Trotz Corona-Pandemie Weniger Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen in Sachsen

Robin Hartmann
Bildrechte: MDR / Isabel Theis

In Sachsen hat es im vergangenen Jahr weniger Inobhutnahmen gegeben. Dem Statistischem Landesamt zufolgen mussten gut 330 Kinder weniger in Pflegefamilien oder sozialen Einrichtungen untergebracht werden. Woran liegt das? Und welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf diese Entwicklung?

Kind läuft Hand in Hand mit einem Mann
In Sachsen gab es 2020 weniger Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen. Bildrechte: Colourbox.de

Babys mit gebrochenen Rippen, alkoholisierte Kleinkinder, alleinreisende minderjährige Migranten und Migrantinnen – warum Kinder in Obhut genommen werden, dafür gibt es viele Gründe.

Vergangenes Jahr wurden sachsenweit 2.576 Kinder in Pflegefamilien oder sozialen Einrichtungen untergebracht und damit gut 330 weniger als 2019. Müssten die Zahlen aber durch Corona nicht steigen, wenn Familien wochenlang aufeinander hocken, psychisch immer mehr an ihre Grenzen kommen?

Wichtige Bezugspersonen brechen durch Lockdown weg

Nicht unbedingt, sagt der Kinderarzt und Vorsitzende des sächsischen Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Stefan Mertens. Er berichtet von einem deutlichen Patientenrückgang: "Es hat Tage gegeben, da haben wir nur zwei bis drei akut kranke Patienten in der Praxis gehabt. Ich kann mir das gut vorstellen, wenn ich die Kinder nicht sehe, dann erkenne ich natürlich auch nicht ein Problem, was da eventuell vorliegen könnte."

Auch Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte sind wichtige Bezugspersonen für die Kinder. Durch Homeschooling und geschlossene Kitas konnten sie kaum Missstände in den Familien bemerken. Deswegen seien die Zahlen zur Inobhutnahme kein aussagekräftiges Indiz zum Wohlergehen der Kinder in der Pandemie, sagt Mertens.

2.400 Meldungen beim Dresdner Jugendamt

In der Kinderschutzgruppe des Dresdner Uniklinikums gab es einen stärkeren Anstieg an Fallzahlen seit letztem Jahr. Das Team aus Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen betreut Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Gefährdung des Kindeswohls besteht. So lag die Zahl der Fälle 2019 noch bei 260, im letzten Jahr stieg sie auf 290.

Einen noch deutlicheren Anstieg bemerkte das Dresdner Jugendamt bei Meldungen mit Verdacht von Kindeswohlgefährdungen. Gut 2.400 Meldungen gingen beim Jugendamt ein und damit rund ein Viertel mehr als noch 2019. So hätten sich der kommissarischen Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm zufolge häufiger besorgte Nachbarn gemeldet.

Weniger Jugendliche melden Missstände selbst

Dass trotz der deutlich gestiegenen Meldungen die Zahl der Inobhutnahmen gesunken ist, wundert Lemm aber nicht. Denn vor allem die Zahl der sogenannten Selbstmelder sank um fast ein Drittel. Doch die Kinder und Jugendlichen, die sich selbst ans Jugendamt wenden oder von ihren Familien weggelaufen sind und durch die Polizei aufgegriffen werden, seien besonders relevant für die Statistik, sagt Lemm: "Gerade in dieser Altersklasse der über 14-Jährigen habe ich diesen Effekt: Ich bin da in der Obhutnahme, aber ich bin dann auch schon wieder weg. Und ich komm nach zwei oder drei Tagen wieder, wenn ich auf der Straße oder bei Freunden nicht mehr zurechtgekommen bin." Dadurch dass man die gleiche Person mehrfach in Obhut nehme, steige auch die Zahl, da man die Person dahinter nicht betrachte, erklärt Lemm.

Weniger Ausbruchmöglichkeiten durch Corona-Beschränkungen

Doch durch die Corona-Beschränkungen sei der Ausbruch aus der eigenen Familie für die Jugendlichen besonders unattraktiv gewesen, glaubt die kommissarische Leiterin des Dresdner Jugendamts. Feststellen lässt sich jedoch, dass sich diese Vermutung auch in der gesamtsächsischen Statistik nachvollziehen lässt. Denn nicht nur die Zahlen bei den Selbstmeldern und von den Sozialen Diensten und von der Polizei angeregten Maßnahmen gingen zurück. Auch bei den über 14-Jährigen sieht man einen großen Rückgang an Inobhutnahmen: knapp 320 weniger gab es im vergangenen Jahr. Bei den unter 14-Jährigen sank die Zahl hingegen nur unwesentlich – hier waren es 15 weniger.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 16. August 2021 | 06:00 Uhr

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