Großprojekt "Drecksloch" und "Volksverräter": TU Dresden erforscht Schmähungen

Wer andere öffentlich herabwürdigt, dem ist Aufmerksamkeit sicher. Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden erforschen in einem neuen Großprojekt das Wesen der Schmähung - und bieten so auch Ideen für Gegenstrategien.

Von der harmlosen Motzerei bis zur juristisch strafbaren Beleidigung: Forscher an der Technischen Universität Dresden befassen sich in einem Großprojekt mit Schmähungen. Über 40 Wissenschaftler arbeiten an mehr als einem Dutzend Teilprojekten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellt dafür 7,4 Millionen Euro zur Verfügung. "Im Idealfall haben wir nachher eine Theorie, mit der wir die Wirkmechanismen von Schmähungen besser verstehen", sagte Sprecher Prof. Gerd Schwerhoff. Das Thema habe seit dem Aufstieg populistischer Bewegungen weltweit eine besondere Brisanz, da sie Schmähungen als politisches Mittel einsetzten.

Von Pegida bis Trump

In öffentlichen Auseinandersetzungen finden sich in der letzen Zeit zahlreiche Beispiele dafür. Da ist Pegida, deren Vertreter auf dem Platz vor dem Dresdner Kulturpalast "Volksverräter" rufen. Da ist Sigmar Gabriel, der die Verantwortlichen für die Ausschreitungen in einer Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau als "Pack" bezeichnet. Da ist Donald Trump, der Einwanderer aus Haiti, El Salvador und Afrika als Menschen aus "Drecksloch-Staaten" bezeichnet haben soll. Da ist Jan Böhmermann, der mit einem Schmähgedicht eine Staatsaffäre auslöst.

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht eine Staatsaffäre ausgelöst. Bildrechte: IMAGO

Neue Dynamik durch soziale Netzwerke

Die Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Schmähungen benutzen. Sind Schmähungen derzeit also so aktuell ist wie nie? Schon in den 1970er- Jahren habe es hitzige politische Debatten mit Herabwürdigungen gegeben, relativiert Schwerhoff und verweist auf den CSU-Politiker Franz Josef Strauß. Doch derzeit habe das Thema eine neue Qualität. Da sei zum einen der Aufstieg der populistischen Bewegungen weltweit. Diese seien gerade wegen ihres von Herabsetzungen getränkten Politikstils erfolgreich. Zum anderen gebe es durch die sozialen Netzwerke neue Dynamiken, die es ermöglichen, Schmähungen schnell und vermeintlich anonym zu verbreiten.

Keine höheren Zahlen belegt

Statistisch lässt sich eine Zunahme von Schmähungen zumindest für Sachsen jedoch nicht belegen. Die Zahl der angezeigten Beleidigungen bewegt sich seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau. 2017 gab es laut dem Landeskriminalamt 9.256 erfasste Fälle von Beleidigungen - darunter fallen auch Fälle von Verleumdung und übler Nachrede. Zum Vergleich: 2016 waren es 10.117 Fälle, 2012 waren es 9.623. Die Zahl der über das Internet getätigten Beleidigungen ist von 652 im Jahr 2016 dagegen auf 709 im Jahr 2017 leicht gestiegen. Doch das sind nur die juristisch erfassten Fälle: Manches ist im juristischen Sinne keine Beleidigung, und ein Adressat fühlt sich trotzdem herabgesetzt. Oder eine Beleidigung wird nicht angezeigt.

Forschung im Elfenbeinturm?

In den Teilprojekten erforschen die Dresdner auch etwas exotisch anmutende Themen: Es geht um verbale Herabsetzungen in der römischen Gesellschaft und um Schmährededuelle im italienischen und deutschen Humanismus, aber auch um Herabsetzungen im Netz.

Doch was bringt das alles am Ende? Einige der Themen klingen sehr nach Forschung im Elfenbeintrum. Schwerhoff kontert das und sagt: "Vom Elfenbeinturm aus sieht man besser!" Ziel sei es, die Mechanismen der Herabwürdigung zu verstehen und am Ende im Idealfall eine Theorie zu entwickeln. Forschung ist laut Schwerhoff sowohl über- als auch unterfordert damit, Handlungsanweisungen für die Praxis zu entwickeln. Das müssten die Praktiker tun. Doch um Gegenstrategien für unerwünschte Auswüchse von Herabwürdigungen zu entwickeln, müsse man erst einmal verstehen, wie sie funktionieren.

"Hoch emotionalisierte Phase der Auseinandersetzung"

Professor Lars Koch von der TU Dresden erhofft sich von der Forschung tiefgreifendere Aufschlüsse darüber, wie Kommunikation heute funktioniert: Die Forschung stehe zwar noch am Anfang, sagte Koch im Gespräch mit MDR SACHSEN. Man könne aber jetzt schon sagen, dass es seit Mitte der 1990er- Jahre eine neue Konjunktur des Schmähens gibt: die Herabsetzung. Befeuert würde dies vor allem durch die digitalen Medien. "Mein Eindruck ist, dass wir derzeit in einer hoch emotionalisierten Phase der Auseinandersetzung sind. Das Gespräch zwischen zwei Personen bewegt sich tendenziell in Richtung der Feindsetzung."

Wir konstatieren eine Brutalisierung, wo im politischen Feld, der oder die andere nicht mehr als Gegner betrachtet wird, mit der man um ein besseres Argument streitet, sondern als Feind, den man ausgrenzen muss, mit dem man eigentlich das Gespräch abbricht.

Lars Koch Forscher TU Dresden

Es gäbe dabei heute aber immer Publikum und Beobachter, die für die Beleidigung oder das Schmähen wichtiger seien als der direkte Adressat der Herabsetzung. Entschieden, ob eine Schmähung Erfolg hat werde dadurch, welche Anschlusskommunikation passiere, also was in den Facebook-Kommentarleisten steht, was in den Zeitungen zu meiner Schmähung steht und wie meine eigene Klientel auf meinen Auftritt reagiert.

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.04.2018 | ab 08:30 Uhr Nachrichten aus dem Regionalstudio Dresden
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.04.2018 | Dienstags direkt | 20:00 bis 23:00 Uhr

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