Neue Zeugen Prozess Grünes Gewölbe: Kameras zeigen Personen Tage vor Juwelendiebstahl am Fenster

Wie konnten die Diebe zwei Tage vor der Tat unbemerkt das Fenstergitter zertrennen? Das ist die nächste große Frage, die sich aus dem siebenten Prozesstag in Dresden ergibt.

Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), steht vor der ausgeraubten und nun ausgestellten Vitrine im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss. Das Historische Grüne Gewölbe Dresden hat erstmals seit dem spektakulären Einbruch im November 2019 wieder geöffnet.
Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Marion Ackermann, steht vor der ausgeraubten und nun ausgestellten Vitrine im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss. Bildrechte: dpa

Im Dresdner Prozess zum Juwelendiebstahl 2019 im Grünen Gewölbe Dresden hat am Dienstag einer der Ermittler der Sonderkommission ausgesagt. Er hat nach eigenen Angaben zahlreiche Videos der Überwachungskameras aus dem Dresdner Residenzschlosses ausgewertet, darunter auch vom Tatort in der sächsischen Schatzkammer. Seinen Angaben zufolge sind mehrere Männer in zwei Nächten vor der Tatnacht über den Zaun vor dem Grünen Gewölbe am Schloss geklettert. Die Videos seien insgesamt sehr schlecht. Es könnten jeweils nur Personensilhouetten wahrgenommen werden.

Ein vergittertes Fenster
Das Fenster durch das die Diebe eingestiegen, lässt viele Fragen offen. (Archivfoto) Bildrechte: TNN

Sechs Personen auf Überwachungsvideos

Am Tatort waren während des Schmuckdiebstahls laut Angaben des Ermittlers insgesamt sechs Personen. Im Innenraum des Grünen Gewölbes seien auf den Videos nur zwei Täter zu sehen. Einer von ihnen habe 26 Mal auf die Vitrine mit dem Schmuck eingeschlagen, der andere mindestens vier Mal.

Sicherheitschef sieht keine persönlichen Versäumnisse

Am Dienstag sagte auch der Museums-Sicherheitschef, Michael John, aus. Er sah keine persönlichen Versäumnisse. Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass es an dem Einbruchsfenster eine Sicherheitslücke gab, sagte er vor dem Landgericht. Andernfalls hätte er das verändert. Es sei jedoch bekannt gewesen, dass die Laserscanner das Residenzschloss wegen seiner historischen Bausubstanz nicht komplett kontrollieren konnten.

Keine Außenstreife am Schloss

Während der Hauptverhandlung war bereits deutlich geworden, dass es mehrere Lücken im Sicherheitssystem gab. So hatte das Fenster, durch das die Täter in das Grüne Gewölbe gelangten, einen toten Winkel. Es gab John zufolge am Schloss keine Außenstreife, aber am gegenüberliegenden Zwinger. Zudem sei der Laserscanner an der Außenwand in der Tatnacht nicht aktiviert gewesen. Seiner Kenntnis nach wurde ein Alarm nicht zurückgesetzt. Genau könne er es nicht sagen. Die Unterlagen seien nach dem Einbruch beschlagnahmt worden.

John zufolge gibt es "nicht eine Person, die in den SKD für Sicherheit verantwortlich ist". Es gebe auch nicht das eine Sicherheitskonzept. Im SKD-Verbund mit 15 Museen sei seine Abteilung für das Thema insgesamt zuständig, sagte John. Ein privater Sicherheitsdienst ist seit in den Leitzentralen der SKD tätig, inzwischen auch in den Ausstellungsbereichen.

Juwelendiebstahl für Museumsdirektor "undenkbar"

Ein Diebstahl aus dem Historischen Grünen Gewölbe in Dresden war für den langjährigen Direktor Dirk Syndram "undenkbar". "Wir sind immer davon ausgegangen, dass keiner auf die Idee kommt, so etwas zu stehlen, weil man es nicht verwerten kann", sagte der pensionierte Museumschef am Dienstag. Trotz aller Spekulationen glaube er nicht, "dass es dafür einen Markt gibt."

Wir sind immer davon ausgegangen, dass keiner auf die Idee kommt, so etwas zu stehlen, weil man es nicht verwerten kann.

Dirk Syndram ehemaliger Museumschef

Juwelen eine Art Weltkulturerbe

Bei den Juwelengarnituren macht laut Syndram das Ensemble den Wert aus. Die Juwelen seien "so etwas wie ein Weltkulturerbe". Der Versicherungswert der Stücke basiere auf Schätzungen anhand von Vergleichen mit anderen Schmuckstücken. Die "Epaulette", eines der prominentesten Teile der nach wie vor verschollenen Beute, koste "mindestens so viel wie ein Rubens", sagte Syndram.

Lücken im Sicherheitssystem

Schon während der ersten sechs Verhandlungstage war im Prozess deutlich geworden, dass es Lücken im Sicherheitssystem des Residenzschlosses gab. Unter anderem konnten die Täter Tage vor dem Einbruch das Gebäude ausspähen und ein Fenstergitter durchtrennen.

Schnitten die Diebe das Fenster schon vorher auf?

Sachsens Kulturministerium erklärte im Oktober 2021 auf eine Kleinen Anfrage des Linken-Abgeordneten Rico Gebhardt: "Es besteht der Verdacht, dass die Tatverdächtigen entweder in der Nacht vom 18. auf den 19. November 2019 oder vom 20. auf den 21. November 2019 mit einem Schneidewerkzeug eine Öffnung in das historische Gitter des Fensters schnitten."

Durch dieses seien sie in der Tatnacht in das Residenzschloss gelangt. "Die Ermittlungen legen den Schluss nahe, dass die Tatverdächtigen das herausgeschnittene Gitterteil sodann vorübergehend wiedereinsetzten und es dort mit Klebematerial fixierten." Da der Bereich zwischen der Mauer, über welche die Tatverdächtigen stiegen, sowie das Einstiegsfenster im Lichtschatten und daher vollständig im Dunklen gelegen habe, seien einzelne Handlungen am Einstiegsfenster per Video nicht erkennbar.

Die Ermittlungen legen den Schluss nahe, dass die Tatverdächtigen das herausgeschnittene Gitterteil sodann vorübergehend wiedereinsetzten und es dort mit Klebematerial fixierten.

Antwort Kulturministerium Sachens auf eine Kleinen Anfrage des Linken-Abgeordneten Rico Gebhardt

Warum war die Alarmanlage aus?

Nach Angaben des Kulturministeriums war das Residenzschloss im Tatzeitraum zwar mit Scannern versehen gewesen, die bei der Erfassung einer Bewegung im Bereich der Fassade grundsätzlich Alarm auslösten. "Das Einstiegsfenster wurde von diesen jedoch nur teilweise erfasst, da es zum Teil in einem toten Winkel lag. Die Öffnung, die die Tatverdächtigen in das Fenstergitter schnitten, befand sich dabei in diesem toten Winkel." In den betreffenden Nächten vor dem Juwelendienstahl sei der Scanner scharf geschaltet gewesen, "löste jedoch nicht aus."

Das Ministerium erklärte in der Kleinen Anfrage außerdem: "Zum Tatzeitpunkt war der betreffende Scanner nicht scharf geschaltet, da die eingesetzten Wachschutzmitarbeiter einen Alarm vom Vortag der Tat zwar angenommen hatten, es in der Folge aber unterließen, den Scanner wieder scharf zu schalten."

Anklage wegen schweren Bandendiebstahls

Nach dem spektakulären Juwelendiebstahl am 25. November 2019 aus dem Grünen Gewölbe im Dresdner Residenzschloss stehen seit dem 28. Januar 2022 sechs Männer im Alter von 23 bis 28 Jahren vor Gericht. Den Angeklagten wird unter anderem schwerer Bandendiebstahl vorgeworfen. Sie sollen innerhalb weniger Minuten 21 kostbare Schmuckstücke gestohlen haben. Von der auf 113 Millionen Euro taxierten Beute fehlt bislang jede Spur.

Bildergalerie Diese Kostbarkeiten verschwanden aus der Vitrine im Grünen Gewölbe

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben nun mitgeteilt, welche Schmuckstücke am Montagmorgen gestohlen worden. Für die Schäden haftet der Freistaat, eine eigene Versicherung gibt es nicht.

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur
Die Diamantrosengarnitur Überblick über alle Teile der Diamantrosengarnitur. Sie wurde zwischen den Jahren 1782 und 1789 im Auftrag des Kurfürsten Friedrich August III. von den Hofjuwelieren Christian August Globig und August Gotthelf Globig angefertigt. Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Degen (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Der Degen, eine Prunkwaffe aus der Diamantrosengarnitur, wurde gestohlen. Die Scheide haben die Diebe dagelassen. Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Karpinski
Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur Ein Paar gewölbte Schuhschnallen wurden aus der Diamantrosengarnitur gestohlen. Die Garnitur trägt ihren Namen wegen des speziellen Rosenschliffs an den Edelsteinen. Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Das Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens fehlt. Der Orden trägt 225 größere und kleinere Diamanten auf Silber, Gold und Email. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Die gestohlene Hutagraffe: Der Diamant in der Schleife oben hat 24,98 Karat. Der Mittelstein unten in der Rosette zeichnet sich durch 16,5 Karat aus. Die Hutkrempe besteht aus 13 großen und 103 kleineren Diamanten, aus Silber und Gold. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Große Diamantrose (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Auch die Große Diamantrose der Diamantrosengarnitur ist von den Einbrechern mitgenommen worden. Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Von dieser Epaulette ist nur noch ein Teilstück vorhanden. Das Schmuckstück trug 20 große und 216 kleine Diamanten. Die größte Diamantrose in der Mitte der Doppelschleife hat 31,5 Karat. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur Von den Rockknöpfen aus der Diamantrosengarnitur sind einige gestohlen worden. Bildrechte: Jörg Schöner
Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Dieser als Reiherstutz bezeichnete Hutschmuck entstand nach 1782. Die ungewöhnliche Hutzier gehörte zu dem 1807 erstmals verpfändeten Brillantschmuck König Friedrich Augusts I. und wurde später in der Brillantgarnitur inventarisiert. Auch der Reiherstutz kann nicht mehr im Grünen Gewölbe betrachtet werden. Bildrechte: Jürgen Karpinski
Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Die Epaulette der Brillantgarnitur mit einem großen Diamanten, dem sogenannten "Sächsischen Weißen", gelangte in die Hände der Diebe. Den "sächsischen Weißen" hatte August der Starke 1728 für 200.000 Taler erworben. Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Brillantgarnitur Der ebenfalls gestohlene Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens war vom Juwelier Jean Jacques Pallard zwischen 1746 und 1749 angefertigt worden. Es ist mit Brillanten und Rubinen besetzt. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen
Überblick über den Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen. Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinksi
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Diese große Brustschleife ließ Kurfürst Friedrich August III. im Jahr 1782 für seine Gemahlin Amalie Auguste anfertigen. Die Gold- und Silbereinfassungen tragen 51 große und 611 kleine Brillanten. Die 556 Gramm schwere Brustschleife wurde noch gelegentlich von Königin Carola von Sachsen in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bei höfischen Veranstaltungen getragen. Auch sie wurde gestohlen. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Diese Hutaigrette in Form einer Sonne wurde ebenfalls entwendet. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Teilstück eines Muffhakens (Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Dieses Teilstück eines Muffhakens wurde gestohlen. Es war zwischen 1746 und 1749 gefertigt worden. Bildrechte: Jürgen Karpinski
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Teilgeständnis zur Vorbereitung des Einbruchs

Einer der Tatverdächtigen hatte Ende März überraschend ein Teilgeständnis abgelegt. In einer von seinem Anwalt vor Gericht verlesenen Erklärung räumte er ein, dass er bei dem Einbruch mitmachen sollte und bei der Vorbereitung auch tatsächlich dabei gewesen sei, nicht aber bei dem Einbruch in die Schatzkammer.

MDR (kt)/epd/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport | 19. April 2022 | 16:30 Uhr

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