Museum Neukirchner ermöglicht Zeitreise ins gutbürgerliche Leben mit Privatsammlung

In der heutigen schnelllebigen Zeit, in der ein Smartphone schon nach zwei Jahren veraltet ist, haben "die guten alten Dinge" einen besonderen Reiz. Ein Unternehmer aus Neukirchen/Pleiße im Landkreis Zwickau hat sein Leben lang die Alltagsgegenstände seiner Vorfahren gesammelt und präsentiert sie jetzt der Öffentlichkeit. Das ist ein Blick in seine Familiengeschichte und ein Blick in die Textilgeschichte der Stadt.

Blick in ein Wohnzimmer der Gründerzeit mit Sofa und Esstisch.
Die gute Stube des Firmengründers Maximilian Fürst aus Neukirchen. Nach Voranmeldung können Besucherinnen und Besucher zukünftig einen Blick hinein werfen. Bildrechte: MDR

So hatte sich das der Neukirchner Unternehmer Rainer Burkhardt nicht vorgestellt: Am Mittwoch wurde er zur Eröffnung seiner Ausstellung zur Familiengeschichte im "Haus der Eindrücke" förmlich überrannt von Besuchern - mit Blumen und Geschenken. Kein Problem für den agilen 83 Jahre alten Macher. "Eigentlich wollten wir heute Führungen mit wenigen Leuten machen. Bei dem Andrang geht das natürlich nicht." Aber das Interesse an der Ausstellung sei trotzdem wunderschön.

Er habe schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, die vielen gesammelten Erinnerungen an seine Familiengeschichte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "In dem ehemaligen Bürogebäude gibt es nun die entsprechenden Räumlichkeiten. Was ich erzielen will, ist ein Aha-Effekt, bei dem man sagt: 'Ah, schön!'" Daher vermeide er auch den Begriff "Museum": "Ich hoffe, die Besucher nehmen einen guten Eindruck mit nach Hause."

Besucher stehen vor einem großen, geöffneten Wäscheschrank, in dem Zylinder aufgereiht sind.
Fein aufgereiht warten die Zylinder im Kleiderschrank darauf, dass der Herr ausgehen möge. Für die Dame sind die entsprechenden Kleider vorbereitet. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Was ich erzielen will, ist ein Aha-Effekt, bei dem man sagt: 'Ah, schön!'

Rainer Burkhardt Sammler aus Leidenschaft

Die Sammlung in Zwickau: Alltagsgegenstände mehrerer Generationen

Gesammelt hat Burkhardt die Alltagsgegenstände seiner Familie ein Leben lang. "Solche Zeitzeugen muss man aufheben", sagt er. Nicht nur die digitale Welt sei wichtig, sondern auch das analoge Erinnern an dem Ort, an dem die Geschichte stattgefunden hat.

Nun sind im ehemaligen Bürogebäude des Unternehmens viele originale Möbel und alltägliche Dinge der Unternehmerfamilie Fürst zu sehen. Es gibt ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Arbeitszimmer im Stil des Historismus und des Jugendstils.

Geschichte des Gewerbecenters "Gebrüder Fürst" 1899 gründete Maximilian Fürst in Neukirchen eine Färberei und erweiterte die Firma. Später wurden hier hochwertige Kammgarnstoffe produziert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen weitergeführt, 1972 zwangsverstaatlicht. In dieser Zeit wurde hier aber auch Bekleidung für den Thomanerchor und die DDR-Olympiamannschaft hergestellt.
Nach dem Produktionsschluss mit der Wiedervereinigung kauften die Ur- und Ururenkel von Maximilian Fürst 2001 das Areal und entwickelten das "Gebrüder Fürst Gewerbecenter" in Neukirchen, in dem sich auch die Ausstellungsräume mit den Erbstücken des Firmengründers befinden.

Blick in eine historische eingerichtete Küche.
Auch die Küche enthält alles, was dazumal nötig war, um den Haushalt zu führen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Kitty Dudacy: Wir sind Seelenverwandte

Kitty Dudacy hat die Ausstellung konzipiert und gestaltet. Den Sammler Rainer Burkhardt hat sie schon vor ein paar Jahren kennengelernt. "Als er die Idee hatte, Teile der Familiensammlung im 'Haus der Eindrücke' zu präsentieren, habe ich sofort zugesagt." Sie habe, genau wie Rainer Burkhardt, auch ein Herz für die schönen alten Dinge. "Wir sind Seelenverwandte", lacht sie. "Ich hatte sofort einen Plan im Kopf, wie die Ausstellung aussehen soll mit guter Stube, Arbeitszimmer und Küche."

Kitty Dudacy steht vor einer historischen Anrichte.
Kitty Dudacy hat die Ausstellung in nur einem halben Jahr konzipiert und aufgebaut. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Burkhardt habe ihr bei der Gestaltung freie Hand gelassen. Daher habe das eigentliche Einrichten nur ein halbes Jahr gedauert. "Die meisten Ausstellungsstücke sind aus seiner Sammlung, nur ein paar kleine Accessoires habe ich auf Trödelmärkten dazu gekauft." Und so fühlt man sich wie in Ururgroßvaters guter Stube. Selbst das Grammophon - ein Familienerbstück - spielt noch.

Kitty Dudacy bringt ein Grammophon in Gang.
Ein paar mal kurbeln, Nadel auf die Schelllack-Platte - und schon spielt die Musik den Klang der "guten alten Zeit" im "Haus der Eindrücke". Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Im Haus der Eindrücke sollen weitere Eindrücke hinzukommen

Das "Haus der Eindrücke" soll in Zukunft noch erweitert werden, da im Depot noch weitere sehenswerte Stücke schlummern. Auch andere Interessenten gebe es schon, sagt Burkhardt. "Ich kann garantieren, dass in jedem Jahr neue Eindrücke dazukommen werden", lacht der alte Herr verschmitzt. Bis dahin kann man die neu erstandene Fabrikantenwohnung mit Voranmeldung, dafür ohne Eintritt, besuchen. Auf Nachfrage Musik wird vom alten Grammophon gespielt. Die Zeitreise ins beginnende 20. Jahrhundert hat hier ihren eigenen Klang.

In einem historischen Arbeitszimmer steht eine männliche Puppe mit Frack und Melone neben einem Schreibtisch.
Firmengründer Maximilian Fürst scheint gerade in der Fabrik unterwegs zu sein. Dafür empfängt sein Sekretär die Besucher im Kontor. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 16. November 2022 | 19:00 Uhr

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