Festival "Begehungen" bringen Kunst ins alte Erzgebirgsbad in Thalheim

Thalheim wird zur Kunstgalerie. Dort wird am Donnerstag das Festival "Begehungen" eröffnet. Es ist die 19. Auflage und findet zum ersten Mal nicht in Chemnitz statt. Künstler aus aller Welt haben zum Festivalmotto "Plansch" Bilder, Plastiken, Filme und Installationen geschaffen. Ausstellungsort ist das ehemalige Erzgebirgsbad, zu dem viele Thalheimer eine besondere Beziehung haben.

Menschen im Erzgebirgsbad Thalheim
Isabell Wolke und Christian Frieß aus Wien gestalten im Erzgebirgsbad in Thalheim eine Installation aus Schwimmutensilien für das Kunstfestival "Begehungen". Bildrechte: MDR/Anett Linke

Das Chemnitzer Kunstfestival "Begehungen" zieht erstmals vor die Tore der Stadt. Die Idee mit dem Festival die Stadt zu verlassen, entstand im Bewerbungsprozess für die Kulturhauptstadt. "Wir haben dann alle Kommunen der Kulturregion angeschrieben und um Vorschläge für passende, leerstehende Gebäude gebeten", erzählt Festivalsprecher Lars Neuenfeld. Es seien viele Vorschläge gekommen, aber das Erzgebirgsbad in Thalheim habe herausgeragt.

Dass sein Vorschlag etwas Besonderes war, war Thalheims Bürgermeister Nico Dittmann nicht bewusst. "Wir wollten einfach Gebäude vorschlagen, um zu zeigen, dass Thalheim bei der Kulturhauptstadt mitmachen möchte", sagt er. "Erst beim begeisterten Besuch des Festivalteams wurde mir klar, dass es große Bedeutung für die Stadt Thalheim haben könnte." Das Bad wurde 2014 aufgrund finanzieller Schieflage geschlossen und sorgt seitdem für viele Diskussionen in der Stadt.

Menschen im Erzgebirgsbad Thalheim
Nico Dittmann, Bürgermeister von Thalheim, freut sich, dass das Erzgebirgsbad für die "Begehungen" aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wird. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Beteiligung der Thalheimer wird groß geschrieben

Das Festivalteam ist sich der besonderen Geschichte des Ortes bewusst. "Uns ist natürlich bewusst, dass die Leute hier reintreten werden und ihrem Schmerz und ihrem berechtigten Ärger über das geschlossene Bad Luft machen werden", sagt Neuenfeld. Deswegen seien Ideen entwickelt worden, um die Leute vor Ort mitzunehmen. Ob beim Kennenlern-Grillen, einer gemeinsamen Aufräumaktion oder durch Aufrufe Geschichten oder Badeutensilien beizusteuern - das Festivalteam hat den Kontakt zu den Einwohnerinnen und Einwohnern intensiv gesucht.

"Es lief besser als gedacht", erzählt Rebecca Dathe aus dem Organisationsteam. "Viele Thalheimer sind interessiert und neugierig auf das Festival." Berührungspunkte mit zeitgenössischer Kunst hätten die meisten allerdings bislang wenig. "Wir haben auch versucht da die Angst zu nehmen", sagt Dathe. "Es ist normal, dass man nicht alle Kunstwerke gut findet."

Wir können mit dem Festival auch dem kritischen Erzgebirger die Möglichkeit geben, zeitgenössische Kunst kennenzulernen.

Nico Dittmann Bürgermeister von Thalheim

Menschen im Erzgebirgsbad Thalheim
Marta Sala und Cheong Kin Man haben Geldscheine inspiriert von der Thalheimer Geschichte gestaltet. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Künstler haben sich von Thalheim und seiner Geschichte inspirieren lassen

Auch die Künstler haben sich von Thalheim, seiner Geschichte und den Menschen vor Ort inspirieren lassen. Die Künstler Marta Sala aus Polen und Cheong Kin Man aus Macau haben eigene Geldscheine gestaltet. 240.000 von ihnen sollen ihn einem kleinen Pool landen, in dem die Besucherinnen und Besucher dann im wahrsten Sinne des Wortes im Geld schwimmen können. Zehn Tage haben sie in Thalheim verbracht und sich vom Erzgebirgsbad, der Natur und der industriellen Geschichte Anregungen für die Motive ihrer Geldscheine geholt. "Es sind sehr nette Leute hier", erzählen die beiden. "Wir haben noch nie so viele Fremde auf der Straße gegrüßt."

Heimlich belauschte Umkleidegespräche im Schwimmbad

Die Künstlerin Sevda Güler aus Berlin hat sich dem Schwimmbad von einer speziellen Seite genähert: unfreiwillig belauschte Gespräche in Umkleidekabinen. Es gehe thematisch von "Der Bikini hat auch schon mal besser gepasst" über "Haben wir alles eingepackt?" bis hin zum Abchecken, wer sich alles im Schwimmbad befindet und sich für eine Liebesbeziehung eignet. "In Umkleidekabinen vermischt sich oft privat und öffentlich und vielen ist nicht bewusst, wer alles mithört", sagt Güler.

Menschen im Erzgebirgsbad Thalheim
Sevda Güler hat Gespräche aufgenommen, wie man sie in Umkleidekabinen belauschen könnte. Die Aufnahmen sollten dabei nicht perfekt, sondern vor allem authentisch werden. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Eigentlich sollten alle Dialoge, die dann als Audioperformance in den Umkleidekabinen gezeigt werden, von Thalheimern eingesprochen werden. "Das hat aber leider nicht so gut geklappt", erzählt die Künstlerin. "Ich habe viele nette Gespräche geführt, aber wenn es dann hieß 'Machen Sie eine Aufnahme mit?' oder ich das Rechteformular rausholen musste, wollten viele nicht mitmachen." Trotzdem seien zwei Thalheimerinnen und Thalheimer in den Aufnahmen in den Umkleidekabinen zu hören.

Menschen im Erzgebirgsbad Thalheim
Die Künstlerin Anna Kramer ist gespannt, welche Assoziationen ihr Kunstwerk bei den Besuchern auslösen wird. "Es gibt nicht die eine Botschaft, die die Leute verstehen sollen", sagt sie. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Zukünftige Pläne für das Erzgebirgsbad sollen diskutiert werden

Der Bürgermeister ist sich sicher, dass die Beteiligungsprozesse auch in die Stadt hineinwirken können. Deswegen sollen die Pläne, was zukünftig ab 2023 mit dem Erzgebirgsbad geschehen soll, auch am Freitag öffentlich auf dem Festivalgelände diskutiert werden. "Wir haben Ideen entwickelt, die wir jetzt gern mit den Menschen besprechen möchten", sagt Dittmann. Er hoffe, dass die Menschen mitmachen und sagen, was sie gut finden. "Das würden wir dann auch umsetzen", sagt er. "Denn wir wollen nichts bauen, was die Menschen nicht brauchen oder nicht möchten."

"Begehungen" vom 11. bis 21. August 2022 Das Kunstfestival "Begehungen" gibt es seit 2003. Jedes Jahr findet es an einem neuen ungenutzten Ort in Chemnitz mit einem neuen Thema statt und bespielt ihn für vier Tage mit einem Kunst- und Kulturprogramm.
In diesem Jahr findet es zum ersten Mal außerhalb von Chemnitz statt und öffnet in diesem Jahr sogar für zehn Tage die Türen.
Das Festival wird komplett ehrenamtlich organisiert und präsentiert junge, zeitgenössische Kunst.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 09. August 2022 | 14:30 Uhr

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