Gipfel-Treffen Wie weiter in der Corona-Krise, Sachsen?

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) haben sich am Montag mit Medizinern und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen zur Diskussion getroffen. Beim Online-Gesprächs-Gipfel diskutierten sie die Fragen: Wie weiter angesichts der Corona-Lage? Wie können Menschen überzeugt werden, sich impfen zu lassen, ihr eigenes Leben und das anderer Menschen zu schützen? Viele Vorschläge kamen auf den Tisch.

Krankenschwester Pauline Reynier steht während einer kurzen Pause mit verschränkten Armen in einer COVID-19-Abteilung.
Krankenschwestern, Pfleger und Ärzteschaft in Sachsens Kliniken sind erschöpft. In einer Debatte sagte Klinikleiter Thomas Grünewald: "Die Erschöpfung des medizinischen Personals ist Fakt. Wir haben einen Exodus von Pflegekräften, der ist signifikant." Bildrechte: dpa

Für Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) ist die pandemische Lage in Deutschland nicht vorbei. Zudem stimmte er die Bevölkerung angesichts stark steigender Corona-Zahlen auf neuerliche Einschränkungen ein. Man müsse jetzt Maßnahmen ergreifen, die drastischere Einschränkungen zu einem späteren Zeitpunkt verhindern, sagte er am Montag bei einer Online-Konferenz mit Sozialministerin Petra Köpping (SPD), Medizinern und Verbandsvertretern. Zeitweise verfolgten mehr als 600 Nutzer die Debatte via Facebook.

Ziel sei es, einen Lockdown zu verhindern und Schulen und Kitas offen zu halten. Man brauche eine Sensibilisierung der Bevölkerung, sagte Kretschmer. Der Regierungschef hatten sich von zu Hause aus zugeschaltet, denn er ist wegen einer Corona-Infektion seiner Ehefrau bis Ende der Woche in Quarantäne.

Michael Kretschmer
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und seine Kabinettskollegin Petra Köpping (SPD) hatten zur Debatte mit Verbandsvertretungen und Medizinern eingeladen. Kretschmer selbst saß aber nicht im Büro, sondern quarantänebedingt zu Hause (Archivfoto). Bildrechte: dpa

Köpping: "Wahnsinnige Sorgen"

Die Dynamik der Pandemie "läuft noch schneller ab als im letzten Jahr. Das macht uns wahnsinnige Sorgen", sagte Sozialministerin Köpping. Sie beschrieb die Lage in Sachsen: Aktuell liegen 699 Patienten auf Normalstationen, am Wochenende waren 180 Patienten auf Intensivstationen. Die Vorwarnstufe bei der Klinikbelastung sei erreicht worden. Zudem driften nach Köppings Worten die Landkreise in Sachsen bei den Inzidenzen auseinander. Der Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat eine Inzidenz von 453,2 (der 12. Platz bundesweit), die Stadt Leipzig 140. "Die große Spanne erschwert die Maßnahmen, die man möglicherweise ergreifen muss“, sagte Köpping.

Die Inzidenz bei den Ungeimpften in Sachsen liegt bei 560. Bei den Geimpften beträgt sie 61. Sachsen hat innnerhalb von 18 Monaten 10.324 an oder mit Corona Verstorbene zu verzeichnen. "Die Zahl wird weiter steigen", sagte Köpping voraus. Sie frage sich, was man noch tun könne im Kampf gegen Corona? "Alles laufen lassen?"

Petra Köpping
Die sächsische Sozialministerin Petra Köpping (SPD) rief Verbände und gesellschaftlich Verantwortliche dazu auf, sich bei Fragen und Unklarheiten an ihr Sozialministerium zu wenden. Sie meinte mit Blick auf die vierte Corona-Welle: "Entweder wir schaffen das gemeinsam oder in keiner guten Weise." Bildrechte: dpa

Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums in Dresden und Sachsens Krankenhauskoordinator in der Pandemie, lieferte Köpping und Kretschmer Argumente für eine Verschärfung. Wenn die Entwicklung so weiterlaufe, erreiche man bereits in 14 Tagen die Überlastungsstufe. Es gelte nun, Maßnahmen zu ergreifen und Ungeimpfte zu schützen.

Jeder, der keinen Impfschutz hat, wird sich in den nächsten Monaten infizieren. Das ist eine Frage der Zeit.

Prof. Michael Albrecht sächsischer Krankenhauskoordinator

2G, Boosterimpfungen, FFP2-Masken

Das Thema laufen zu lassen, würde bedeuten, dass es Jahre dauern werde, bis sich alle angesteckt haben, warnte auch der Immunologe Michael Meyer-Hermann. "Das wird die Pandemie um Jahre verlängern." Der Professor und Abteilungsleiter des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung Braunschweig beriet in stundenlangen Debatten die Bundesregierung und Länderchef-Runden. Am Montag verlangte er mehr Aufklärung über Impfungen, um in Sachsen Ängste abzubauen. Das betreffe auch die Booster-Impfungen.

Wir müssen ganz, ganz schnell an die ran, die das höchste Ansteckungsrisiko haben. Wir kommen nicht schnell genug voran bei Boosterimpfungen für Risikogruppen und Ältere.

Dr. Thomas Grünewald Leiter der Klinik für Infektionsmedizin Chemnitz

Das hatten zuvor auch Michael Albrecht und der Leiter der Sächsischen Impfkommission, Dr. Thomas Grünewald, verlangt. Sie rieten dringend zu einer schnelleren und konsequenteren Vergabe von Boosterimpfungen an Risikogruppen und Menschen in Seniorenheimen. Grünewald empfahl das verbindliche Tragen von FFP2- Masken in der Öffentlichkeit. Den Vorschlag wollte Ministerpräsident Kretschmer aufgreifen und am Dienstag im Kabinett diskutieren. Dann steht die nächste Corona-Schutzverordnung auf der Tagesordnung.

Stand Impfquote - Inzidenz der Bundesländer (Auswahl, RKI-Zahlen, Stand: 1.11.2021)
Bundesland Impfquote (zwei Impfungen) Inzidenz
Bremen 78,2 % 85,7
Hamburg 71,8 % 108,2
Bayern 64,6 % 248,1
Thüringen 60,7 % 307,1
Sachsen 56,7 % 291,6

Dehoga: Kommunikationsstrategie ändern

Statt auf Verbote und Druck zu setzen, sollte die Kommunikationsstrategie geändert werden, verlangte der Hauptgeschäftsführer des Sächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Axel Klein. Gewisse Kreise der sächsischen Bevölkerung seien nicht erreichbar für die Botschaft fürs Impfen. Die 2G-Regel hält Klein für eine Option, zudem soll der wirtschaftliche Druck, der auf dem Personal in der Gastro- und Eventbranche liege, nicht vergessen werden.

DGB verlangt Konsequenz und Mut

Der DGB-Bezirksvorsitzende Markus Schlimbach erinnerte daran, dass in Sachsen konsequenter das kontrolliert werden müsse, was schon gelte. Und: "Es braucht eine klare Kommunikation bei Impfungen und Boosterimpfungen." Er verlangte von der Landesregierung "auch Mut zu unpopulären Entscheidungen", die Rückkehr zu kostenlosen Tests und wesentliche Fragen in Schulen und Kitas zu klären. Speziell meinte Schlimbach Ansagen für die Anschaffung von Luftfiltern und die Quarantäneregeln, die ihm unklar erscheinen.

Kretschmer weiter gegen Impfzwang

Kretschmer betonte in der Debatte, dass es auch künftig "keinen Impfzwang" geben soll. Aber: "Es darf auch nicht so sein, dass die Geimpften kollektiv die Leidtragenden bei drastischen Einschnitten sind". Deutschland stehe grundsätzlich vor der Frage: "Wollen wir drastische Einschränkungen für alle oder muss man das sachgerecht abgewogen organisieren?"

Die gesamte, fast dreistündige Diskussion können Sie hier ansehen:

Quelle: MDR/kk/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 01. November 2021 | 19:00 Uhr

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