Corona Was passiert im Erzgebirge ohne kostenlose Corona-Tests?

Seit kurzem müssen Tests auf Corona selbst gezahlt werden. Das bedeutet vor allem für Ungeimpfte, auf sie kommen hohe Kosten zu, wenn sie immer wieder Tests vorweisen müssen. Doch wie sieht das in der Praxis aus – und wie gehen Arbeitgeber, Gastronomen und andere Menschen damit um?

Ein junger Mann tanzt mit Corona-Maske vor den Augen auf einer Party.
Ein junger Mann tanzt mit Corona-Maske vor den Augen auf einer Party. Bildrechte: MDR exakt

In einem Kellergewölbe werfen Schweinwerfer grünes Licht auf die Tanzfläche. Darauf steht ein junger Mann im weiß-schwarzen Trainingsanzug, mit Käppi und Corona-Maske vor den Augen. Er setzt eine Flasche Bier an den Mund, wippt die Ellenbogen rauf und runter, während dazu das Licht zur Musik wechselt. Es sind nicht viele Gäste auf der Tanzfläche am Samstagabend in Annaberg-Buchholz, aber die scheinen ihren Spaß zu haben. Wer auf die Party will, muss geimpft sein, genesen sein oder einen tagesaktuellen Test vorweisen.

"20 Tests haben wir heute schon gemacht, es waren alle negativ", sagt Veranstaltungsleiter Kevin Uhlig. Es seien aber auch viele Geimpfte und Genesene dabei gewesen. Er testet die Gäste ohne Nachweis selbst vor Ort – auf Kosten des Betreibers. Er rechnet seine Gründe vor: Ein Test in Annaberg koste 13 Euro, plus Eintrittspreis sind das schon 19 Euro. "Dadurch werden wir dann natürlich keine Gäste mehr haben, und kriegen ja dann auch keine Hilfe vom Staat, sondern dann müssen wir einfach zu machen!"

In Sachsen müssen Angestellte getestet werden

Sven Meiselbach beschäftigt 20 Angestellte in seinem Transformatorenwerk in Thalheim.
Sven Meiselbach beschäftigt 20 Angestellte in seinem Transformatorenwerk in Thalheim - die muss er nun regelmäßig auf eigene Kosten testen. Bildrechte: MDR exakt

Auch für sächsische Arbeitgeber kann der Wegfall der kostenlosen Tests teuer werden. Denn in Sachsen gilt eine Testpflicht für Mitarbeiter mit Kundenkontakt – zwei Mal pro Woche, die Kosten dafür muss nun der Chef übernehmen. "Also ich bin der Meinung, das sind Dinge, die eigentlich der Staat tragen sollte", sagt Sven Meiselbach, der 20 Angestellte in seinem Transformatorenwerk beschäftigt. Die Wirtschaft habe derzeit ganz andere Aufgaben zu bewältigen, etwa die angespannte Marktsituation durch Corona. Der Firma in Thalheim entstünden durch die Tests monatlich etwa 400 Euro zusätzliche Kosten.

Weder in Thüringen oder in Sachsen-Anhalt sind die Unternehmer verpflichtet ihre Belegschaft testen zu lassen. "Das kann sich zum Wettbewerbsnachteil auswirken", sagt Sven Meiselbach. "Im Nachgang, weil sie haben wieder mehr Bürokratie, wieder mehr, was sie durchführen müssen. Was Sie mit Ihren Mitarbeitern diskutieren müssen."

Erzgebirge: die niedrigste Impfquote aber hohe Inzidenz

Doch Sachsen hat deutschlandweit die dritthöchste 7-Tage-Inzidenz. (116,5 am Mittwoch) – und in Sachsen liegt der Wert im Erzgebirgskreis mit 172,6 an höchster Stelle. Zudem ist der Freistaat mit einer Impfquote von 56 Prozent bundesweit Schlusslicht. Und im sachsenweiten Vergleich der Landkreise liegt das Erzgebirge auf dem letzten Platz: 43 Prozent vollständig Geimpfte.

Nun wird es durch den Wegfall der Kostenübernahme wohl auch weniger Corona-Tests geben. Doch es gibt Ausnahmen: Etwa Schwangere, Stillende, Kinder zwischen zwölf und 18 Jahren und Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, müssen bis zum Jahresende nicht selbst bezahlen. Welche Auswirkungen hat die Tatsache, dass Tests nicht mehr kostenlos sind auf den Verlauf der Corona-Pandemie?

Epidemiologe kritisiert Abschaffung der kostenlosen Tests

"Es ist in der Tat so, dass diese Corona-Schnelltests ein wesentliches Mittel zur Eindämmung der Pandemie waren", sagt Professor Markus Scholz, Epidemiologe an der Universität Leipzig. Das habe sich gerade in der zweiten und dritten Welle durch einen bremsenden Effekt deutlich gezeigt. "Ich sehe das im Moment kritisch, dass diese kostenfreien Tests eingestellt werden sollen", aufgrund der anstehenden Herbst- und Wintersaison. "Da würde ich dann noch einmal deutlich hohe Fallzahlen erwarten, so dass man dieses Mittel jetzt noch nicht aus der Hand geben sollte."

Dagegen glaubt der Virologe Professor Uwe Liebert, dass man die Menschen durch die kostenpflichtigen Tests zum Impfen motivieren kann. Nur die wirklichen Impfverweigerer würden die Spritze weiter ablehnen: "Das sind die drei oder vier, vielleicht fünf Prozent in der Bevölkerung. Mit denen müssen wir rechnen. Die wird es immer geben." Die anderen, würden vielleicht nur zögern oder wöllten noch überzeugt werden. "Die brauchen im Grunde einen Stups. Dass sie sich wirklich jetzt impfen lassen."

Trotz 3-G-Regel: In einer Bar musste niemand etwas vorzeigen

Aber wie hoch ist die Kostenhürde der Corona-Tests für die Menschen in Annaberg-Buchholz? 15 Euro pro Person extra für einmal Ausgehen – das scheint einigen Besuchern einer Bar am Marktplatz zu viel zu sein. Während ein Mann auf der Bühne zur Gitarre singt, sitzen im roten Licht um die Tische Besucher vor ihrem Bier und Wein. Viele Gäste berichten MDR exakt, dass sie an diesem Samstagabend nichts vorweisen mussten.

"Wir haben Impfpass, Maske, alles mit. Dass hier die Regeln anders sind, wussten wir nicht", sagt ein Mann mit Wangen- und Nasenpiercings sowie diversen Tattoos. Die blonde Frau neben ihm ergänzt, das ist "schon irgendwo bedenklich, weil die Zahlen für sich trotzdem sprechen".

Betreiber setzt auf die Eigenverantwortung der Gäste

Sven Müller betreibt eine Bar in Annaberg-Buchholz und setzt auf die Eigenverantwortung der Gäste.
Sven Müller betreibt eine Bar in Annaberg-Buchholz und setzt auf die Eigenverantwortung der Gäste. Bildrechte: MDR exakt

Der Betreiber der Bar setzt auf die Eigenverantwortung seiner Gäste: "Jeder darf das selber entscheiden. Jeder sollte das selber entscheiden", sagt Sven Müller. Die Leute wöllten wieder feiern, die wöllten wieder fortgehen – ohne Beschränkungen, "ohne dass man ihnen was aufdrückt. Das werden wir befürworten, dass es weiterhin so bei uns passiert". Der Barbetreiber sagt, dass er keine Angst vor teuren Strafen habe. "Wir standen alle mit dem Rücken zur Wand, wir hatten Existenzangst, die haben wir immer noch – was soll mir jetzt noch im Leben Angst machen?"

So sehen es offenbar auch einige Gäste: "Jeder hat die Verantwortung für sich selber zu tragen, und für die Gemeinschaft. Dass man halt mit Symptomen nicht unter Leute geht – dass man sich da einfach zurückzieht und sich ein bisschen selber kontrolliert." Außer ihrer Sicht, sollte man den Leuten die Selbstverantwortung wieder zurückgeben. Seit gestern gilt die neue sächsische Corona-Schutzverordnung – aber die 3-G-Regel bleibt.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 20. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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