Naturgefahr Fluss Abgesiedelt: Wie ein Neubaugebiet bei Riesa an der Elbe verschwand

Es ist Sachsens Ortsteil mit der kürzesten Geschichte: Röderau-Süd wurde 1992 als Neubaugebiet an der Elbe gegenüber von Riesa errichtet und elf Jahre später abgerissen. Nichts ist von dem Ort heute zu sehen. Nur ein kleiner Kreisverkehr ohne Ausgänge liegt in einer großen Wiese.

Beim Hochwasser 2002 versank Röderau-Süd komplett in den Fluten.
Als während des Hochwassers 2002 ein Damm brach, versank Röderau-Süd in den Fluten der Elbe. Bildrechte: Ahner

Michael Ahner steht am Kreisel. Für ihn ist es auch nach 20 Jahren eine emotionale Situation, das Geschehen rückblickend zu bewerten. Denn Ahner hatte als Bauamtsleiter von Röderau das Gebiet maßgeblich mitgeplant. "Röderau-Süd war für Röderau eine große Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln", sagt der 65-Jährige. Nach der Wende wollten die Gemeinden wirtschaftlich die Nase vorn haben, Flächen wurden gebraucht und es musste zügig gehen, wie Ahner die Aufbruchstimmung Anfang der 1990er-Jahre beschreibt.  

Ein Mann steht am alten Kreisverkehr von Röderau-Süd.
Michael Ahner steht am Kreisverkehr von Röderau-Süd: "Es war überhaupt nicht unser Sinn, auf Risiko zu bauen. Niemand hat damit gerechnet, dass durch ein Jahrhundertereignis wie die Flut 2002 alles zerstört wird." Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Der Damm brach und alles versank

2002 standen in Röderau-Süd um die 80 Wohnhäuser, zwei Autohäuser, eine Bäckerei, eine Stahlbaufirma und die kommunale Kläranlage. Circa 400 Menschen lebten hier. Dann kam das Hochwasser. Am 16. August brach ein Elbedamm und alles versank bis unters Dach. "Zweieinhalb Meter stand das Wasser hoch, das war Totalschaden", erinnert sich Matthias Brade von der gleichnamigen Bäckerei.

Zweieinhalb Meter stand das Wasser hoch, das war Totalschaden.

Matthias Brade Bäckermeister

Als das Wasser ablief, kam für ihn der Wiederaufbau der Bäckerei an gleicher Stelle nicht infrage. Brade wollte nur "raus hier" und suchte sich alternative Grundstücke weg vom Fluss. Brade stellt klar: "Röderau-Süd war eine Bausünde." Zu der Erkenntnis kamen auch die Behörden. Die Siedlung liegt im Überflutungsbereich der Elbe und hätte dort gar nicht errichtet werden dürfen, heißt es.

Sachsen

Röderau-Süd: heute nur noch Wiese

Dort wo nach der Flut noch die kürzlich gebauten Eigenheime des Gewerbe- und Wohngebiets Röderau-Süd standen, befindet sich heute eine Wiese.

Das ehemalige Gewerbe- und Wohngebiet Röderau-Süd ist heute eine Wiese.
Dort wo nach der Flut noch die kürzlich gebauten Eigenheime des Gewerbe- und Wohngebiets Röderau-Süd standen, befindet sich heute eine Wiese. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Das ehemalige Gewerbe- und Wohngebiet Röderau-Süd ist heute eine Wiese.
Dort wo nach der Flut noch die kürzlich gebauten Eigenheime des Gewerbe- und Wohngebiets Röderau-Süd standen, befindet sich heute eine Wiese. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Häuser stehen im einstigen Wohn- und Gewerbegebiet Röderau kurz nach der Flut 2002.
Dort wo nach der Flut noch die kürzlich gebauten Eigenheime des Gewerbe- und Wohngebiets Röderau-Süd standen, befindet sich heute eine Wiese. Bildrechte: Ahnert
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Vor der Flutkatastrophe sah das noch anders aus: "Es war überhaupt nicht unser Sinn, zu sagen, wir bauen hier auf Risiko. Es wurde ja von allen Behörden geprüft und genehmigt und mit den Trägern öffentlicher Belange abgesprochen", so der frühere Bauamtsleiter von Röderau. Niemand habe damit gerechnet, dass das durch ein Jahrhundertereignis wie die Flut 2002 alles zerstört würde, betont Ahner.

Selten wird wegen Naturgefahren umgesiedelt

Während in den nächsten Monaten der Wiederaufbau in Röderau-Süd begann, diskutierte die Staatsregierung dessen Umsiedlung. In Deutschland habe man schon vielfach über Umsiedlungen wegen Naturgefahren nachgedacht, aber sie nie vollzogen, sagt Jörn Birkmann vom Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) der Uni Stuttgart. Auch nach den Überschwemmungen im Ahrtal in Rheinland-Pfalz ist es wieder ein Thema. Der Fall Röderau sei aber in seiner Größenordnung in Deutschland einzigartig, betont Birkmann.

Karin Bernhardt vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie kennt für Sachsen nur noch eine weitere, kleinere Umsiedlung in Weesenstein. Darüber hinaus seien nach dem Hochwasser 2002 vereinzelt Häuser nicht wieder an Ort und Stelle aufgebaut worden - so in Freital das "Blaue Haus" und in Dippoldiswalde die Feuerwehr- und Katastrophenleitstelle.

Radikale Entscheidung im Fall von Röderau-Süd

Verschiedene Faktoren führten zur schnellen Umsetzung der drastischen Maßnahme in Röderau, wie der Klimaforscher Thomas Kox von der Ludwig-Maximilians-Universität München in einer Studie aus dem Jahr 2016 feststellte: Der Schock der Menschen saß tief, der politische Wille war da sowie die finanziellen Möglichkeiten und es handelte sich hier um eine offensichtliche Fehlplanung. "Potenziert wurde dies durch den damaligen Bundestagswahlkampf, woraus eine erhöhte politische Anteilnahme resultierte. Dies wiederum führte zu einer hohen finanziellen Ausstattung der Umsiedlungsmaßnahme, bei vergleichsweise schneller Akquirierung von Fördermitteln", schreibt Kox in seiner Studie.

Sachsen

Überschwemmungsfläche für die Elbe

Zwischen 40 und 50 Millionen Euro hat die Absiedlung von Röderau-Süd gekostet. Alle Hauseigentümer sind zu hundert Prozent entschädigt worden.

Dort wo Anfang der 1990er der Ortsteil Röderau-Süd lag, ist jetzt landwirtschaftliche Nutzfläche.
Zwischen 40 und 50 Millionen Euro hat die Absiedlung von Röderau-Süd gekostet. Alle Hauseigentümer sind zu hundert Prozent entschädigt worden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Dort wo Anfang der 1990er der Ortsteil Röderau-Süd lag, ist jetzt landwirtschaftliche Nutzfläche.
Zwischen 40 und 50 Millionen Euro hat die Absiedlung von Röderau-Süd gekostet. Alle Hauseigentümer sind zu hundert Prozent entschädigt worden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Eigenheime in Röderau-Süd kurz nach dem Hochwasser 2002.
Zwischen 40 und 50 Millionen Euro hat die Absiedlung von Röderau-Süd gekostet. Alle Hauseigentümer sind zu hundert Prozent entschädigt worden. Bildrechte: Ahner
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Mehr als 40 Millionen Euro Entschädigung

"Es war wie sterben", erinnert sich eine Anwohnerin an den Tag, als sie von der Entscheidung erfuhr, dass Röderau-Süd abgerissen wird. Mit ihrem Namen möchte sie aufgrund des damaligen Medienrummels nicht genannt werden. Eines sei aber sicher: Wem es von den Ehemaligen aus Röderau-Süd heute nicht gut gehe, der habe was falsch gemacht. "Alle sind zu 100 Prozent entschädigt worden. Das wird man so nie wieder machen", ist die Frau überzeugt. Mehr als 40 Millionen Euro hat die Absiedlung nach Schätzungen gekostet.

Es war wie sterben.

frühere Bewohnerin von Röderau-Süd

Für die ähnlich betroffenen Anwohner einen Katzensprung weiter in den Auensiedlungen Promnitz oder Moritz stand nach der Hochwasserkatastrophe 2002 eine Umsiedlung nicht zur Debatte. Abriss und Neuaufbau an anderer Stelle vom Staat finanziert? "Das hätten wir uns vorstellen können", bejaht Brigitte Dächert aus Moritz. Ihr Mann Rainer Dächert relativiert die Aussage seiner Frau sofort. "Ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich hätte zu der Zeit das Haus kaum aufgegeben", sagt der 74-Jährige.

Ein Mann steht bei Moritz an der Elbe.
Rainer Dächert steht in Moritz an der Elbe. 2002 und 2013 stand sein Haus unter Wasser. Dächert engagiert sich in Bürgerinitiativen für einen besseren Hochwasserschutz. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Kreislauf von Überschwemmung und Wiederaufbau

Die Dächerts haben wie viele andere Elbanrainer ihr geflutetes Haus wieder trockengelegt und saniert. Dann kam 2013 das nächste Hochwasser. "Wir hatten 2002 gedacht, das war ein Ausnahmefall und wenige Jahre später hatten wir es wieder", erinnert sich Rainer Dächert. Alles ging von vorn los: das Einholen der Gutachten, die Telefonate mit der Versicherung, die Haussanierung.

Dächert ist mit anderen Anwohnern entlang der Elbe zwischen Nünchritz und Zeithain seit Jahren in Bürgerinitiativen aktiv. Sie wollen die sie bedrohende Hochwassergefahr mindern. Es geht ihnen unter anderem um eine scheinbar simple Sache: Die Uferzone soll regelmäßig gepflegt werden, um den Durchfluss der Elbe bei Riesa zu gewährleisten.

Auflandung zwischen Riesa und Promnitz

Dort wo die Elbe 1960 breit zwischen Riesa und Promnitz floss, ist heute durch Auflandung und Bewuchs ein Nadelöhr entstanden. Um den Durchfluss zu verbessern, fordern Bürgerinitiativen die Pflege der Uferzone.

Blick von der Elbbrücke flussaufwärts auf Riesa und Promnitz im Jahr 1960.
Dort wo die Elbe 1960 breit zwischen Riesa und Promnitz floss, ist heute durch Auflandung und Bewuchs ein Nadelöhr entstanden. Um den Durchfluss zu verbessern, fordern Bürgerinitiativen die Pflege der Uferzone. Bildrechte: Moritz von Lange
Blick von der Elbbrücke flussaufwärts auf Riesa und Promnitz im Jahr 1960.
Dort wo die Elbe 1960 breit zwischen Riesa und Promnitz floss, ist heute durch Auflandung und Bewuchs ein Nadelöhr entstanden. Um den Durchfluss zu verbessern, fordern Bürgerinitiativen die Pflege der Uferzone. Bildrechte: Moritz von Lange
Blick von der Elbbrücke flussaufwärts auf Promnitz und Riesa im Jahr 2015.
Bildrechte: Reinhard Neumann
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Der Freistaat sieht diese Aufgabe beim Bund, weil die Elbe eine Bundeswasserstraße ist. Der Bund wiederum sieht den Freistaat verantwortlich, da Hochwasserschutz Ländersache ist. Niemand fühle sich für die Uferzone zuständig, die immer mehr verwildert, beklagt Dächert.

Bund klagt gegen Pflege des Elbeufers

Nach langem Hickhack hat das Kreisumweltamt des Landkreis Meißen die Pflege der rechtselbischen Uferflächen bei Röderau mit einer wasserrechtlichen Entscheidung gegenüber dem Bundesverkehrsministerium angeordnet. "Die Anordnung ist darauf gerichtet, den weiteren Aufwuchs durch Stauden oder verholzende Gewächse, welche eine fortschreitende Verlandung der Flächen begünstigen würde, zu verhindern", begründet der Landkreis den Schritt. Daraufhin wurden im vergangenen Herbst tatsächlich die Wiesen und Hochstaudenfluren gemäht.

Der Streit um die Verantwortung für die Flusspflege ist nicht beendet. Im Gegenteil: Der Bund hat im Dezember vergangenen Jahres Klage vor dem Dresdner Verwaltungsgericht erhoben. Jetzt soll über den langen Weg der Gerichte entschieden werden, ob sich Länder oder Bund um die Uferzonen der großen Flüsse kümmern müssen. Damit wird Röderau erneut zu einem deutschlandweit beispielhaften Fall.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 13. August 2022 | 19:00 Uhr

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