Fotografie Kalender zeigt vergessene Frauen aus der Chemnitzer Geschichte

Vergessene Frauen aus der Chemnitzer Geschichte in einer modernen Weise sichtbar machen - das hat sich Fotografin Karla Mohr vorgenommen und dazu einen Kalender mit dem Namen "Kalenderin 2023" erstellt. Dieser zeigt zwölf historische Frauen, dargestellt von zwölf jungen Chemnitzerinnen, die gut vernetzt irgendwo in der Chemnitzer Szene unterwegs sind.

Eine Frau
Grafikdesignerin Kati Hollstein verkörpert für den Kalender die Malerin und Grafikerin Marta Schrag. "Mit  ihrer Empathie, die sie für ihre Bilder aufbringt, kann ich mich gut identifizieren und sehe diese immer wieder als wichtigen Bestandteil in meiner Arbeit", sagt Hollstein über Schrag. Bildrechte: MDR/Karla Mohr

Angefangen hat alles mit einem Film. Zum 875-jährigen Jubiläum der Stadt Chemnitz im Jahr 2018 wurde "Hurra, es ist ein Mädchen!" produziert, in welchem erstmals 25 Frauenportraits aus der Chemnitzer Geschichte zu sehen waren. "Das hat mich sehr beeindruckt", erzählt Fotografin Karla Mohr. "Und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hat mich dann gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, zu vergessenen Frauen einen Kalender zu fotografieren."

Ursprünglich war das Projekt für 2020 geplant. "Doch das Leben und Corona kamen dazwischen", lacht Mohr. Doch dadurch blieb auch Zeit zu recherchieren und tief in die Leben der "Chemnitzer Ahninnen", wie Mohr sie liebevoll nennt, einzutauchen.

Eine Frau
Karla Mohr arbeitet seit 2003 als Fotografin in Chemnitz und hat bereits mehrere Kalender-Projekte umgesetzt. Bildrechte: MDR/Karla Mohr

Darstellung von Chemnitzerinnen aus der Kulturszene

Außerdem veränderte sich im Laufe der Zeit auch die Umsetzungsidee des Projekts. "In der ersten Vision hatte ich vor, die zwölf Kandidatinnen in Kleidung und Maske ihrer jeweiligen Patin an aktuellen Plätzen zeitgemäß zu inszenieren", erzählt Mohr. "Mit der während des Prozesses der letzten beiden Jahre entstandenen Variante fühle ich mich deutlich wohler, denn: Sie spiegelt authentischer meinen Arbeitsstil wider, meine Art, Frauen zu sehen."

Dargestellt werden die "Ahninnen" im Kalender von Chemnitzerinnen, die in der Kulturszene gut bekannt sind, wie zum Beispiel Julia Voigt, die den Club "Weltecho" leitet, Isabelle Weh, Leiterin des Fritz-Theaters oder auch Maria Kreußlein, Gründerin des Fahrradkinos. "Obwohl dargestellt vielleicht nicht das richtige Wort ist", sagt Mohr. "Sie sind nicht verkleidet. Sie versuchen durch einen Ort oder einen Gegenstand auf dem Foto eine Brücke zu der entsprechenden Ahnin zu schlagen."

Eine Frau
"Mit Bertha Oppelt Hartmann verbinde ich besonders das unternehmerische Denken und Handeln, den Umgang mit Geld", sagt Janette Graf, die als selbstständige Tortendesignerin arbeitet. Bildrechte: MDR/Karla Mohr

Schwarz-Weiß-Fotos schlagen Brücke in die Vergangenheit

Entstanden sind dabei eindringliche Schwarz-Weiß-Fotos. "Ich wollte keine Farbe und auch kein künstliches Licht, um auch so die Verbindung in die Vergangenheit zu schaffen", erzählt die Fotografin. Zum Teil habe sie die Ahnin ausgesucht, zum Teil hätten das die jungen Chemnitzerinnen selbst getan. "Auch die Orte haben wir zusammen ausgewählt", sagt Mohr. "Wichtig war, dass sich alle Frauen sehr wohl vor der Kamera gefühlt haben."

Doch welche vergessenen Frauen sind in dem Kalender überhaupt zu sehen? Die Designerin Marianne Brandt ist vielleicht vielen noch ein Begriff. Doch wer wusste, dass Hedwig Courths-Mahler, Autorin von über 200 Liebesromanen, 1904 ihren ersten Roman in Chemnitz schrieb und veröffentlichte? Oder dass Berta Oppelt Hartmann, die Frau des bekannten Unternehmers und Maschinenfabrikanten Richard Hartmann, das Geld zusammenhielt und so seine Karriere erst möglich machte?

Wissen und Schönheit im Paket

Erzählt werden die Geschichten nicht direkt im Kalender. Dort finden sich Zitate der jungen Chemnitzerinnen passend zu ihren "Ahninnen". Zusätzlich gibt es aber eine Internetseite mit ausführlicheren Texten und Informationen. "Mir war wichtig, dass man etwas lernt, aber trotzdem etwas Schönes zum hinhängen hat", sagt Mohr. "Und es mussten Motive sein, die man wirklich vier Wochen hängen lassen will." Das habe sie persönlich mit jedem Foto ausprobiert.

Gemäß dem Kulturhauptstadtmotto "C the unseen" werden laut Pia Hamann, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Chemnitz, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. "Die junge Chemnitzerin bekommt eine Möglichkeit, zu Wort und ins Bild zu kommen, gleichzeitig werden historische Frauen aus unserer Stadt sichtbar und erlebbar", sagt sie. "Verbindung zwischen den Frauen war und ist gelebte weibliche Solidarität."

Signierstunde mit der Fotografin

Erscheinen wird die "Kalenderin 2023" in einer Auflage von 100 Stück. "Wenn mehr Interesse da ist, drucken wir natürlich nach", sagt Mohr. "Aber erstmal müssen wir diese 100 auch verkaufen." Am Sonntag gibt es im Buchladen "Monokel" die Gelegenheit einen der Kalender zu ergattern und ihn auch gleich von der Fotografin signieren zu lassen. "Ich bin von 12 bis 18 Uhr vor Ort und freue mich auch sehr auf Feedback", sagt Mohr.

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