Juwelendiebstahl Experten über die sechs Beschuldigten und den Einbruch ins Grüne Gewölbe

Mit einem enormen Medieninteresse hat am Freitag der Prozess zum Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden begonnen. Vorab hat MDR SACHSEN mit Kennern der Clankriminalität und Bandenstrukturen über die sechs jungen Männer auf der Anklagebank gesprochen.

Zahlreiche Menschen stehen mit dunkler Kleidung in einem mit Scheiben abgetrennten Saal. Einer hat die Kupuze über den Kopf gezogen.
Blick in den Gerichtssaal kurz vor Beginn der Verhandlung. Die Angeklagten verbergen mit Kapuzen, Heftordnern oder einzelnen Stücken Papier ihre Gesichter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Polizisten in schwarzen Kutten sowie zahlreiche andere Menschen stehen vor einem eckigen, nüchternen Gebäude
Großer Andrang herrschte am Freitagmorgen vor dem Gerichtsgebäude im Hammerweg. Bildrechte: xcitepress

Am Freitagvormittag hat der Prozess um den Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden begonnen. Im Mittelpunkt des Medieninteresses und der Zuschauer stehen die sechs Angeklagten, die von 13 Anwälten vertreten werden. Experten aus Ermittlerkreisen und Polititk beurteilen die Beschuldigten ganz unterschiedlich, die beim Einbruch im Grünen Gewölbe mehr als 4.300 Diamanten und Brillanten im Gesamtversicherungswert von mindestens 113,8 Millionen Euro gestohlen haben sollen.

Innenpolitikexperten erwarten, dass sich die Angeklagten, die dem Remmo-Clan in Berlin angehören, von den Ermittlungen nicht beeindrucken lassen. Jugendstrafexperten sehen in den jungen Beschuldigten unreife Männer, die Handlanger innerhalb eines größeren Netzwerkes waren und ordnen sie nicht als Intensivtäter ein. Doch der Reihe nach.

Diebstahl der Juwelen in wenigen Minuten

Am frühen Morgen des 25. November 2019 waren Diebe durch ein offenbar schlecht gesichertes Fenster ins Grüne Gewölbe eingestiegen, das mutmaßlich im toten Winkel einer Überwachungskamera lag. Kurz vorher war ein Feuer in einem Stromverteiler gelegt worden, um die Straßenbeleuchtung auszuknipsen. Ein Fluchtauto stand vor dem Gebäude bereit. Drinnen schlugen die Diebe mit einer Axt eine Vitrine ein und griffen sich die reiche Beute. Ein Überwachungsvideo zeigt: Die Vitrine brach nach wenigen Axthieben. Das Sicherheitsglas entsprach offensichtlich nicht den Hochsicherheits-Standards, die notwendig wären, um einen wertvollen Kunstschatz diebstahlsicher zu behüten. Mit einem Pulverfeuerlöscher verwischten sie ihre Spuren. Sie stiegen in den Fluchtwagen, wechselten ihn wenige Kilometer weiter und zündeten das erste Auto, das sie für die Tat nutzten, in einer Tiefgarage in einem Wohngebiet an. Der ganze Coup dauerte nur wenige Minuten.

Eine dunkle Gestalt hat eine Taschenlampe in der Hand, funzelt damit in einem Museumsraum herum und hackt dann mit einer Axt auf die Glasvitrine ein.
Die Überwachungskamera zeigt: Mit einer Axt schlägt der Täter die Vitrine ein. Wenige Hiebe reichen den Tätern, um sich Zugang zum Schmuck zu verschaffen. Bildrechte: Polizei Dresden/Screenshot

Eine mehrere Dutzend Ermittler starke Sonderkommission der Polizei stürzte sich in die Arbeit. Kriminalisten werteten Videos aus, gingen Spuren nach und werteten an die Tausend Hinweise aus. Belohnungen von privater und öffentlicher Seite für die Rückgabe der Juwelen wurden ausgesetzt. Nach wie vor sind in Summe 1,5 Millionen Euro Finderlohn für die entscheidenen Tipps zum Wiederauffinden der Juwelen aus dem sächsischen Staatsschatz ausgelobt - 500.000 Euro von der Polizei und in Summe eine Million Euro von Privatleuten. Die private Auslobung ist jedoch bis zum 31. März 2022 befristet.

Und es tauchten sogar zwei dubiose Verkaufsangebote auf - direkt adressiert an eine israelische Sicherheitsfirma und den MDR. Doch die Juwelen blieben bis heute verschwunden.

Die vom Kunstdiebstahl betroffene Vitrine des Historischen Grünen Gewölbes in Dresden. Die gestohlenen Schmuckstücke sind ausgegraut
Aus dieser Vitrine wurde der Schmuck entwendet. Bildrechte: SKD und MDR SACHSEN

Ermittler machen sechs Haupttatverdächtige aus

Aber die Spur der Täter führte die Ermittler nach Berlin. Es verdichteten sich die Hinweise, dass Mitglieder des arabischstämmigen Remmo-Clans den Einbruch durchgeführt hätten. Es gab Parallelen zum Diebstahl der zwei Zentner schweren Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Berliner Bode-Museum im Jahr 2017.

Im November 2020 - ein Jahr nach dem Einbruch - klickten bei drei Tatverdächtigen die Handschellen. Es wurde weiter gefahndet und sogar die internationale Strafverfolgungsbehörde Interpol eingeschaltet. Schließlich, seit August 2021, sitzen sechs Haupttatverdächtige in Untersuchungshaft beziehungsweise in Haft. Des Weiteren laufen noch Ermittlungen gegen 40 Personen, die bei dem Diebstahl möglicherweise geholfen haben.

Innenexperte: Fehlender Respekt vor der Justiz

Dass sich die Angeklagten von den Ermittlungen beeindrucken lassen, glaubt der SPD-Innenexperte im Berliner Abgeordnetenhaus, Tom Schreiber, nicht. Er beobachtet die Clan-Kriminalität in der Hauptstadt schon seit Jahren und kommt auch mit Blick auf die Remmos zu dem Schluss:

Die Personen dieses Clans, die kriminell sind, lachen letzten Endes über Polizei und Justiz und nehmen sie nicht ernst.

Tom Schreiber SPD-Innenexperte im Berliner Senat

Taten wie der Einbruch im Grünen Gewölbe in Dresden wären für sie wohl eher ein Imagegewinn: "Für diese Familien ist es wichtig, mit ihrem Namen zu arbeiten und sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Sie wollen das Signal senden: 'An uns kommt keiner vorbei' oder auch Richtung Rechtsstaat: 'Ihr kriegt uns nicht'." Gleichzeitig spiele auch ein gewisser Wettbewerb innerhalb der organisierten Kriminalität eine Rolle, um für weitere solcher Aufträge "gebucht" zu werden, erklärt der Innenexperte.

Ein Mann mit Vollbart im mittleren Alter schaut lächeln in die Kamera.
Der Berliner Innenexperte Tom Schreiber beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Clan-Kriminalität in der Hauptstadt. Bildrechte: Sabrina Wagner für SPD Berlin

Staatsanwalt: Keine Intensivtäter

Obwohl die kriminellen Mitglieder des Remmo-Clans häufig bereits in jungen Jahren strafrechtlich in Erscheinung treten, würde sie der Berliner Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn nicht als Intensivtäter bezeichnen. "Intensivtäter sind eine andere Klientel. Die fallen eher 15 bis 20 Mal im Jahr mit kleineren Einbrüchen oder beispielsweise Handyraub auf. Das ist hier aber nicht der Fall. Die haben stattdessen ganz schnell das ganz große Ding gedreht", sagt Schulz-Spirohn mit Blick auf den Berliner Goldmünzenprozess um die gestohlene "Maple Leaf" aus dem Bode-Museum. Dort hat er unter anderem Wissam und Ahmed Remmo angeklagt. Diese beiden Remmos müssen nun auch in Dresden wieder auf der Anklagebank Platz nehmen.

Geldprobleme als Motiv

Als Motivation für die Taten vermutet der Berliner Staatsanwalt Schulz-Spirohn Geldprobleme: "Vielleicht hat es eine Rolle gespielt, dass Immobilien sowie Mietzahlungen des Remmo-Clans in großem Umfang in Berlin beschlagnahmt worden sind", denkt er und glaubt, dass es einen ökonomischen Druck gegeben habe, um den Lebensstandard aufrechtzuerhalten sowie die Stafverteidiger für diverse Verfahren bezahlen zu können. Seine Einschätzung über einzelne Mitglieder der Remmos und eine mögliche Beteiligung an dem Einbruch in Dresden:

Was Straftaten angeht, sind die Mitglieder des Remmo-Clans bereit, entschlossen zu handeln. Und wenn dann irgendwo der Schatz der Sachsen mehr oder weniger gesichert in einem Museumskeller rumliegt und man davon hört oder jemanden kennt, der dort arbeitet, dann fährt man hin und holt das Zeug dort ab.

Thomas Schulz-Spirohn Berliner Staatsanwalt

Verborgenes Netzwerk im Hintergrund

Trotz Gerichtsprozessen wie kürzlich in Berlin oder ab Freitag in Dresden geht SPD-Innenexperte Schreiber davon aus, dass immer nur ein kleiner Teil der Wahrheit ans Licht gelangt: "Ähnlich wie bei einem Baum und seinen Wurzeln sieht man nur die Oberfäche, also die Leute, die jetzt angeklagt werden. Aber dahinter steckt natürlich ein Netzwerk, eine Struktur", sagt Schreiber und fügt an: "Das geht mitten in die Gesellschaft hinein und hört bei Prominenten nicht auf, sondern fängt da erst an." Man benötige ja Ansprechpartner, wenn man Gold einschmelzen oder Diamanten bearbeiten möchte. "Das macht man nicht zu Hause auf einer Werkbank oder in der Küche", sagt der Experte.

JSA-Chef: Junge Männer in Clans als Werkzeug missbraucht

Für den Chef der Jugendstrafanstalt Berlin, Bill Borchert, der regelmäßig Jugendliche aus dem Bereich der Clan-Kriminalität in seiner Anstalt einsitzen hat, gibt es bei dieser mutmaßlichen Arbeitsteilung innerhalb eines Netzwerkes noch einen weiteren Aspekt: "Wir haben es mit jungen Männern zu tun, die oft noch unreif sind und deshalb sozusagen als Werkzeug missbraucht werden. Das ist einfach so, dass die für bestimmte Straftaten herangezogen werden, um Dinge zu machen, die man selbst nicht tun will."

Ein Mann - Bill Borchert - gibt ein Interview
Bill Borchert leitet die Jugendstrafanstalt in Berlin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sondersendung bei MDR SACHSEN & Kripo live

Für die Verhandlungen vor der Jugendkammer, weil zwei der Angeklagten zur Tatzeit das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, werden Monate dauern. Bis Ende Oktober sind zunächst 49 Verhandlungstage terminiert worden. Der MDR berichtet an allen Tagen aktuell und umfassend aus dem Gerichtssaal. Hören Sie zum Prozessauftakt bei MDR SACHSEN - Das Sachsenradio am Freitagabend ab 18 Uhr eine Sondersendung dazu.

Am Sonntag nach dem Prozessauftakt sendet der MDR ein Kripo live extra zu Hintergründen des Juwelendiebstahls aus dem Grünen Gewölbe.

Quelle: MDR(ma/sth/Nadja Malak/Kripo live)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 28. Januar 2022 | 18:00 Uhr

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