Opfer der NS-Diktatur Stolpersteine erinnern an jüdische Schicksale in Görlitz

Im Nationalsozialismus brach sich der Hass auf Juden Bahn. Menschen wurden verunglimpft, verfolgt, wirtschaftlich ruiniert, deportiert und systematisch getötet. An die Schicksale Görlitzer Jüdinnen und Juden erinnern in der Neißestadt auch sogenannte Stolpersteine. Am Mittwoch sind 24 weitere Erinnerungssteine dazugekommen.

Stolpersteine befinden sich vor einem Wohnhaus am Stadtpark 6 in Görlitz.
In Görlitz erinnern 24 weitere Stolpersteine an die Flucht, Vertreibung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Angehörige von drei Kontinenten angereist

Ein Akkordeon spielt einen Walzer von Schostakowitsch an der Elisabethstraße 6. Unterdessen legen Männer und Frauen Rosen vor das Haus, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg die jüdische Familie Kupferberg wohnte und ein Geschäft für Stoffe und Nähartikel unterhielt. 18 Familienangehörige sind aus den USA, Israel und Simbabwe angereist, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein.

Sechs kleine mit einer Messingplatte versehenen Steinklötze erinnern an das Leid der Familie Kupferberg während der NS-Zeit, als sich der Judenhass Bahn brach. 1933 wurde das Geschäft der Kupferbergs boykottiert, Schaufenster eingeschlagen, Kunden zahlten offenen Rechnungen nicht mehr. Ismar Kupferberg starb vor Kummer, seine Frau Hedwig 1942 als sie ins Todeslager nach Auschwitz deportiert wurde.

Aus den USA, Israel und Simbabwe sind Nachkommen der Familien Kupferberg und Piertrkowski zur Verlegung der Stolpersteine angereist.
Aus den USA, Israel und Simbabwe sind Nachkommen der Familie Kupferberg zur Verlegung der Stolpersteine an der Elisabethstraße angereist. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

60 Stolpersteine findet man in der Neißestadt

24 zusätzliche Stolpersteine halten ab jetzt in der Görlitzer Altstadt die Erinnerung an Bürgerinnen und Bürger wach, die wegen ihrer jüdischen Abstammung in den Jahren 1933 bis 1945 ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Insgesamt können aufmerksame Spaziergänger 60 Stolpersteine finden. Mit ihnen ist längst nicht aller Schicksale der Geflüchteten und Deportierten gedacht, wie Daniel Breutmann vom Görlitzer Kulturbüro erklärt. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten rund 600 Jüdinnen und Juden in Görlitz.

Die, die verstanden haben, dass sich ihr eigenes Land gegen sie wendet, sind geflohen.

Daniel Breutmann Kulturbüro Görlitz

"Die, die verstanden haben, dass sich ihr eigenes Land gegen sie wendet, sind geflohen", sagt Daniel Breutmann. Etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung sei geblieben und der NS-Diktatur zum Opfer gefallen. Meist seien es die älteren Generationen gewesen, angesehene Bürger, Männer, die im Ersten Weltkrieg noch für das Deutsche Reich gekämpft haben. Sie hatten sich nicht vorstellen können, dass man sie nun verfolgt, so der Mitarbeiter des Kulturbüros.

Ruth Paltriel legt eine Rose an die Stolpersteine vor dem Haus, in dem ihre Mutter und Großeltern lebten, bevor sie vertrieben wurden.
Die Norwegerin Ruth Paltriel legt eine Rose an die Stolpersteine vor dem Haus, in dem ihre Mutter und Großeltern lebten, bevor sie vertrieben wurden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Erinnerung und Wiedergutmachung für die Familien

Vor dem Judenprogrom nach Portland in den US-amerikanischen Staat Oregon geflohen waren 1937 die Löwenbergs, die am Stadtpark 6 ihr Haus hatten. Nun steht Michael Apte vor dem Haus, in dem einst seine Mutter, Großeltern und Onkel lebten. Der 67-Jährige ist mit seiner Frau Ursula aus Kalifornien angereist.

Er heißt es gut, dass man mit Stolpersteinen die Erinnerung an die Schicksale wachhält. Schicksale, die bis heute viele Menschen erleiden, wie Michael Apte anmerkt: Menschen seien zur Flucht gezwungen, so wie jetzt mit der Invasion in die Ukraine. Für ihn persönlich seien die Stolpersteine aber auch eine Art der Wiedergutmachung.

Lauren Leiderman vom Görlitzer Kulturbüro, Michael Apte, seine Ehefrau Ursula und Daniel Breutman vom Görlitzer Kulturbüro stehen vor dem Wohnhaus am Stadtpark 6.
Lauren Leiderman vom Görlitzer Kulturbüro, Michael Apte, seine Ehefrau Ursula und Daniel Breutman vom Görlitzer Kulturbüro stehen vor dem Wohnhaus am Stadtpark 6. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Menschenleben auf kleinen Messingplatten verewigt

Die Geschwister Sten und Ruth Paltiel sind aus dem norwegischen Trondheim zur Verlegung der Steine hergekommen. Sichtlich gerührt verfolgen sie, wie Stolpersteine für ihre Großeltern und Mutter, Familie Herbst, am Lindenweg 2 in den Boden eingelassen werden. "Um Görlitz 1938 und 1939 verlassen zu können, mussten sie alles verkaufen, eine Judensteuer bezahlen", berichtet Ruth Paltiel. "Es war für sie hier viel zu gefährlich geworden." Die Familie wanderte zunächst nach England und Schweden aus.

Es war für sie hier viel zu gefährlich geworden.

Ruth Paltiel über die Flucht ihrer Großeltern

Auf den zehn mal zehn Zentimeter messenden Blöcken dokumentieren Messingplaketten Namen, Geburtsdatum und das Fluchtdatum der Familie Herbst. Es sei ein gutes Gefühl zu sehen, dass nicht alle starben, sondern es einige geschafft haben zu überleben, sagt Sten Paltiel. Das solle jetzt aber nicht egoistisch klingen, im Vergleich zu anderen, die so viele Angehörige verloren haben, wirft der Norweger sofort ein.

Die Geschwister Sten und Ruth Paltiel stehen vor dem Haus ihrer Großeltern im Lindenweg 2.
Die Geschwister Sten und Ruth Paltiel stehen vor dem Haus ihrer Großeltern im Lindenweg 2. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Mehr als 90.000 Stolpersteine europaweit

Seit 1992 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig europaweit Stolpersteine als Mahnung an die Gräuel der NS-Zeit. Vor anderthalb Wochen setzte der 74-Jährige den 90.000sten Stein. Das war in der oberbayrischen Stadt Penzberg. Dort hatte die Wehrmacht und die NS-Organisation "Werwolf" 16 Menschen kurz vor Kriegsende am 28. April 1945 getötet - darunter eine schwangere Frau. Zwei weitere überlebten verletzt. Diese Menschen wollten ihre Stadt kampflos den Amerikanern übergeben, wie Gunter Demnig berichtet.

Die Verlegung der Steine ist für den Kölner keine Routine geworden, verneint er: "Die Schicksale sind immer wieder berührend, immer wieder anders." Dabei sei die Idee mit den Stolpersteinen eher eine Notlösung gewesen. Demnig wollte eigentlich Tafeln an die Häuser der Opfer der NS-Zeit anbringen. "Dann hat mir ein in Leipzig geborener Jude, gesagt: 'Gunter vergiss die Tafeln an der Wand. 80, wenn nicht 90 Prozent der Hausbesitzer würden dem niemals zustimmen'."

Gunter Demnig setzt Stolpersteine vor einem Wohnhaus in Görlitz ein.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzt seit 1992 Stolpersteine in Gehwege ein, um an die Gräueltaten der NS-Zeit zu erinnern. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Inzwischen liegen In 27 Ländern Europas Stolpersteine überall dort, wo die deutsche Wehrmacht, die Gestapo oder die SS Menschen ermordet oder deportiert hat. Aber auch die Vertriebenen sollen nicht vergessen werden. "Man muss den Opferbegriff etwas weiter fassen, denn wer verlässt freiwillig seine Heimat?", fragt Gunter Demnig.

Die Schicksale sind immer wieder berührend, immer wieder anders.

Gunter Demnig Initiator der Stolpersteine

Kein jüdisches Leben mehr in Görlitz

In Görlitz ist durch Vertreibung und Deportation das jüdische Leben ausradiert worden. "Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die jüdische Gemeinde ausgelöscht", sagt Daniel Breutmann vom Kulturbüro. Geblieben seien die Orte, wie die große Synagoge, die einst das Zentrum jüdischen Lebens war. "Aber es gibt aufkeimende Hoffnung, dass sich die jüdische Gemeinde neu begründet. Mit Mitgliedern, die hier in Görlitz und Zgorzelec leben."

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 18. Mai 2022 | 07:30 Uhr

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