Nach Streit Kunstwerk zu Abtreibung soll nach Görlitz zurück - im Cyberspace

Was darf sich Kunst im öffentlichen Raum erlauben? In Görlitz keine plakativen Aussagen, wenn sie nicht vorher abgesprochen wurden. So hat es das Gericht vergangenes Jahr bei der Installation "Kulisse" entschieden. Die Künstlerin will jetzt auf eine andere Darstellungsebene ausweichen.

Kulisse Görlitz
Lisa Maria Baier scannt mit einem Programm den Flyer, um an der geschwärzten Stelle ihre Installation zu sehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Lisa Maria Baier hält einen Flyer von der Ausstellung Görlitzer Art in der Hand. Die Stelle, an der eigentlich das Foto von ihrer Installation eingeplant war, ist geschwärzt. "Das Werk 'Kulisse' von Lisa Maria Baier konnte nicht im Einvernehmen zwischen Künstlerin und Veranstalter realisiert werden.", steht dort gedruckt. Die 33-Jährige fokussiert nun mit ihrer Handykamera die geschwärzte Stelle und wie von Zauberhand baut sich die Installation als 3D-Modell auf ihrem Telefonbildschirm auf. Möglich macht das ein Computerprogramm.

Kulisse virtuell wieder aufbauen

Doch das ist erst der Anfang. Ihre Installation soll wieder nach Görlitz zurückkehren, kündigt Lisa Maria Baier an. Genau an die Stelle vor der Stadthalle, wo sie sie nach einem vehementen Rechtsstreit mit dem Görlitzer Kulturamt letztlich demontieren lassen musste. Das Stichwort heißt Augmented Reality, auf Deutsch: erweiterte Realität. Dabei werden der Wirklichkeit, so wie man sie mit dem Auge wahrnimmt, im Computer erzeugte Dinge hinzugefügt.

Kulisse Görlitz
Im Flyer der Austellung ist die Stelle geschwärzt, wo ursprünglich Lisa Maria Baiers Installation gezeigt werden sollt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

In Lisa Maria Baiers Fall soll eine spezielle Computersoftware das Erscheinungsbild der Stadthalle erkennen, um dann davor ihre Kunstinstallation zu simulieren. Dann könnte man zum Beispiel mit Hilfe eines Handys vor der Stadthalle auch "Kulisse" wieder sehen. Für die im Vorfeld nötige Computerarbeit habe die Künstlerin ein Stipendium vom Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler erhalten.

Streit um Vertrag und Kunstfreiheit

Der Görlitzer Rechtsstreit um Kunst im öffentlichen Raum hat zu Diskussionen um die Kunstfreiheit geführt. Stein des Anstoßes von "Kulisse", so wie sie Anfang Juli 2021 stand: Über einer Holztribüne mit rot-schwarzen Kinositzen waren auf einer Leinwand auf Polnisch die drei Worte "Abtreibung ohne Grenzen" zu lesen.

Dieses für die Grenzstadt Görlitz unbequeme politische Statement gab es jedoch in der Ideenentwicklung noch nicht. Für Kulturbürgermeister Michael Wieler war dies ein klarer Vertragsverstoß, für Lisa Maria Baier ein normaler künstlerischer Prozess. Und während im polnischen Nachbarland erneut die Abtreibungsdebatte hochkochte, begann man sich in Görlitz durch die Instanzen zu klagen.

Kunstinstallation von Lisa Maria Baier an der Stadthalle Görlitz
Auf Polnisch "aborcja bez granic", zu Deutsch: "Abtreibung ohne Grenzen", war auf Baiers Installation zu lesen.  Bildrechte: MDR/Regina Hamborg

Stadträtin Lübeck: Wichtiges Thema angesprochen

Lisa Maria Baier verlor und musste abbauen. Verstehen kann sie die Entscheidung nicht: Schließlich habe es sich um eine Pro-Aussage für das Recht am eigenen Körper und für Frauenrechte in einem künstlerischen Kontext gehandelt. Niemand sei diskriminiert worden.

Mit ihrer Sicht ist die 33-Jährige nicht allein. So hat beispielsweise der Görlitzer Linken-Stadträtin Jana Lübeck der erzwungene Abbau des Werks missfallen, wie sie im Gespräch mit MDR SACHSEN sagt. "Ich denke, das ist ein wichtiges Werk, das gerade bei uns in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze stehen sollte, da es sich eben auch solidarisiert mit Betroffenen." Außerdem ist ihrer Ansicht nach die Abtreibungsdebatte nicht nur in Polen, sondern auch in Deutschland ein aktuelles und wichtiges Thema.

Jana Lübeck möchte deshalb das digitale Comeback von Kulisse unterstützen. Sie könne sich vor der Stadthalle eine Stele mit einem QR-Code vorstellen. Denn könne man dann scannen, um die Installation wieder zu sehen.

Jana Lübeck
Für die Görlitzer Stadträtin Jana Lübeck hat die "Kulisse" ein auch für Deutschland aktuelles und wichtiges Thema angesprochen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Görlitz fordert 9.000 Euro bis März

Während Lisa Maria Baier am Computer arbeitet, um ihre Installation virtuell in die Görlitzer Art-Ausstellung zu bringen, geht der Rechtsstreit mit der Stadt in die nächste Runde. Die Verwaltung fordert von der Künstlerin die für die Installation bereitgestellten Umsetzungskosten in Höhe von 8.000 Euro zurück, zuzüglich einer ausgezahlten Ideenprämie von 1.000 Euro plus Zinsen. Zahlungsfrist ist Mitte März.

Die Rückforderung beruhe auf der Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Dresden, die durch die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes Bautzen bekräftigt wurde, so die Erklärung der Stadt Görlitz auf Anfrage von MDR SACHSEN. "Die Stadt wurde damit in ihrer Auffassung bestätigt, dass Frau Baier den mit der Stadt geschlossenen Vertrag nicht erfüllt hat."

Künstlerin will auf keinen Fall zahlen

Das Geld steckt aber in der Installation. Auf die Frage des MDR, ob eventuell mit der Aushändigung des Kunstwerks die Rückzahlungsaufforderung abgegolten sind, antwortet die Verwaltung mit "Nein". Für eine Übernahme des von Frau Baier hergestellten Objektes gäbe es keine rechtliche Grundlage, so die Begründung.

Lisa Maria Baier ist in Widerspruch gegangen. Es wäre ein sehr fatales Statement, dieses Geld wieder zurückzuzahlen, sagt sie. Weil das für die Kunstszene dann auch ein Zeichen wäre, vorsichtig zu sein, seine Argumente zurückzustellen. "Das wäre ein Eingeständnis in die Richtung, dass Kunstfreiheit hier in Sachsen nicht existiert."

Kulisse Görlitz
Lisa Maria Baier möchte, dass ihre Installation virtuell vor der Stadthalle zu sehen ist. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Quelle: MDR(ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport | 01. Februar 2022 | 14:30 Uhr

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