Elbehochwasser Die vergessenen Dörfer an der Elbe

Das Hochwasser von 2002, das in den elbanliegenden Ortschaften große Schäden angerichtet hat, jährt sich in diesem Jahr zum 20. Mal. Seither ist nicht nur Wasser geflossen, sondern auch Geld: Rund drei Milliarden Euro hat der Freistaat Sachsen in Hochwasserschutzmaßnahmen und in die Beseitigung von Hochwasserschäden investiert. Lokale Bürgerinitiativen sind trotzdem unzufrieden, es geht ihnen deutlich zu langsam. Und einiges - wie zum Beispiel der Verlauf der Staatsstraße 88 - birgt ihrer Ansicht nach große Gefahren. Ein Besuch in den Gemeinden Zeithain und Nünchritz.

Drei Mitglieder der Zeithainer Bürgerinitiativen, hinter ihnen die Elbe
Von links: Rainer Moritz, Udo Schmidt und Reinhard Neumann. Als Vertreter der Bürgerinitiativen "Zukunft mit der Elbe" und "Hochwasser Nünchritz 2013" engagieren sie sich für den Hochwasserschutz an der Elbe. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Es ist ein windiger Tag in Nünchritz, aber die Elbe sieht friedlich aus. An einem Tag wie heute fällt es schwer sich vorzustellen, dass dieser Fluss im Extremfall alles überfluten und riesige Zerstörung anrichten kann. "Hochwasser-Demenz" – so nennt Rainer Moritz, Vorstand der Bürgerinitiative "Zukunft mit der Elbe", das Phänomen, wenn der Fluss eine längere Zeit ruhig geblieben ist und die Menschen plötzlich vergessen, welche ungeheure Kraft an den Ufern der Dörfer lauert.

Bildergalerie Hochwasserschutz in Zeithain und Nünchritz

Ein Mann steht vor einer Steinmauer und betrachtet die Hochwassermarkierungen der letzen Jahre
Udo Schmidt zeigt auf die Hochwassertafeln in Nünchritz: 1890, 2002, 2006. Mit fortschreitendem Klimawandel drohen Hochwasser immer häufiger aufzutreten. Bildrechte: Laurie Stührenberg
Ein Mann steht vor einer Steinmauer und betrachtet die Hochwassermarkierungen der letzen Jahre
Udo Schmidt zeigt auf die Hochwassertafeln in Nünchritz: 1890, 2002, 2006. Mit fortschreitendem Klimawandel drohen Hochwasser immer häufiger aufzutreten. Bildrechte: Laurie Stührenberg
Das Museum in Nünchritz von vorn: Über der Eingangstür steht "Dorfplatz 1, erbaut 1819"
Das Museum in Nünchritz. Vom Hochwasser 2002 ist das historische Gebäude verschont geblieben. Bildrechte: Laurie Stührenberg
Zwei Männer stehen an einer Landstraße, der eine blickt Richtung Kamera, von dem anderen ist der Hinterkopf zu sehen
Rainer Moritz und Dieter Wamser an der Staatsstraße 88: Die Straße wirkt wie ein Staudamm und hindert das Wasser im Hochwasserfall am Abfließen. Bildrechte: Laurie Stührenberg
Zwei Männer stehen auf einem Deich und blicken in die Ferne
Der neue Hochwasserdeich zwischen Nünchritz und Strehla: Im Juni 2013 wurde hier alles überflutet. Bildrechte: Laurie Stührenberg
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2002 ließ Starkregen die Elbe in Nünchritz und anderen elbanliegenden Dörfern der Gemeinde Zeithain anschwellen und über die Ufer treten. Straßen wurden überflutet, Brücken unterspült, die Bahnstrecke Leipzig-Dresden hing komplett in der Luft, weil der Boden von den Wassermassen weggerissen worden war. 21 Menschen kamen damals in Sachsen ums Leben, hier richtete das Hochwasser einen Schaden von sechs Milliarden Euro an. Das war der Startschuss für Rainer Moritz‘ Bürgerinitiative, dass endlich etwas geschehen muss beim Hochwasserschutz. Was hat sich seit 2002 getan?

Das ist nicht trivial, was hier passiert. Aber unser Nachteil ist: Wir sind zu wenig Menschen, die hier leben. Wir sind nicht Dresden, wir sind auch nicht Meißen.

Dieter Wamser Vertreter der Initiative "Zukunft mit der Elbe"

Mittlerweile gibt es in der Region drei Bürgerinitiativen: "Zukunft mit der Elbe", die Bürgerinitiative Röderau und die Bürgerinitiative Nünchritz. Gemeinsam engagiert man sich für den Hochwasserschutz und zählt 1.000 Unterstützer und Unterstützerinnen. "Das Wasser macht ja an den Gemeindegrenzen nicht halt", sagt Udo Schmidt, Sprecher der Nünchritzer Initiative und ehemaliger Bürgermeister des knapp 5.500-Einwohner-Dorfes.

Fotos in einem Aushängekasten erinnern an die Flutkatastrophe von 2002
Fotos in einem Schaukasten im Dörfchen Lorenzkirch erinnern an die Überflutungen von 2002. Aus Sicht der lokalen Bürgerinitiativen tritt die Politik seit den Ereignissen auf der Stelle. Bildrechte: Laurie Stührenberg

"Das ist nicht trivial, was hier passiert. Aber unser Nachteil ist: Wir sind zu wenig Menschen, die hier leben. Wir sind nicht Dresden, wir sind auch nicht Meißen", so Dieter Wamser, ebenfalls Vertreter der Initiative "Zukunft mit der Elbe".

Ich sage schon: Wir haben keinen Runden Tisch, wir haben eine lange Bank.

Reinhard Neumann Bürgerinitiative "Hochwasser Nünchritz 2013"

Anfang 2014 hat ein Runder Tisch stattgefunden, an dem laut Schmidt eine ganze Zahl Verantwortlicher und Entscheidungsträger saßen: Vertreter des sächsischen Umweltministeriums, des Landesamts für Straßen und Verkehr, der Landestalsperrenverwaltung, des Wasserschifffahrtsamts.  "Aber dort haben wir mittlerweile die dritte Generation Politiker, die alle ahnungslos wiederkommen", sagt Reinhard Neumann, Physiker und wissenschaftlicher Kopf der Nünchritzer BI. "Ich sage schon: Wir haben keinen Runden Tisch, wir haben eine lange Bank."

Zwei Männer sitzen über Dokumente gebeugt an einem Tisch
Dieter Wamser (links) und Rainer Moritz sind die führenden Köpfe der Initiative "Zukunft mit der Elbe". Über die Jahre haben sie eine Menge Material angesammelt und Entscheidungsträgern präsentiert, damit sich in ihren Dörfern endlich etwas beim Hochwasserschutz tut. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Die Lage ist kompliziert: Verschiedene Ämter sind zuständig und müssen auf einen Nenner kommen, bei der Elbberäumung, beim Umweltschutz, bei der Straßenverlegung. Tatsächlich hat die Landestalsperrenverwaltung (LTV), die sich um den baulichen Hochwasserschutz kümmert, eine lange Liste abzuarbeiten. Zwischen 2002 und Ende 2022 sollen 2,2 Milliarden Euro allein in Projekte der LTV investiert werden. Ein aktuelles Dokument zeigt: Bislang wurden 21 der 40 von der LTV geplanten Maßnahmen fertiggestellt, der Rest ist in Planung, nur ein Projekt befindet sich derzeit im Bau. Warum dauert es so lange?

Abstimmung zeitaufwändig, Planung brauche Zeit

"Für solche komplexen Hochwasserschutz-Projekte sind in der Regel große Genehmigungsverfahren (Planfeststellungsverfahren) erforderlich", heißt es von der LTV auf Nachfrage. Umfangreiche Abstimmungen zwischen Allgemeinwohl, Naturschutz, Eigentümern, Behörden und Fachexperten seien notwendig und dieser Prozess brauche Zeit, je nach Größe und Differenziertheit des Vorhabens zwei bis drei Jahre.

Eine Brücke mit Durchflusslöchern, die dem Hochwasserschutz dienen sollen
Eine Brücke an der Staatsstraße 88 mit Durchflusslöchern, die dem Hochwasserschutz dienen sollen. Aus Sicht der Bürgerinitiativen eine Fehlkonstruktion: Sie sei an der falschen Stelle gebaut worden. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Ein weiteres Anliegen und Sorgenkind der örtlichen Bürgerinitiativen: die Staatsstraße 88. Die schlängelt sich seit 2001 durch ehemaliges Altarm-Gebiet und verhindert, dass der Fluss sich Richtung Gohlis ausbreiten kann. Die Straße wirkt wie ein Staudamm. Die Initiativen fordern, dass die Straße verlegt wird, aber wohin? Geplant ist laut Landesamt für Straßen und Verkehr ein Umbau im Bereich der B169 und Jacobsthal, aber auch hier teilt die zuständige Stelle mit: Die Planung brauche Zeit, Realisierungstermine könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht belastbar benannt werden, man bittet um Verständnis.

Die Elblandschaft in Nünchritz
Die Elblandschaft in Nünchritz: Durch Auflandung wird das Ufer über die Zeit immer höher und die Fläche, auf der sich der Fluss im Extremfall ausbreiten kann, immer kleiner. Eine Gefahr für die Dörfer an der Elbe. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Normalerweise fließen nach Angaben der BIs rund 300 bis 400 Kubikmeter Wasser pro Sekunde an den Dörfern vorbei. Im Hochwasserfall wie im Jahr 2002 sind es laut Hochwassergefahrenkarte der LTV rund 4.000 Kubikmeter mehr. Solche sogenannten Jahrhunderthochwasser ließen sich nicht verhindern, heißt es von den BIs, aber man könne und müsse den Wassermassen in Extremsituationen genug Platz bieten, damit sie gut abfließen können, ohne größeren Schaden anzurichten. Vor allem, weil sie mit der sich verschärfenden Klimakrise immer häufiger auftreten werden.

Der Pegelstand entscheidet sich danach, wie viel Fläche zur Verfügung steht, durch die das Wasser zwischen den Deichen fließen kann.

Udo Schmidt Vorstand der Bürgerinitiative "Hochwasser Nünchritz 2013" und ehemaliger Bürgermeister von Nünchritz

Nun gibt es neben der Staatsstraße 88, die das Wasser blockiert, ein weiteres Problem: Die Elbufer werden durch natürliche Auflandung immer höher und die Fläche, auf die das Wasser übertreten kann, dadurch immer kleiner. Die Fläche, die dem Fluss zwischen den Deichen zur Verfügung steht, sei entscheidend, so Schmidt.

Auflandung Auflandung (auch Anlandung genannt) entsteht auf natürliche Weise, weil der Fluss Sand, Gestein und Sedimente mit sich führt. Diese können sich an bestimmten Stellen anlagern oder sogar Inseln bilden und das Flussbett abflachen. Bei Hochwasser können Sand und Gestein in Auen- und Uferbereiche dringen, sodass das Gelände auf diese Weise mit der Zeit stetig höher wird.

Die Lösung? Elbberäumung. Büsche, Bäume und Pflanzen, die an der falschen Stelle stehen, müssen weichen, damit sich das Ufer über die Zeit nicht auftürmt. In der Elbaue habe früher kein Strauch gestanden, sind sich die Bürgerinitiativen einig.

Naturerhaltung versus Hochwasserschutz

Doch auch hier ist es schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen: Die Gebiete links und rechts der Elbe sind Fauna-Flora-Habitate. Das heißt, die Bäume müssen an vielen Stellen stehen bleiben, weil sie als Lebensräume geschützt werden sollen. "Das ist ein Konflikt zwischen Naturerhaltung und Hochwasserschutz. Dabei gehört die Pflege der Uferzonen genauso zum Hochwasserschutz wie der technische Hochwasserschutz", sagt Udo Schmidt. Aus Sicht von Umweltschützern kommt die Beseitigung der Lebensräume in der Elbaue zum Hochwasserschutz nicht infrage.

Das Argument Hochwasserschutz kann nicht für Lebensraumtyp-Beseitigung gezogen werden, weil es gute Alternativen gibt.

Felix Ekardt Landesvorsitzender des BUND Sachsen

Dem Fluss müsse zwar mehr Raum gegeben werden, so der Landesvorsitzende des BUND Sachsen Felix Ekardt, aber dies müsse zum Beispiel durch die Rückverlegung von Deichen geschehen.

Ein älterer Mann steht draußen vor einem alten Holzkarren und gestikuliert, während er spricht
Gerhard Förster ist Chef der Agrargenossenschaft in Kreinitz. Für ihn und die Menschen, die er vertritt, kommen Deichrückverlegungen nicht infrage. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Solche Rückverlegungen würden in der Region vor allem landwirtschaftliche Flächen betreffen – und rufen die örtlichen Bauern auf den Plan. "Das ist unsere Existenzgrundlage", sagt Gerhard Förster, Chef der Agrargenossenschaft im Dorf Kreinitz.

Ein Hochwasserdeich, in der Ferne ist eine Kleinstadt erkennbar
Der neue Hochwasserdeich zwischen Nünchritz und Strehla: Im Juni 2013 wurde hier alles überflutet. Ob der neue Deich dem nächsten Hochwasser standhält? Bildrechte: Laurie Stührenberg

"Wir haben kein Problem damit, dass in bestimmten Situationen die Deiche geöffnet werden und dann die landwirtschaftlichen Flächen als Polderfläche dienen. Aber dann ist die Entschädigungsfrage noch nicht geklärt." Währenddessen arbeitet Sachsen an der Gewinnung von Retentionsflächen, wie das Sächsische Umweltministerium mitteilte. Ebenfalls sei ein sächsisches Auenprogramm entwickelt worden.

Wir hoffen, dass wir in der Zukunft Gehör finden und erste sichtbare Veränderungen stattfinden. Denn das ist heute nach 20 Jahren für den einzelnen Bürger nicht erkennbar.

Rainer Moritz Bürgerinitiative "Zukunft mit der Elbe"

Die verschiedenen Perspektiven und Interessen machen es schwierig, in den Dörfern an der Elbe eine Lösung zu finden. "Es geht sehr, sehr langsam voran", so Rainer Moritz. "Dass das zu Frust führt, können Sie sich vorstellen." "Vielleicht muss erst wieder ein Ereignis eintreten, dass man wieder wach wird", sagt Landwirt Förster. Auch er spricht von dem "Vergessenheitsfaktor“: "2002 ist lange her. Man redet noch drüber, aber für die jüngere Generation ist das ein fremdes Thema. So richtig in die Lage reinversetzen können sich die wenigsten."

Neben einer Scheunentür hängt eine Hochwassermarke mit der Aufschrift: 06.06.2013
Lorenzkirch ist das niedrigstgelegene Dorf an der Elbe. 2013 hat es hier das letzte verheerende Hochwasser gegeben, eine Plakette an der Pforte der Freiwilligen Feuerwehr im Dorf erinnert daran. Bildrechte: Laurie Stührenberg

Und während in diesen Tagen im August 2022 in ganz Sachsen an die Flutkatastrophe von 2002 erinnert wird, hofft man in Zeithain an der Elbe vor allem eins: die Zukunft nicht zu vergessen.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 13. August 2022 | 19:00 Uhr

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