einer internationalen Kunst- und Antiquitätenmesse im Juni. Angeblich sollen sie für bis zu vier Millionen Euro verkauft werden. Jörn Günther selbst wolle sich auf Nachfrage von MDR SACHSEN nicht zur Summe äußern: "Kein Kommentar."

Laut Äbtissin Elisabeth Vaterodt ist für den Marienthaler Psalter bei einer Schätzung ein Wert von bis zu fünf Millionen Euro veranschlagt worden. Die Aussicht auf diese hohe Summe ist auch der Grund für den Verkauf, denn das Kloster hat eigenen Angaben zufolge große finanzielle Probleme.

Kloster hat Geldprobleme

Als Ursache für die Geldsorgen nannte die Äbtissin das Hochwasser 2010 und die Corona-Krise. Der Verkauf sei derzeit "die einzige Option", um das Kloster zu erhalten. Nach dem Neiße-Hochwasser seien die Bauschäden in den vergangenen zwölf Jahren zwar zumeist mit staatlicher Förderung beseitigt worden. Statt der ursprünglich veranschlagten 1,5 Millionen Euro habe das Kloster aber fünf Millionen Euro Eigenmittel beisteuern müssen, auch wegen Auflagen des Denkmalschutzes. Zudem habe das Kloster infolge der Corona-Pandemie kaum Einnahmen durch Beherbergung, Gastronomie und Klosterladen erzielt. Zugleich beliefen sich die jährlichen Unterhaltskosten der Abtei auf bis zu 500.000 Euro.

Die Geldsorgen des Klosters sind nicht neu. Bereits 2010, kurz vor dem verheerenden Augusthochwasser, hatten die Schwestern rund 800 Hektar Klosterwald an zwei Adelsfamilien aus Franken verkauft. Damit sollte die finanzielle Zukunft des Klosters gesichert sein, doch das Hochwasser spülte diese Pläne davon. Jetzt fehlt dem Kloster erneut Geld. So mussten bereits die "Altersrücklagen" der derzeit acht, meist alten Schwestern des Konvents zur Deckung der Kosten verwendet worden, erklärt die Äbtissin.

Was macht die Marienthaler Psalter so wertvoll?

Bei den Werken, die das Ostritzer Kloster verkaufen möchte, handelt es sich um eine Sammlung von mittelalterlichen Andachtsbüchern und Handschriften. Eines davon ist der rund 800 Jahre alte Marienthaler Psalter. Für Barbara Wiermann von der sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek SLUB ist es das prächtigste Stück. Es beinhalte die 150 vollständigen biblischen Psalmen, sei reich koloriert und malerisch ausgeschmückt.

Das ist wirklich mittelalterliche Buchmalerei, mittelalterliche Darstellung vom Feinsten. Solche Stücke haben wir sonst in Sachsen nicht.

Barbara Wiermann Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB)

Unibibliothek in Leipzig hat Schriften erforscht und digitalisiert

Barbara Wiermann von der SLUB in Dresden und ihre Kollegen vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek in Leipzig ärgert das Vorgehen des Klosters besonders. Die Werke seien schließlich von ihnen mit Steuermitteln katalogisiert und in diesem Zusammenhang erstmals auch intensiv untersucht worden. Außerdem habe man sie mit öffentlichen Mitteln digitalisiert. Erst seit wenigen Tagen sind sie im Internet unter www.sachsen.digital.de für jeden abrufbar. Hinzu kommt, dass der Freistaat schon länger mit dem Kloster im Gespräch ist, um die Handschriften zu kaufen.

Freistaat will Werke für Sachsen bewahren

Man habe im Februar 2022 vereinbart, dass man bis Ende Juni Zeit habe, um ein Angebot vorzulegen, sagt Barbara Wiermann. Schließlich müsse auch der Freistaat erst prüfen, welches Geld zur Verfügung steht und welche Drittmittel eingeworben werden können. "Diese Vereinbarung wurde gebrochen, das muss man ganz klar sagen." Das sächsische Kulturministerium appelliert unterdessen an die Klosterleitung, sich wieder an einen Tisch zu setzen. Laut Ministeriumssprecher Jörg Förster ist man bereits wiederholt auf die Äbtissin zugegangen und hat um Darstellung des neuen Sachverhalts gebeten. Man wolle das für die sächsische Geschichte so bedeutsame Kulturgut bewahren.

Es wäre ein unersetzbarer Verlust, wenn diese herausragenden Werke nicht mehr öffentlich zugänglich sind.

Jörg Förster Pressesprecher des Sächsischen Kulturministeriums

Das Kloster St. Marienthal.
Das Kloster St. Marienthal in Ostritz wurde nach dem Hochwasser 2010 für viele Millionen Euro saniert. Bildrechte: dpa

Das Kloster St. Marienthal Ostritz Es wurde 1234 gegründet und ist das älteste Zisterzienserinnenkloster Deutschlands. Es blieb auch nach der Reformation katholisch. Bundesweit bekannt wurde es im Jahr 2010, als ein Neiße-Hochwasser dort Schäden in Millionenhöhe verursachte. Aktuell leben dort acht Schwestern.

Darf die Äbtissin die Handschriften einfach verkaufen?

Zumindest ist sicher, dass die Handschriften noch im Kloster sind. Das hat die Äbtissin bestätigt. Laut Ministerium ist für die Ausfuhr eine Genehmigung notwendig. Allerdings könne man die Werke nicht einfach unter Schutz stellen, sagt Ministeriumssprecher Jörg Förster: "Weil es sich um kirchliches Eigentum handelt, ist eine Unterschutzstellung staatlicherseits nicht möglich." Mit anderen Worten: Die Äbtissin darf sie einfach verkaufen. Dazu braucht sie nur die Zustimmung des Vatikans.

Vatikan hat Segen für Verkauf gegeben

Die habe sie wohl, weiß Barbara Wiermann von der SLUB zu berichten. Es gebe allerdings die Empfehlung, sie an öffentliche Institutionen zu verkaufen. Allerdings sei es auch eine Frage der Verantwortung des Klosters für seine eigene Geschichte und für Dokumente der katholischen Kirche. Deshalb sollten sie nicht auf dem internationalen Markt verkauft und in verschiedene Privathände gegeben werden, sondern öffentlich zugänglich bleiben, so Wiermann.

Am Geld sollte es zumindest nicht scheitern. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), prüfe eine Förderung. Außerdem habe sich unter anderem die Ernst von Siemens Kunststiftung gemeldet und Unterstützung angeboten. Nun komme es darauf an, dass die Klosterleitung das Gespräch wieder aufnimmt. Das Angebot hat Äbtissin Vaterodt nun gemacht und betont, dass der Verkauf an den Freistaat "die ideale Lösung" wäre.

MDR (vis)/kna

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