Coronavirus-Pandemie Sachsen: Was würde die Impfpflicht für das gesellschaftliche Klima bedeuten?

Unter anderem in Sachsen gibt es immer wieder Demonstrationen gegen staatliche Corona-Maßnahmen. Dazu gehört auch eine mögliche Impfpflicht, für die sich der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz zuletzt ausgesprochen hat. Auch wenn sich dadurch möglicherweise ein Teil der Impfskeptiker impfen lassen würde, ist eine weitere Spaltung der Gesellschaft möglich.

  • Mit Blick auf Anti-Corona-Demonstrationen zeigt sich CDU-Sachsen-Generalsekretär Alexander Dierks offen für eine mögliche Impfpflicht.
  • Der Soziologe Holger Lengfeld rechnet mit weiteren Demonstrationen, glaubt aber nicht, dass es zu gewalttätigen Aktionen kommt.
  • Nach Ansicht des Zittauer Oberbürgermeisters Thomas Zenker greift der Fokus aufs Impfen womöglich zu kurz.

Alexander Dierks ist wütend. Der Generalsekretär der sächsischen CDU und sozialpolitische Sprecher der Landtagsfraktion hat überhaupt kein Verständnis für das, was sich wenige Tage zuvor abgespielt hat: "Da gehen Leute auf die Straße und demonstrieren mit Grablichtern vor Kliniken gegen eine Impfpflicht. Das ist in so vielerlei Weise schäbig und überhaupt nicht nachvollziehbar, dass einem schlechterdings die Worte fehlen."

Dierks: "Radikalisierungsspirale, die ihresgleichen sucht"

Einige Worte findet Dierks dann aber doch. Wenn man alle Mittel ausgeschöpft habe, um die Menschen von einer Impfung zu überzeugen, müsse man eben über eine Pflicht diskutieren. Darüber, ob sie bei Skeptikern zu einer weiteren Radikalisierung führen könnte, will Dierks nicht spekulieren.

Er sagt aber auch: "Ich glaube, wir haben hier in den letzten Monaten in Teilen der Gesellschaft eine Radikalisierungsspirale erlebt, die ihresgleichen sucht."

In der sächsischen Union ist man offenbar mit der Geduld am Ende. Sich wegen der zu geringen Impfquote von Lockdown zu Lockdown zu hangeln, ist für den Generalsekretär Dierks jedenfalls keine Option: "Dann werden wir uns auf die Seite derjenigen stellen müssen, die bereit sind, gesamtgesellschaftliche Solidarität miteinander zu leben." Mit den anderen werde man dann irgendwie umgehen müssen, sagt Dierks: "Das müssen wir ja jetzt schon."

Polizei Sachsen befürchtet weitere Spaltung

Vor allem muss die Polizei damit umgehen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft Sachsen blickt mit Sorge auf die möglichen Folgen einer Impfpflicht.

Wie die Gewerkschaftsvorsitzende Cathleen Martin sagt, befürchtet sie eine weitere Spaltung der Gesellschaft. Impfgegner würden der Allgemeinheit und ihren Kollegen das Leben schwermachen: "Wenn man den harten Kern nicht mit faktischen Argumenten und guter Arbeit überzeugen kann, wird er weiter demonstrieren gehen, wird aggressiver werden, weil man ihn aus dessen Sicht in seinen Grundrechten beschränkt."

Nicht jeder Impfgegner ist Corona-Leugner

Auch der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld geht davon aus, dass es weitere Demos geben wird. Dass es zu gewalttätigen Aktionen kommt, glaubt er aber nicht. Lengfeld sagt, es handle sich bei den Impfgegnern nicht um eine geschlossene Gruppe aus politischen Radikalen. Die überzeugten Corona-Leugner werde man auch durch die Impfpflicht nicht erreichen. Aber nicht jeder Impfgegner sei Corona-Leugner.

Für viele sei es eine Kosten-Nutzen-Frage, erklärt Lengfeld: "Ist also mein Weltbild und die Aufrechterhaltung meines Weltbildes, meiner Vorstellungen, so stark, dass ich unbedingt dagegenhalten will? Ein Teil dieser bisherigen Impfgegner wird sich dann auch impfen lassen, weil quasi die Kosten zu groß sind im gesellschaftlichen Verkehr."

Zittauer OB: Nicht nur auf Impfen fokussieren

Der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker sorgt sich um den anderen Teil der gemäßigten Impfskeptiker. Auch in Zittau gab es zuletzt Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen. Zenker sagt, viele fühlten sich jetzt, wo die Impfpflicht wahrscheinlicher werde, in ihren Befürchtungen bestätigt. Die Pflicht setze alle gleichermaßen unter Druck. Dabei müsse die Diskussion mit radikalen Corona-Leugnern eine andere sein als mit den Menschen, die sich an Regeln hielten, aber trotzdem nicht geimpft werden wollten: "Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ich persönlich denke, dass wir Gefahr laufen, den Konflikt zu verschärfen, wenn wir nur auf das Impfen fokussieren."

Er habe deswegen weniger Angst vor einer Radikalisierung im Sinne von gewalttätigen Protesten, sagt Zenker. Vielmehr befürchte er, dass sich bei einigen die Meinung verfestige, der Staat habe versagt und sei unglaubwürdig.

Quelle: MDR AKTUELL

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 02. Dezember 2021 | 06:10 Uhr

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