Ukraine-Krieg Chemnitzer geht für Hunde an die Front

Sascha Winkler rettet in der Ukraine Tiere aus dem Kriegsgebiet. Für ihn eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine kräftezehrende. Nur ein Bruchteil der geretteten Hunde kommt übrigens nach Deutschland. Und das ist auch gut so, wie der Hundetrainer erklärt.

Ein Mann kniet neben einem Hund.
Sascha Winkler rettete die Hündin Donna aus Donezk in der Ukraine und brachte sie mit nach Deutschland. Bildrechte: MDR/Sarah Hofmann

Die Worte "nur" und "Tier" gehören für für Sascha Winkler nicht in einen Satz. "Für mich zählt ein Tierleben ebenso wie ein Menschenleben, daher sind Tiere auch ebenso rettenswert", sagt der Chemnitzer. Sascha Winkler arbeitet normalerweise als Hundetrainer und Veranstalter von Aktivreisen mit Tieren in Chemnitz, etwa auf Flächen und Parcours rings um den Adelsbergturm, lebt dort in der Nähe mit seiner Familie und einer eigenen kleinen Hundemeute. Bis im Februar Russland seinen Angriffskrieg in der Ukraine begann.

Mit einem Konvoi voller Tiernahrung an die Front

"Mir war gleich zu Beginn des Krieges klar – hier muss ich auf jeden Fall helfen und mein Möglichstes beitragen", sagt er. Sascha Winkler belud seinen eigenen Transporter, warb erfolgreich um Hilfe und fuhr mit einem so entstandenen ganzen Konvoi voller Tiernahrung und Medikamente ins Kriegsgebiet, rettete Tiere direkt von der Front.

"Ich war in Afghanistan als Soldat, was ich dort bei den Taliban gesehen habe, war deutlich schlimmer", erklärt er. Daher könne er mit der Gefahrensituation gut umgehen. Die Tiere vor Ort allerdings nicht. Viele sind traumatisiert, flohen oder wurden in den Kriegswirren zurückgelassen. Sie hungern, benötigen medizinische Hilfe, Beistand. All das konnte und wollte der Chemnitzer ihnen geben.

Hilfsstrukturen vor Ort schaffen

Aus vier geplanten Tagen Aufenthalt wurden dreieinhalb Monate. In dieser Zeit rettete Sascha Winkler mit Gleichgesinnten nicht nur Tiere von der Front, sondern schuf auch Hilfsstrukturen vor Ort. "Wir sind vielleicht eine Handvoll Leute, die direkt an die Front gehen. Sonst sind wir ungefähr 200 privat organisierte Menschen, die über Messenger und unser Warenlager für Hilfsgüter in Polen vernetzt sind und uns gegenseitig unterstützen", sagt er. Gemeinsam habe man die Dachorganisation "War Animal Care International" gegründet um die Helfer besser vernetzen zu können.

Ein Mann kniet neben einem Auto wo Hunde im Käfig drin sind.
Mit diesem Transporter ist Sascha Winkler an der Front in der Ukraine zur Tierrettung unterwegs. Bildrechte: MDR/Sarah Hofmann

"Wir haben über 700 Tiere gerettet. Der Großteil wurde in der Westukraine untergebracht, etwa sieben Prozent sind in Polen und nur ungefähr drei Prozent der Tiere haben wir nach Deutschland gebracht", sagt der Tierretter. Bei letzteren handelt es sich meist um besondere Fälle, etwa wenn komplizierte Operationen anstehen.

Zwei Hunde hat Sascha Winkler selbst bei sich aufgenommen. "Einen alten Schäferhund habe ich auf meiner letzten Tour wieder zurückgefahren nach Irpin", fügt der Tierretter hinzu. Er fuhr das Tier auf seiner letzten Reise im August ganze 1.500 Kilometer zu seinen Besitzern, die es zwischenzeitlich gesucht hatten.

Wir haben über 700 Tiere gerettet. Der Großteil wurde in der Westukraine untergebracht, etwa sieben Prozent sind in Polen und nur ungefähr drei Prozent der Tiere haben wir nach Deutschland gebracht.

Sascha Winkler

Spendensammlung für nächste Reise in die Ukraine

Nun ruft er in Chemnitz und Umgebung und über sein deutschlandweites Netz wieder zu Sach- und Geldspenden auf. "Es geht weiter. Ich weiß, dass ich im Oktober wieder fahren werde", sagt Sascha Winkler. Bis dahin arbeitet er aber auch im eigenen Unternehmen, mit seinem kleinen Hunderudel, welches derzeit aus acht Tieren besteht, und baut gemeinsam mit seiner Familie sein Haus weiter aus. Aufgaben hätte er vor Ort genug, wie er meint, aber das Leid der Tiere in der Ukraine treibt ihn um, er will helfen.

Davon, nun partout einen Hund aus der Ukraine zu adoptieren, um zu helfen, rät Sascha Winkler übrigens ab. Wer Tiere bei sich aufnehmen möchte, muss diese nicht unbedingt aus der Ukraine "retten". Der bürokratische Aufwand ist hoch und nur wenige Tiere kommen in Deutschland an.

Wer unbedingt ein Tier aus der Not im Ausland retten möchte, der solle dies, so Sascha Winkler, am Besten aus Polen oder Rumänien tun. "Die Länder haben die meisten Tiere aufgenommen", sagt er. In dem EU-Land kommen die Hunde und Katzen dann in Quarantäne und erhalten Impfungen und Papiere, mit denen sie sich nach derzeitigen Bestimmungen innerhalb der EU aufhalten und dadurch auch vermittelt werden können.

Ein Mann kniet neben einem Hund.
Viele Tiere an der ukrainischen Front sind laut Sascha Winkler traumatisiert. Bildrechte: MDR/Sascha Winkler

Chemnitzer Tierheim am Limit

Jens von Lienen, der Leiter des Chemnitzer Tierheims am Pfarrhübel, kennt das Problem. "Die Impfstoffe aus der Ukraine und Russland werden in der EU nicht anerkannt", sagt er. Daher müssten die Tiere erst in Quarantäne, um den Schutz zu gewährleisten. Auch seine Einrichtung nahm in den vergangenen Monaten Hunde und Katzen auf, die gemeinsam mit ihren Besitzern nach Deutschland kamen. "In die Erstaufnahmeeinrichtungen durften sie nicht mit und alle Hunde und Katzen mussten in Quarantäne", sagt der Heimleiter.

Derzeit beherbergt sein Haus keine Tiere aus der Ukraine, sei aber dennoch stark gefüllt mit Tieren aus Deutschland, die auf ein neues Zuhause warten. "Wir hatten Mitte August so viele Tiere, wie im ganzen Vorjahr insgesamt", sagt er. Die Tierheime der Region arbeiten am Limit. Die Aktionen von Sascha Winkler sind ihm wohlbekannt. "Wir haben auch schon zentnerweise Futter für ihn organisiert und mitgegeben", sagt er.

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 25. Mai 2022 | 16:00 Uhr

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