Clan-Kriminalität SPD-Innenexperte zum Remmo-Clan: "Sie lachen über Polizei und Justiz"

Der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber gibt einen Einblick zu Hintergründen und Struktur des Remmo-Clans, der für den Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe verantwortlich gemacht wird. Dazu läuft nun der Prozess.

Der Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe Am 25. Januar 2019 wurde im Grünen Gewölbe eingebrochen. Juwelen im Wert von über 100 Milionen Euro wurden gestohlen. Als Drahtzieher stehen Mitglieder des Remmo-Clans im Fokus. Reporterin Nadja Malak hat SPD-Innenexperte Tom Schreiber vor dem Prozessauftakt am 28. Januar zu den Strukturen und Machenschaften des Clans befragt.

Welche Rolle spielt die Familie Remmo in Berlin?

Tom Schreiber: Die Familie spielt in Berlin sicherlich eine größere Rolle, den Namen kennt man in der Stadt, weil Personen aus der Familie polizeilich bekannt sind. Sie haben schwere und schwerste Straftaten in der Vergangenheit vollzogen, ihnen werden Raubtaten und Körperverletzungen zugeschrieben und vieles mehr. Davon leben sie auch - von dem Namen und dem Ruf. Es gibt auch viele andere, die in Berlin eine Rolle spielen, die stehen letztlich auch für den Oberbegriff der Clankriminalität. Wobei man das natürlich nicht verallgemeinern kann. Nicht alle in der Familie sind kriminell oder Schwerstkriminelle.

Was zeichnet die Rechtsbrüche der Familie aus?

Tom Schreiber: Es ist ein Stück weit auch deren Dreistigkeit, die Ablehnung des Rechtssystems. Es ist ein Kontaminieren des Rechtssystems, durch die Personen, die kriminell sind und in dieser Stadt eine Rolle spielen. Sie lachen letzten Endes über Polizei und über Justiz. Sie wird nicht ernst- und wahrgenommen. Sie kriegen es immer wieder hin, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Was sie an Verurteilungen bekommen, hat ja vielleicht noch irgendwo einen pädagogischen Hintergrund. Aber ich glaube, ein Teil von denen hat gar kein Interesse. Man sitzt die Strafe ab, im wahrsten Sinn des Wortes, wenn man verurteilt wird. Und daran sieht man, dass dieses Machtgehabe eine außerordentlich große Rolle in diesem ganzen Gefüge spielt. Macht und Geld heißt, Einfluss zu haben. Das wird gnadenlos ausgespielt. Der Name ist im Grunde wie eine Visitenkarte, die man auf den Tisch legt. Wenn es beispielsweise um Schutzgelderpressung geht, fällt der Name: Man sagt, ich gehöre zu dem und dem. Damit sich Probleme entweder lösen oder vielleicht auch verschärfen. Es ist auch ein Imagegewinn für eine Familie oder einen Protagonisten in dem Bereich, mit bzw. unter einem bestimmten Namen zu arbeiten. Sich so auch in der Öffentlichkeit darzustellen: An uns kommt keiner vorbei. Oder Richtung Rechtsstaat: Ihr kriegt uns nicht. Die Ablehnung des Rechtssystems zu zeigen – teilweise auch in Gerichtsverfahren, Terminen und Prozessen. Das sieht man daran, wie herablassend sich gegenüber der Staatsanwaltschaft verhalten wird oder gegenüber einem Richter oder einer Richterin. Dass da Frauen keine große Rolle spielen, das ist Machogehabe, Das sind alles Dinge, die letzten Endes auch im Bereich der Organisierten Kriminalität eine außerordentliche Rolle spielen – gerade im Bereich der Clankriminalität.

Wird es in dieser Szene positiv gesehen, wenn man mit Fällen wie dem Grünen Gewölbe in Verbindung steht?

Tom Schreiber: Ja, das spielt schon eine Rolle. Das ist so ein bisschen Posing im weitesten Sinne, jedenfalls bei denen, die kriminell unterwegs sind. Oder dass man womöglich auch im wahrsten Sinn des Wortes für solche Aufträge „gebucht“ wird. Das heißt, wenn sich eine kriminelle Vereinigung im weitesten Sinne oder Personen, die im Grunde genommen Schwerstkriminelle sind und sich auch untereinander kennen, bestimmte Straftaten professionell begehen, dann spielen die Auftraggeber eine Rolle. Stichwort Bankeinbrüche: Wenn hohes Vermögen in Bankschließfächern ist, dass man dann Leute aktiviert, die hier spezialisiert sind oder die auch die Technik dafür haben. Man muss sein Täternetzwerk bedienen und die ganze Komplizenschaft, die da auch eine Rolle spielt. Die wird dann natürlich involviert und auch aktiviert.

Die leere Vitrine nach dem Raub im Grünen Gewölbe in Dresden. 45 min
Die leere Vitrine nach dem Raub im Grünen Gewölbe in Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stichwort Einbrüche in das Grüne Gewölbe und gescheiterter Bankraub in Hamburg. Welche Strukturen vermuten Sie dahinter?

Tom Schreiber:  Bildlich kann man sich das vorstellen wie die Wurzel eines Baumes. Man sieht die Oberfläche. Man sieht womöglich die Straftat auch öffentlichkeitswirksam, wie den Einbruch in das Grüne Gewölbe und die öffentliche Diskussion darum. Aber dahinter steckt natürlich ein Netzwerk. Die Struktur reicht aber auch in die Gesellschaft hinein. Das hört bei Prominenten gar nicht auf oder fängt da erst an und geht noch viel tiefer. Zum Beispiel die Frage: Wie geht man mit Gold oder Diamanten um? Das macht man nicht zu Hause auf einer Werkbank oder in der Küche. Man hat seine Ansprechpartner. Und die Fragen danach: Verhält man sich ruhig, taucht man vielleicht doch ab? Mordauftraggeber vollziehen in Deutschland etwa einen Mord und verschwinden dann beispielsweise über die Türkei. Auch das ist ein Punkt: Die Straftat ist begangen und dann wird abgetaucht. Dann agieren ganze Strukturen, die wir öffentlich nicht sehen können und die nicht wahrnehmbar sein sollen. Wenn zum Beispiel die Polizei in Neukölln bei einem Goldschmied eine Razzia macht, der natürlich erstmal abstreiten wird, damit etwas zu tun zu haben. Es wird nur dann immer ein bisschen komisch, wenn Ermittler sagen: Naja, aber ihr spielt eine entscheidende Rolle. Oder wenn über Encrochat Nachrichten ausgetauscht werden, wo man weiß, das Netzwerk ist weitaus größer. Unter Umständen ist es auch ein Erfolgsmodell, zu sagen, wir stehen mit unserem Namen in der Öffentlichkeit, und wir begehen auch die Straftaten. Da gehört auch ein ausgeklügeltes Netzwerk dazu. Man braucht natürlich auch Anwälte, die einen dann aus der Geschichte rausholen. Doch ist es nicht immer so professionell, dass man ihnen nicht auf die Schliche kommt. Ob es immer zur Verurteilung reicht, ist eine andere Frage.

2018 wurden 77 Immobilien beschlagnahmt. Nahmen die Straftaten dann aus „finanziellen Gründen“ wieder zu?

Tom Schreiber:  Es ist im Grunde genommen wie so ein großes Schiff, das auf Kurs fährt. Dann gab es vielleicht einen Dämpfer, weil 77 Immobilien einkassiert wurden. Das bedeutet, man muss natürlich schauen, wie man wieder zu Vermögenswerten kommt, wie man Vorhandenes weiter ausbauen, wo man investieren oder was man vielleicht teurer verkaufen kann. Doch immer wenn es zu einer spektakulären Straftat gekommen ist, ist erstmal eine gewisse Zeit Ruhe. Die Messlatte soll dann später aber noch höher gelegt werden. Es wird geschaut, dass die nächste Tat noch spektakulärer wird - und vielleicht noch professioneller, um nicht erwischt zu werden.

Ist die Berliner Polizei hier gut genug aufgestellt?

Tom Schreiber:  Die Spezialdienststellen auf jeden Fall. Ich bin da auch schon mitgefahren. Ob beim LKA oder der Staatsanwaltschaft. Wir haben Spezialistinnen und Spezialisten, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine honorige Arbeit machen, die teilweise auch selbst sehr gefährdet sind. Sie verdienen Respekt. Es geht hier nicht nur um Gefährderansprachen, die man da durchführt. Es geht auch um Festnahmen und das Verhindern von weiteren Straftaten. Wir müssen aber schauen, dass wir nicht nur dem Thema der organisierten Kriminalität/Clankriminalität unsere Aufmerksamkeit schenken. Die organisierte Kriminalität ist mittlerweile überlappend. Wir reden auch von der hybriden organisierten Kriminalität, wo das Thema Anis Amri und Breitscheidplatz auch eine Rolle spielen kann. Der Drogenhandel ist eine Schnittstelle, wo sich auch Leute, die sich später vielleicht radikalisieren, an Drogen kommen, vielleicht auch selbst Drogenhändler werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kripo live | 30. Januar 2022 | 19:50 Uhr

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