Aktuelle Situation Die Stadt der Zeit: Glashütte und seine Uhrmacher - Teil 4

Seit 177 Jahren werden im sächsischen Glashütte Uhren gefertigt. Ihre Genauigkeit wird in der gesamten Welt geschätzt. Doch erst seit Februar genießen Glashütter Uhren einen besonderen Markenschutz. Wie kam der zustande? Und wie wurde Glashütte überhaupt zum Zentrum der deutschen Uhrmacher-Kunst? Ralf Geißler hat die Kleinstadt bei Dresden besucht. Lesen Sie hier Teil 4.

Ein Uhrmacher justiert in der Uhrenmanufaktur Nomos die Zeiger des Uhrenmodells Tangente 33.
Das Arbeiten an mechanischen Uhren erfordert viel Aufmerksamkeit und Feingefühl. Bildrechte: dpa

Heute gibt es in Glashütte wieder neun Uhrenmanufakturen. Die meisten knüpfen an historische Firmen an. Einige sind erst nach der Wiedervereinigung ins Uhrengeschäft eingestiegen. So ist es auch bei Thilo Mühle. Sein Familienbetrieb fertigte ursprünglich nautische Instrumente, Tachometer und Nanometer. Doch Uhren, sagt Mühle, messen ja auch etwas: die Zeit. Und so ist auch bei ihm die Armbanduhr inzwischen das wichtigste Geschäft.

"Das ist unser Endkontrollraum. Also die Uhren, die da drüben fertig sind, kommen dann in diesen Raum", erzählt Mühle. "Hier wird im Prinzip nochmal der Gang kontrolliert. Also wie genau geht die Uhr. Hier wird die Wasserdichtheit nochmal geprüft. Das können wir uns jetzt mal anhören." Er steckt eine Armbanduhr in die Kammer eines kleinen Geräts. Innen wird Luftdruck aufgebaut.

Modelle mit Glasboden geben Einblick ins Uhrwerk

Fast alle seine Modelle haben einen Glasboden. So kann der Kunde sehen, was die Uhrmacher zusammengebaut haben. Wer die Unruhe sieht, die Zahnrädchen und kleinen Schräubchen bekommt eine Ahnung davon, wie fordernd die Arbeit in den Werkstätten ist. Über Stunden schauen Mühles Angestellte mit Lupe und Pinzette in winzige Gehäuse. "Man ist hier nicht acht Stunden an den Stuhl gefesselt. Man kann wirklich auch mal rausgehen, mal gucken, die Augen entlasten", erklärt der Manufakturchef.

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte 30 min
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte Bildrechte: MDR/Henrik Flemming

Verdrängt die Smartwatch die mechanische Uhr?

Mühle kann sich diese Haltung leisten. Auch seine Uhren verkaufen sich gut. Aber tragen nicht immer mehr Menschen lieber Smartwatch – Uhren, die neben der Zeit auch den Puls messen, Schritte zählen und das Wetter ansagen? Wird die Smartwatch die mechanische Uhr verdrängen?

Es wird sicherlich immer jemanden geben, der eine mechanische Uhr liebt. Sie haben bei der mechanischen Uhr einfach die Möglichkeit, die Zeit abzulesen, ohne elektronische Zusatzdinge, ohne Strom, ohne alles. Rein aus der Mechanik und das auch relativ genau. Und das ist ja schon auch etwas Emotionales in der heutigen Welt, wo alles digitalisiert ist.

Thilo Mühle Chef der Manufaktur Mühle

Ein Mann sieht indie Kamera.
Thilo Mühle, Chef der Manufaktur Mühle, ist sich sicher, dass es immer einen Markt für mechanische Uhren geben wird. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

"Es wird sicherlich immer jemanden geben, der eine mechanische Uhr liebt, weil sie haben bei der mechanischen Uhr einfach die Möglichkeit, die Zeit abzulesen, ohne elektronische Zusatzdinge, ohne Strom, ohne alles. Rein aus der Mechanik und das auch relativ genau", sagt Mühle. "Und das ist ja schon auch etwas Emotionales in der heutigen Welt, wo alles digitalisiert ist. In der heutigen Welt, Mobilfunkgeräte managen unser Leben fast. Und da ist es etwas Schönes, eine mechanische Uhr zu haben. Deswegen glaube ich schon, dass die mechanische Uhr weiter Bestand haben wird."

Glashütte 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Sechs Bewerber auf eine Lehrstelle: Nach Glashütte zieht es junge Leute aus ganz Deutschland. Denn eine Ausbildung dort bedeutet eine Jobgarantie.

Fr 01.07.2016 12:14Uhr 03:47 min

https://www.mdr.de/heute-im-osten/video-30140.html

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Keine Smartwatch aus Glashütte

Das sieht Uwe Ahrendt von Nomos genauso. Trotzdem kann er der Smartwatch etwas Positives abgewinnen. "Was vielleicht die Smartwatch auch geschafft hat, dass es Leute oder jüngere Kunden begeistert, eine Uhr zu tragen. Dann eben die Smartwatch", sagt er. "Und vielleicht, wenn sie zehn oder 20 Jahre älter sind, sagen sie: Dann kaufe ich mir eine mechanische Uhr."

Eine Smartwatch aus Glashütte - das schließt Ahrendt aus. Gegen Samsung und Apple habe man ohnehin keine Chance. Ahrendt steht auf seinem Bahnsteig. Er blickt zu seiner Kirche, die Vögel zwitschern. An seinem Handgelenk trägt er eine Uhr, die sich durch Armbewegung selbst aufzieht. Zeit bleibt Zeit. Und eine Uhr, die sie präzise anzeigen kann – ohne Batterie – die wird es nach Meinung vieler in Glashütte immer geben.

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Die Reportage | 15. August 2022 | 19:05 Uhr

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