Polizei Görlitz Zwischen Gummibärchen und rauem Alltag: Die Arbeit eines Polizeiseelsorgers

Die Arbeit der Polizei ist eine körperliche und mentale Herausforderung. Manchmal kommt es zu Extremsituationen, bei denen die Arbeit des "Polizeipsychologischen Dienstes" nicht ausreicht. Dann muss ein Polizeiseelsorger her. Einer wie Frank Hirschmann von der Polizei Görlitz. Wir sprachen mit dem evangelischen Pfarrer.

Ein Polizist steht vor einem Funkstreifenwagen
Ein sächsischer Polizist vor einem Streifenwagen Bildrechte: dpa

Was macht ein Polizeiseelsorger eigentlich?

Vor ein paar Jahren ist in Dresden ein Revier angegriffen worden. Und die Polizisten, die im Revier waren, konnten in dieser Situation keine Verstärkung bekommen. Da kann schon mal eine Angst hoch kommen: Was ist, wenn die jetzt hier stürmen? Diese Sorgen versuchen wir abzufedern, indem wir mit ihnen darüber reden - und Reden tut erstmal gut.

Gab es einen Einsatz, der ihnen besonders nahe gegangen ist?

Jeder Einsatz geht irgendwie nahe. Ich erinnere mich aber an eine Großdemonstration. Und eine Polizistin fragte mich, was ich denn hier überhaupt mache? So nach dem Motto: Die Polizei ist doch da, was willst Du dann noch hier?

Und so ganz flapsig gab ich zur Antwort, ich sei hier vor allem um Gummibärchen zu verteilen. Das habe ich dann auch gemacht, weil sie manchmal ziemlich lange ohne Versorgung aushalten müssen. Ich gebe ihr also die Gummibärchen. Und sie spricht mich wieder an und sagt wissen Sie, mein letzter Einsatz war die Loveparade in Duisburg, als dieses schlimme Unglück passierte (2010 starben in Duisburg 21 Menschen, 652 wurden zum Teil schwer verletzt, Anm. der Red.). Und da waren wir beim Thema, und das ist etwas, das mir auch nahe geht: Was haben diese Beamtinnen und Beamten schon alles erlebt? Dann geht es von einem zum nächsten Einsatz. Und wie verarbeiten sie das? Und dafür sind wir dann da.

Polizeiseelsorger ist jetzt kein Beruf, der besonders bekannt ist. Wie ist es denn dazu bei Ihnen gekommen?

Ich bin als Theologie-Student von 1982 bis 1988 in Franken und später in Bonn ehrenamtlich beim Rettungsdienst gefahren. Da war für mich immer wieder die Frage: Was passiert eigentlich mit den Angehörigen? Die Patienten nehmen wir mit, aber was ist mit den Angehörigen? So bin ich zur Notfallseelsorge gekommen und bin dort seit vielen Jahren tätig.

Als dann die Stelle der Polizeiseelsorge in Görlitz frei wurde, war das für mich ein logischer Schritt von der Notfallseelsorge, wo ich eben schon mit Polizisten zusammengearbeitet hatte.

Bleiben Sie als Polizeiseelsorger immer in Sachsen?

Nein, ich begleite unsere Polizisten auch über Sachsen hinaus. Wenn sie zu überregionalen Einsätzen aufbrechen. Zum Beispiel beim G7-Gipfel gerade in Schloss Elmau oder 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg.

Eigentlich sind Sie ja Pfarrer und firmieren als evangelischer Polizeiseelsorger. Welche Rolle spielt der Glaube bei Ihrer Arbeit mit der Polizei?

Wenn ich mit den Polizisten spreche, dann ist das nicht das erste Thema. Es geht um die Person. Nur wenn der entsprechende Beamte oder die Beamtin sagen, dass sie religiös oder Kirchenmitglied sind, wird der Glaube ein Thema.

Gehört es eigentlich auch zur Aufgabe des Polizeiseelsorgers Todesnachrichten zu überbringen?

Ursprünglich nicht. Das Überbringen der Todesnachricht ist Aufgabe der Polizei. Und wenn die Polizei entscheidet, es ergibt Sinn, eine Begleitung mitzunehmen, dann gibt es die Notfallseelsorge. Wenn die Beamten mich fragen, weil sie mich kennen, dann sage ich nicht "Nein". Die Polizisten überbringen dann die Todesnachricht, und ich bin dabei und übernehme.

Was mögen Sie an diesem Beruf? Was macht ihn so besonders für Sie?

Wir bieten Menschen einen Raum, den sonst eigentlich niemand bieten kann. Wir sind Pfarrerinnen und Pfarrer, so dass wir ihnen auch einen besonderen Schutz gewähren können. Wir haben das Beichtgeheimnis und das Zeugnisverweigerungsrecht, so dass die, die zu uns kommen und uns etwas anvertrauen, wissen, dass es auch wirklich unter uns bleibt.

Dann die Begleitung der Beamten in den Einsätzen. Ich weiß, wie es denen geht. Das schafft Vertrauen. Und das macht auch Spaß. Oder wir bieten einmal im Jahr zusammen mit der Bundespolizei einen Gedenkgottesdienst an für verstorbene Polizeibedienstete. Bei jedem oder jeder wird der Name genannt, eine Kerze hingestellt und eine Schiefertafel mit dem Namen aufgestellt. Und das können die Angehörigen nachher mitnehmen.

Polizisten werden oft mit schwierigen Situationen konfrontiert. Solche Erlebnisse können auch ein Trauma hervorrufen, vielleicht eine posttraumatische Belastungsstörung. Eine Krankheit, die bei der Bundeswehr immer in den Fokus rückt, wenn sie von Auslandseinsätzen mit Kriegserlebnissen zurückkehren. Wie ist das bei der Polizei?

Eine posttraumatische Belastungsstörung kommt vor, aber nicht so häufig. Wenn wir merken, hier ist schon mehr als nur Belastungsreaktion, legen wir es den Kollegen nahe, zum Psychologen zu gehen oder eine Traumaberatung aufzunehmen, weil wir das dann als Seelsorger nicht leisten können.

Nun hat sich auch der allgemeine Umgangston in der Gesellschaft verändert. Er ist rauer geworden. Bekommen das auch die Polizisten zu spüren und wird es so zum einem Thema bei Ihnen?

Ja. Zum einen wünschen sich Polizist und Polizistin Anerkennung und Dankbarkeit. Denn in jeder Uniform steckt ein Mensch. Respekt und Dankbarkeit lassen nach.

Heute fährt man zum Einsatz und kommt plötzlich in eine Situation, in der Dinge eskalieren. Polizisten kommen, um einen Streit zu schlichten, nehmen eine renitente Person in Gewahrsam. Und plötzlich verbrüdern sich die, die vorher noch miteinander in Streit lagen und gehen die Polizei an. Auch von der Wortwahl her merke ich, es wird immer heftiger. Oder dass man auch einmal angespuckt wird ... Das macht etwas mit den Beamten und Beamtinnen.

Und wie versuchen Sie das abzufangen?

Wir haben ganz neu ein Angebot, das heißt 'Anhaltend durchatmen und weitergehen'. Das sind zwei Seminare für die, die ziemlich beansprucht gewesen sind in den vergangenen Jahren, auch wegen Corona. Und auch für die, denen verbal und manchmal auch mit Gewalt entgegengetreten wird. Dass die mal innehalten und sich fragen können: "Mensch, was hat das mit mir gemacht? Wo stehe ich jetzt? Und wie kann ich jetzt von da aus wieder weitermachen?"

Quelle: MDR/Henriette Schmidt/cke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | SACHSENSPIEGEL | 12. Juli 2022 | 11:50 Uhr

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