Interview Wie können Kinder vor sexualisierter Gewalt im Internet geschützt werden?

Das Internet ist für Kinder und Jugendliche ein täglicher Begleiter. Im Rahmen des internationalen Aktionstages "Safer Internet Day" hat MDR SACHSEN mit Sozialpädagogin Saskia Jäkel über ein paar grundlegende Fragen zu sexualisierter Gewalt im Internet gesprochen.

Sexting auf einem Smartphone
Laut Sozialpädagogin Saskia Jäkel ist das ungewollte Zusenden sexualisierter Inhalte im Internet fast alltäglich geworden. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / GlobalImagens

Frage: Viele Kinder und Jugendliche nutzen täglich ihr Smartphone und das Internet. Welche Gefahren im Hinblick auf sexualisierte Gewalt kann das bergen?

Saskia Jäkel: Es gibt viele Gefahren, unter anderem grenzverletzende und übergriffige Situationen. Das können ungewollte Fragen nach sexuellen Dingen sein oder auch, dass den Kindern und Jugendlichen solche Dinge ungefragt erzählt werden. Aber auch das ungefragte Senden von Bildern mit Geschlechtsteilen oder Links pornographischer Filme gehört dazu. Zudem kann es zu Aufforderungen kommen, sexuelle Handlungen an sich selbst auszuführen und davon Fotos zu schicken.

Viele Jugendliche wissen inzwischen, dass sie besser keine Fotos verschicken sollten. Einige machen es aber trotzdem, oft unter dem Motto: "Ich zeige ja mein Gesicht nicht." Dass aber auch mit diesen Fotos Missbrauch getrieben werden kann, ist ihnen oft nicht klar. Mit Fotobearbeitung ist es sehr leicht ein Gesicht reinzukopieren und trotz allem ist auf dem Foto dann auch immer noch der eigene Körper zu sehen. Und auch wenn man selbst das Foto löscht, ist es trotzdem weiter im Internet unterwegs.

Saskia Jäkel
Saskia Jäkel arbeitet als Sozialpädagogin beim Wildwasser Chemnitz, Erzgebirge und Umland e.V., einem Verein, der sich gegen sexualisierte Gewalt engagiert. Bildrechte: Wildwasser Chemnitz, Erzgebirge und Umland e.V.

Wie gehen die Täterinnen oder Täter dabei vor?

Zuerst einmal bauen sie Vertrauen auf. Dazu werden oft die Informationen benutzt, die die Jugendlichen auf ihren Profilen preisgeben, um Gemeinsamkeiten vorzutäuschen. Danach testen sie die Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen, zum Beispiel fordern sie sie auf Fotos zu senden. Oft reicht das den Täterinnen und Tätern schon. Es wird aber auch manchmal vorgefühlt, ob der Jugendliche bereit für ein Treffen ist. Oder es wird Druck mit dem erhaltenen Bild ausgeübt, um mehr zu bekommen. Bei sexuellen Übergriffen geht es immer um Macht und Machtmissbrauch.

Was sollen betroffene Kinder und Jugendliche tun?

Zuerst einmal müssen sie wahrnehmen, dass so ein Verhalten eine Grenzverletzung darstellt und sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Oft sind Jugendlichen ihre eigenen Grenzen noch nicht so klar. Ansonsten können auf jedem sozialen Netzwerk Inhalte gemeldet und Personen blockiert werden. Das Melden ist wichtig, damit der Nutzer dauerhaft gesperrt werden kann und nicht das Gleiche mit anderen versucht. Bei Unsicherheiten sollte sich das betroffene Kind auf jeden Fall an einen Erwachsenen wenden. Hilfe und Unterstützung gibt es aber auch bei Fachberatungsstellen.

Wie können Eltern ihre Kinder vor solchen Übergriffen schützen?

Wichtig ist Begleitung, nicht Kontrolle. Erwachsene sollten ihre eigene Medienkompetenz steigern und sich dafür interessieren, was ihre Kinder im Internet tun. Kenne ich die Kanäle, die mein Kind besucht? Postet mein Kind auch eigene Inhalte? Es braucht kein Detailwissen, aber wenn die Eltern sich interessieren und die Plattformen kennen, kommen die Kinder und Jugendlichen mit ihren Problemen vielleicht eher zu ihnen. Aber wenn das Kind erstmal erklären müsste, was Instagram oder TikTok überhaupt ist, ist das eine hohe Hemmschwelle.

Außerdem ist es wichtig, gemeinsam mit dem Kind Regeln für den Umgang mit dem Internet aufzustellen. Diese Regeln, zum Beispiel für die Nutzungsdauer, sollten auch die Eltern einhalten, um eine Vorbildfunktion einzunehmen. Zudem sollte mit dem Kind besprochen werden, was es tun sollte, wenn es doch einmal grenzverletzendes Verhalten erlebt: Wo kann ich Inhalte melden? Wie einen Nutzer blockieren? Wo kann ich mir Hilfe holen? Wenn Kinder wissen, wie sie damit umgehen und wo sie Hilfe finden, können sie selbstbewusster damit umgehen.

Hier gibt es Hilfe Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät Jugendliche, Erwachsene und Fachkräfte vertraulich und datensicher zu allen Fragen, die mit dem Thema sexueller Missbrauch zu tun haben – kostenfrei und bei Bedarf auch online. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist ein Angebot von N.I.N.A. e.V. – gefördert vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite

Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch ist ein Online-Hilfsangebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die bundesweite Datenbank des Hilfe-Portals bietet Unterstützung auf der Suche nach Beratungsstellen und Notdiensten sowie therapeutischer, medizinischer oder rechtlicher Hilfe.

Wildwasser Chemnitz, Erzgebirge und Umland e.V.: https://www.wildwasser-chemnitz.de/

Auch beim Wildwasser Chemnitz, Erzgebirge und Umland e.V. gibt es im Chat, am Telefon und persönlich Unterstützung. Außerdem gibt es auch Präventionskurse.

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