Interview Medienexperte: Fall Ofarim hat "Muster unversöhnlicher Zerlegung"

Ein Video geht viral, in dem ein Sänger Antisemitisumus-Vorwürfe gegen ein Hotel in Leipzig erhebt. Soziale Medien steigen ein, herkömmliche Medien folgen. Politikerinnen und Politiker beziehen Stellung zu einem Vorgang, von dem man noch nichts Genaues weiß. Der mutmaßlich Betroffene wird angefeindet. Was bedeuten die Entwicklungen im Fall Ofarim und für das Westin Leipzig, hat der MDR den Professor für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur an der TU Dresden, Lars Koch, gefragt.

Ofarim Video
Beweisen Videoaufnahmen aus dem Westin Hotel, ob der Sänger Gil Ofarim eine Kette trug oder nicht? Videoanalysten legen sich nicht fest. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frage: Wie bewerten Sie die bisherige Berichterstattung um den Sänger Gil Ofarim im Westin Hotel in Leipzig?

Lars Koch: Die Geschehnisse sind - Stand heute und vor einem abschließenden Bericht der Staatsanwaltschaft - vor allem eine Black Box. Das heißt, was genau in der besagten Situation geschehen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber gerade darum lassen sich einige Aspekte der Meinungsbildung unter den Bedingungen einer zunehmend affektiv orchestrierten Öffentlichkeit sehr gut beobachten.

Welche Aspekte sind das?

Verschiedene Akteure, Akteurinnen und Interessen kämpfen um Deutungshoheit, unter dem Verweis auf vermeintliche Fakten, vor allem aber mit Suggestionen und angedeuteter Narrativierungen. Wir haben es mit einem hohen Emotionalisierungsgrad zu tun, mit einer entgrenzten und über Hashtags forcierten Moralkommunikation, die dazu tendiert, eindeutige Positionierungen zu erzwingen.

Im Raum steht zudem die Frage verschieden adressierter Beweislasten und die - unausgesprochen politisch aufgeladene - Vermutung, Ofraim könne gar ein - wie wir es in der Literaturwissenschaft nennen - "unzuverlässiger Erzähler“ sein. Der Verdacht wird von einigen Medien geschürt, er sei ein Profi der Inszenierung, der seinen Instagram-Kanal nutzt, um Popularitätsmanagement zu betreiben. Gerade darum geht es ja in den sozialen Medien, insbesondere wenn sich Prominente, Influencerinnen und Influencer ihrer bedienen: um die Vermittlung des Eindrucks von Authentizität. Die soll eine intime Nähe herstellen, die die Adressierten Partei ergreifen lässt.

Prof. Dr. Lars Koch, TU Dresden, während eines Videotelefonats
Prof. Dr. Lars Koch von der TU Dresden beobachtet das Medienphänomen Gil Ofarim und Westin Hotel Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der vermeintliche Vorfall, der Vorwurf, wurde vom Sänger Ofarim selbst über Social Media bekannt gemacht. Wie haben Sie die Reaktionen im Netz wahrgenommen?

Der Bericht, von Ofraim als Video in direkter, sichtlich aufgewühlter Ansprache ins Netz gestellt, hat eine immense Appellwirkung, die sofort reizt und eine spontane Solidaritätserklärung provoziert. Das setzt eine kommunikative Eskalation in Gang: Anschlusskommunikationen in sozialen Netzwerken, insbesondere über Twitter, unterliegen einem immensen Beschleunigungsdruck. Zudem sind sie auf Resonanz angelegt und müssen ihrerseits im Ringen um das knappe Gut Aufmerksamkeit für die eigene Wahrnehmung in Form von Likes, Retweets und Kommentaren Sorge tragen.

Gerade bei Themen mit Erregungspotenzial und auch, weil man nur eine begrenzte Zeichenzahl zur Verfügung hat, hat das eine Rhetorik der Dringlichkeit zur Folge. Es entstehen, unterstützt von algorithmischen Selektionsprozessen, sich selbst verstärkende kommunikative Kaskadeneffekte in Echtzeit, die sehr schnell in ein Muster unversöhnlicher Zerlegung verfallen. Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl spricht von "ballistischer Kommunikation", die einen Treffer landen will. Das finde ich auch hier sehr zutreffend.

Es steht ein Antisemitismus-Vorwurf im Raum. Darauf gab es sehr schnell Reaktionen, Meinungsäußerungen, Forderungen und Empörungen prominenter Politiker. Wie bewerten Sie deren Rolle?

Gil Ofarim
Gil Ofarim hatte im Oktober ein Video bei Instagram gepostet, das in den Folgetagen hohe mediale und politische Wellen schlug. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich denke, Politikerinnen und Politiker wären gut beraten gewesen, sich zeitlich und argumentativ differenzierter zu äußern. Sich klar gegen jede Form von Antisemitismus zu positionieren, zugleich aber deutlich zu machen, dass es im konkreten Fall einfach noch zu früh für eine Bewertung gewesen ist. Es ist ja nicht so, dass es nicht unzählige Vorfälle antisemitischer Anfeindung gäbe, in der Politik, im Alltag, auch in den Medien, wo die Bewertungsgrundlage klar ist. Auch die Politik kann sich aber scheinbar dem numerischen Druck zur schnellen moralischen Positionierung, den die sozialen Medien erzeugen können, nicht entziehen.

Jenseits tagesaktueller Entrüstungssignale wäre es aber viel entscheidender, Geld für politische Bildung, Antidiskriminierungsprogramme, Opferberatung etc. nicht zu kürzen. Dies passiert aber gerade in vielen Bundesländern und Kommunen.

Welche Rolle spielen Social-Media-Kanäle und klassische Medien? Was raten Sie Journalisten im Umgang mit solchen Themen, die durch Soziale Medien gesetzt werden? 

Entschleunigung, transparente Differenzierung zwischen Berichterstattung und Meinung, Faktenorientierung und die Bewahrung einer reflektierten Distanz, die sich nicht in das Spiel der konfrontativen Fremd- und Selbstzuschreibungen hineinziehen lässt. Das kann und muss gerade der Maßstab für öffentlich-rechtlich finanzierte Berichterstattung sein.

Videoüberwachungsbilder des Hotels wurden an Journalisten lanciert. Die Auszüge suggerieren, die Kette mit Davidstern soll der Sänger nicht sichtbar getragen haben. Auch wurden "Ergebnisse" aus dem sogenannten Untersuchungsbericht einer beauftragten Anwaltskanzlei an ausgewählte Journalisten gegeben. Dabei wurde lanciert, weder Kameras noch Zeugen stützten die Darstellung von Gil Ofarim. Später wurde in Berichten die Verschlagwortung verschoben. Es hieß u.a.: "Erkenntnisse würden weitere Zweifel aufkommen lassen". Wie bewerten Sie das?

Dabei handelt es sich um Praktiken, die einen bestimmten Eindruck über ein Ereignis erzeugen sollen, das - Stand heute - nicht abschließend zu bewerten ist. Es geht um die strategische Produktion einer Stimmung des Misstrauens, das die Glaubwürdigkeit von Gil Ofarim in Frage stellen soll. Dabei wird billigend in Kauf genommen, dass situativer Einzelfall und generalistisches Narrativ überblendet werden.

Eine solche Wirkungsabsicht kalkuliert mit dem in einigen Wortäußerungen im Netz mitschwingenden antisemitischen Stereotyp, wonach Juden und Jüdinnen ihren selbsterklärten Opferstatus für die Erringung eigener Vorteile zu nutzen wüssten. Selbst wenn sich die Dinge anders zugetragen haben sollten als von Ofarim berichtet, würde das keinerlei Anlass bieten, die Existenz und Relevanz einer antisemitischen Alltagskultur in Deutschland zu bestreiten. Genau dies passiert aber, wie eine regelrechte Welle an Hassbotschaften an den Zentralrat der Juden als Reaktion auf die Berichterstattung nahe legt.

Kann man das Agieren einiger Akteure auch als Framing bewerten?

Ganz klar: ja. Gerade weil das Ereignis bislang nicht abschließend rekonstruiert werden konnte, besteht ein Leerstelle. Die wird von Spekulationen und Projektionen unterschiedlicher Seiten besetzt. Jenseits der Frage, was in Leipzig wirklich passiert ist, sehe ich eine große Gefahr darin, dass damit eine narrative Abdichtung verbunden sein könnte, die es der Gesellschaft erlaubt, weiterhin, vielleicht sogar noch mehr als bisher, die Augen vor den vielfältigen Formen eines alltäglichen Antisemitismus zu verschließen. Dieser Alltagsantisemitismus und die gesellschaftliche Ignoranz ihm gegenüber sind aber Ursachen, die es Menschen jüdischen Glaubens immer unmöglicher macht, sich im öffentlichen Raum zu ihrer religiösen oder kulturellen Identität zu bekennen.

Glauben Sie an eine noch mögliche, sachliche und faire Aufarbeitung?

Für die öffentliche Kommunikation über die Vorkommnisse im Westin Leipzig gilt, was spätestens seit der Corona-Berichterstattung als allgemeiner Trend festzustellen ist: ein Hang zur Lagerbildung, die Dominanz von Abdichtungs- und Selbstbestätigungserzählungen, die durch soziale Medien weiter forcierte Bereitschaft zur affektiven Eskalation und moralischer Frontenbildung. Auch wenn eine sachliche Aufarbeitung gelingen sollte, wird die an der Evidenz der Überzeugungen, die schon da sind, wenig ändern können. Für Meinungsbildung, die als Prozess der differenzierenden Reflexion verstanden wird, bleibt in der medialen Taktung forcierter Empörungsdarstellung schlichtweg keine Zeit mehr.

Quelle: MDR/Brisant/kk

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 03. November 2021 | 17:15 Uhr

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