Interview Risikopatient: "Bauchgefühl sagt, lass' dich nicht impfen"

Rudolf Lenke ist Zahntechnikermeister in Dresden-Zschieren. Er ist 57 Jahre alt, verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und zwei Mal eine Krebserkrankung überlebt. Im Gespräch mit MDR SACHSEN erzählt er, warum er sich trotzdem nicht impfen lassen will. Wir sind über unser Meinungsbarometer MDRfragt mit ihm in Kontakt gekommen.

Ein Mann hält ein rotes DDR-Impfbuch sowie ein gelbes Impfbuch in den Händen
Zu DDR-Zeiten und auch nach der Wende geimpft, auch regelmäßig gegen Tetanus, aber eine Corona-Schutzimpfung kommt für Rudolf Lenke nicht in Frage. Der 57-Jährige, der zwei Mal gegen Krebserkrankungen gekämpft hat, sieht sich nicht als Risikopatient (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Frage: Warum lassen Sie sich nicht impfen?

Rudolf Lenke: Ich bin kein Corona-Leugner. Ich sehe schon, dass es die Krankheit gibt. Ich sehe jedoch keine Pandemie und keine Notwendigkeit für eine Impfung. Ich habe viele Zahnärzte sowie einige Ärzte in meinem Bekanntenkreis. Die Hälfte dieser Mediziner ist meiner Meinung. Das bestätigt mich.

Was ist eine Pandemie?

Die WHO hat im März 2020 den Ausbruch des Coronavirus als Pandemie eingestuft. Hintergrund war, dass sich innerhalb von zwei Wochen die Zahl der mit dem neuen Virus infizierten Personen außerhalb Chinas um das 13fache erhöht hatte, die Zahl der betroffenen Länder verdreifacht.

Die WHO definiert eine Pandemie als eine Situation, in der die ganze Weltbevölkerung einem Erreger potenziell ausgesetzt ist und "potenziell ein Teil von ihr erkrankt." Darüber, wie ansteckend oder tödlich die jeweilige Krankheit ist, sagt der Pandemie-Begriff jedoch nichts aus. Im Unterschied zur Epidemie ist eine Pandemie örtlich nicht beschränkt. Es kann aber auch Gebiete geben, die nicht von der Krankheit betroffen werden. Die Ausrufung einer Pandemie durch die WHO bezieht sich auf die globale Situation und nicht auf die Situation in den einzelnen Mitgliedsstaaten.

Weltweit haben sich laut Johns-Hopkins-Universität 342.607.332 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. An oder mit dem Coronavirus sind 5.574.413 Menschen gestorben. (Stand 21. Januar 2022)

Haben Sie keine Bedenken, schwer zu erkranken?

Ich hatte Covid, vergangenen Februar mit leichten Symptomen. Ich war infiziert und leicht erkrankt, allerdings nicht so, dass es mir Angst machte. Mit meiner zweifachen Krebserkrankung und meinen 57 Jahren bin ich eigentlich Risikopatient. Trotzdem sagte mir mein Bauchgefühl: 'Lass' Dich nicht impfen'. Ich verfolge die Berichterstattung, kann aber keine Angst entwickeln. In meinem Bekannten- und Freundeskreis sind mir keine schweren Erkrankungen oder Todesfälle bekannt. Ich mache immer den Handytest und frage: Wie viele Personen musstest Du bislang wegen Corona aus Deinem Handy streichen?

Das ist makaber.

Vielleicht. Doch ehrlich, bislang ist mir noch niemand begegnet, der Nummern löschen musste. Abgesehen davon: Eine Bekannte sagte immer 'Ab 70 hat man das Recht zu sterben'. Viele aus meiner Familie sind noch nicht einmal 70 Jahre alt geworden. Ich sage immer: 70 Jahre. Alles, was darüber kommt, ist Geschenk Gottes.

Gerade haben wir ein Interview mit einer Long-Covid-Patientin geführt, die enorm leidet...

Long Covid ist das neue Thema, was jetzt überall gespielt wird. Wie es auch genannt wird, Symptome wie Erschöpfung, Ermattung und Depressionen hat es schon früher gegeben. Das ist nicht neu. Was neu ist, sind massive wirtschaftliche Ängste. Die Leute haben keine Angst, zu sterben. Die haben Angst mit ihren Unternehmen zusammenzubrechen.

Als Zahntechniker arbeiten Sie mit Patienten. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrem Gewissen?

Meinen Sie, ob ich ein schlechtes Gewissen habe? Ich schütze Patienten und mich so gut es geht. Ich bin seit 30 Jahren Zahntechniker. Ich bin schon mit allen möglichen Viren in Kontakt gekommen von Hepatitis A, B, C und vielen anderen Krankheiten. Man stumpft nicht ab, man schützt sich schon. Doch ich denke nicht darüber nach, dass ich jemanden mit Corona anstecken könnte.

Wirklich?

Ja. Mein Hausarzt hat erst neulich einen Test gemacht. Demnach habe ich enorm viele Antikörper, resultierend aus der Erkrankung im vergangenen Jahr.

Die Verbreitung von Viren ist keine Privatsache. Wie wichtig ist Ihnen der Gedanke der Solidarität?

Das spielt weder bei mir noch in meinem Kontaktkreis eine Rolle. Man schränkt sich ein, wir desinfizieren ständig. Ich denke nie, dass ich jemanden damit gefährde. Die meisten Todesfälle liegen weit über 70 Jahre. Die Argumentation, dass man sechs Jahre seiner Lebenszeit verlieren könnte, greift für mich zu kurz.

Ohne Impfung wird es im öffentlichen Raum immer schwerer. Sind Sie nicht pragmatisch?

Dann würde ich mich diesem Impfwahn unterwerfen, das tue ich nicht. Ich lasse mich doch nicht einfach impfen, nur damit ich wieder Ski fahren kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, einfach ist das nicht. Vor allem, wenn ich das Fernsehen anschalte und mir immer wieder gesagt wird, wie unsolidarisch alle Menschen ohne Impfung sind.

Haben Sie denn andere Impfungen?

Ja.

Beschäftigten Sie sich vor diesen Impfungen auch so intensiv damit wie bei den Corona-Impfungen?

Nein. Gegen Tetanus lasse ich mich einfach impfen, weil ich hier eine Notwendigkeit sehe. Wissen Sie, das Problem ist so heiß aufgeladen. Ich persönlich rufe bestimmte Freunde gar nicht mehr an, weil ich nicht über Schwachsinn diskutieren will. Miteinander zu reden ist so schwer geworden. Man hört sich gegenseitig nicht mehr an. Das Meinungsbild ist gemacht worden. Ich mache hier auch dem Öffentlich-Rechtlichen – nicht Ihnen direkt – doch dem öffentlichen Rundfunk einen Vorwurf. Hier wird Angst geschürt.

Haben Sie sich schon an Corona-Protesten beteiligt?

Ja. Ich bin schon mehrmals bei den Demonstrationen gewesen. Ich sehe keinen Sinn in bestimmten Einschränkungen. Viele Bestimmungen sind ja widersinnig. Zum Beispiel war ich heute im Baumarkt. Dort sind jetzt FFP2-Masken Zwang, doch nur für die Kunden. Die Mitarbeiter haben medizinische Masken.

Dafür gibt es Gründe. FFP2-Masken sind nicht für den Dauereinsatz gedacht. Die Mitarbeiter müssen jeden Tag Masken tragen und testen sich vor der Arbeit, Baumarktkunden tun das nicht…

Das kann sein. Die Frage ist doch: Wenn wir eine Pandemie haben, warum ziehen wir dann nicht konsequent durch. Warum haben wir im Lockdown – und auch danach –  nicht konsequenter agiert, damit Corona eingedämmt wird? Zum Beispiel gleich strenge Regeln beim Masketragen in allen Bereichen des Handels und Alltags oder gleiche Vorschriften für alle bei Kontakt- und Zugangsbeschränkungen. Doch das tut man nicht, weil man sich nicht den Volkszorn zuziehen will. Ich werfe den Politikern Opportunismus vor.

Was meinen Sie konkret?

Gerade erst jetzt wurden die Regeln für ein Genesenen-Zertifikat geändert, es gilt nur noch drei Monate. Eine medizinische Begründung sehe ich nicht, eher politischen Druck auf Menschen, die impfskeptisch sind. Mein Antikörpertest, den ich übrigens selbst bezahlt habe, hat gerade ergeben, dass ich noch genug Antikörper habe. Diese Regel ist doch reine Willkür. Ich habe es jedenfalls aufgegeben, nach dem Grund zu fragen.

Welchen Grund?

Den Grund, warum das hier passiert. Am Anfang dachten noch alle, Bill Gates profitiere. Das ist jetzt nicht so. Es ist nicht mehr klar, wem es nützt.

Weil es eine Naturkatastrophe ist?

Da fehlt mir eben das Bauchgefühl. Dass ich das einfach so annehmen und sagen kann: Ja, das ist so.

Ist Ihnen bewusst, dass viele Corona-Proteste durch die rechtsextremistische Partei "Freie Sachsen" kommuniziert werden?

Das ist mir bewusst. Ich war bis 2015 in der CDU. Ich war in einer rechten Partei.

Sie stufen die CDU als rechts ein?

Als ich 1992 eingetreten bin, da war sie noch rechts. Dann begann der Prozess, als sich die CDU öffnete und immer mehr Stammwähler verlor. Ich bin ein Strauß-Anhänger* und wäre gern in die CSU eingetreten. Die gibt es hier im Osten aber leider nicht.

*Franz Josef Strauß war von 1961 bis zu seinem Tod 1988 Vorsitzender der CSU und von 1978 bis 1988 bayrischer Ministerpräsident. 1980 scheiterte er als Kanzlerkandidat gegen Helmut Schmidt (SPD). Strauß galt als Rechtskonservativer, der den Satz prägte: "Rechts von der CDU/CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben".

In welcher Partei waren Sie in der DDR?

In der DDR-Zeit war ich in keiner Partei. Erst nach der Wende bin ich in die CDU eingetreten. Damals dachte ich, ich kann die Welt verändern. Mehrmals kandidierte ich für den Stadtrat Dresden. Doch es gab zunehmend Probleme. Immer wieder musste ich mich für die CDU rechtfertigen. Das ist bald unerträglich geworden. Ich habe Gutes gewollt, hatte Ziele. Und dann war ich in der Tretmühle Partei. Da schleift man ab. Man muss sehr vielen Leuten sagen, was die hören wollen. Irgendwann waren mir Freizeit und Geld dafür zu schade.

Wofür haben Sie sich eingesetzt?

Ordentliche Fußwege zum Beispiel, einen neuen Kindergarten für das Stadtviertel. Doch daran sind wir in der Stadtverwaltung gescheitert. In der Politik ist es nicht so, wie in einem Unternehmen, in dem man einfach beginnen kann, die Dinge umzusetzen. Erst muss man immer neue Anträge schreiben und dann bringt das doch nichts. So läuft es oft in der Politik.

Die rechtsextremen "Freien Sachsen" bedienen ihre Anhänger über den Messenger-Dienst Telegram. Haben Sie deren Kanäle abonniert?

Ja, ich habe die "Freien Sachsen" bei Telegram abonniert. Doch das ist nicht der einzige Kanal. Ich habe viel abonniert. Ich schaue auch jeden Donnerstag die Sendung von Sahra Wagenknecht.

Die "Freien Sachsen" haben sich mit vielen anderen Rechtsextremen – unter anderem dem "Dritten Weg" aus Plauen oder der "Identitären Bewegung" – vernetzt. Diese radikalen Kräfte werden stärker – mit Ihnen. Können Sie das ignorieren?

Demokratiegefährdenden Kräften muss Einhalt geboten werden. Eine Radikalisierung ist nicht okay. Doch ehrlich, der 'Dritte Weg' interessiert mich nicht.

"Freie Sachsen" und "Dritter Weg" - Einordnung durch den Verfassungsschutz

Die Partei "Freie Sachsen" wird seit Juni 2021 vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet. Die Tätigkeiten der Partei seien "objektiv geeignet, die freiheitliche demokratische Grundordnung oder einzelne ihrer zentralen Wesenselemente zu beseitigen oder zu beeinträchtigen", teilte die Behörde damals mit. Insbesondere würden sie öffentlich dadurch auffallen, dass sie überregional für die Teilnahme an Corona-Protesten in Sachsen mobilisierten. Dabei würden sie teilweise von Rechtsextremisten außerhalb Sachsens unterstützt. Die Partei war Ende Februar 2021 in Schwarzenberg im Erzgebirge gegründet worden. Der Vorstand der Partei setzt sich überwiegend aus namhaften sächsischen Rechtsextremisten aus dem Raum Chemnitz und dem Erzgebirgskreis zusammen. Vorsitzender ist Martin Kohlmann.

Die Partei "Der Dritte Weg" (III. Weg) wurde 2013 von einer Gruppe völkischer Nationalisten, darunter ehemalige NPD-Mitglieder, Neonazis aus Rheinland-Pfalz und Hessen und Angehörige der 2014 vom bayerischen Verfassungsschutz verbotenen rechtsextremistischen Organisation "Freies Netz Süd" gegründet. Ihre ideologische Grundausrichtung ist geprägt durch Antisemitismus und Rassismus sowie das Streben nach einer Gesellschaftsordnung in Anlehnung an den historischen Nationalsozialismus. Sie steht unter Beobachtung verschiedener Verfassungsschutzbehörden auf Länder- und Bundesebene. In Sachsen ist sie vor allem in der Region Plauen aktiv.

Und die "Freien Sachsen"?

Nein, auch die interessieren mich nicht. Ich denke nicht, dass deren Weg mein Weg ist. Es muss immer noch einen demokratischen Grundkonsens geben. Ich glaube nicht, dass der bei den 'Freien Sachsen' immer gegeben ist. Wobei ich das natürlich nicht weiß. Ich habe von denen nie eine Satzung gelesen. Meine Spenden bekommt jemand anders.

Eine Frau steht mit einem Schild in der Hand mit dem Text „Ob für oder gegen Impfpflicht mit rechten Ideolog*innen demonstriert man nicht!"
Diese Frau in Freiberg hat eine klare Haltung zu Corona-Maßnahmekritikern, die bei sogenannten Spaziergängen mitlaufen, zu denen die rechtsextremen Freien Sachsen aufrufen. Bildrechte: dpa

Wer?

Früher war es die CDU.

Menschen in Gesundheitsberufen müssen ab Mitte März geimpft sein. Könnten Sie als Ungeimpfter dann noch arbeiten?

Ja, ich bleibe in der Werkstatt. Die Abdrücke nimmt der Zahnarzt. Wenn er Unterstützung braucht, fährt mein Kollege, er ist geimpft und geboostert.

Wenn der es nicht wäre, was würden Sie dann tun?

Wahrscheinlich nichts mehr. Doch Haus und Betrieb sind bezahlt, das macht mich ruhiger.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR (kt,kk,dk)

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