Tierwohl Drei Bio-Bauern aus dem Kreis Meißen schlachten Rinder wieder selbst

Drei Bio-Bauern aus dem Landkreis Meißen wollen ihren Rindern den stressigen Transport zum Schlachtbetrieb ersparen. Sie töten ihre Rinder wieder selbst direkt am Hof in einem sogenannten Schlachtmobil. Die Tiere werden dann zum Zerlegen und zur Weiterverarbeitung zu einem zertifizierten Fleischer gefahren. Die Tiere werden vor und nach der Schlachtung von einem Veterinär begutachtet. Die Bauern benötigen ein Zertifikat, um selbst schlachten zu dürfen.

Schlachtung
Um Rindern den Stress auf der Fahrt zum Schlachtbetrieb zu ersparen, töten drei Bio-Bauern ihre Tiere wieder auf dem eigenen Hof. Bildrechte: MDR/L. Müller

Eine Kuh steht vor einem Anhänger, der ein wenig an einen geschlossenen Verkaufswagen eines Markthändlers erinnert. Sie frisst entspannt Heu und Möhren. Das werden allerdings für die zwölf Jahre alte Milchkuh vom Hof Mahlitzsch bei Nossen die letzten Möhren sein. Denn der Anhänger ist eine sogenannte teilmobile Schlachteinheit. Dort werden Rinder direkt am Hof oder wahlweise am Rande der Weide geschlachtet und tot zum Zerlegen in den Schlachtbetrieb gefahren.

Das erspart den Tieren Stress auf Lebenstransporten, sagt Bio-Bauer Clemens Risse aus Gröbern bei Meißen. Gemeinsam mit seinen Kollegen Nikola Burgeff vom Hof Mahlitzsch und dem Nebenserwerbslandwirt und Tierarzt Lutz Gläser aus Klipphausen hat sich der 30-Jährige das Schlachtmobil angeschafft und in diesem Herbst in Betrieb genommen.

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Nikola Burgeff (li.) und Clemens Risse haben gemeinsam mit ihrem Kollegen Lutz Gläser (nicht im Bild) das Schlachtmobil gekauft. Sie wünschen sich, dass sich noch weitere Bauern in der Region den Weg der schonenden Schlachtung am Hof einschlagen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Mobile Schlachtung am Hof Mahlitzsch vorgestellt

Nun wurde das Verfahren der teilmobilen Schlachtung erstmals in Sachsen öffentlich vorgestellt. Clemens Risse, der dafür einen Sachkundenachweis erwerben musste, ist an diesem kalten Novembermorgen für die Schlachtung zuständig. Ein wenig Lampenfieber ist dem Bauern anzumerken. Und auch Nikola Burgeff ist etwas angespannt. Er hat seinen Hof und eine Kuh zur Verfügung gestellt. "Wir wollen Landwirten mit Verantwortung für Tierwohl diese Art der Schlachtung zeigen", sagt Nikola Burgeff. Und das gehe nun mal am besten in der Praxis.

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Direkt am Schlachtmobil wird die Kuh gefüttert, daran wurde sie zwei Tage lang gewöhnt. Bildrechte: MDR/L. Müller

Tieren soll Transportstress zum Schlachthof erspart bleiben

Bisher haben auch Burgeff, Gläser und Risse ihre Rinder vor dem Schlachten eingefangen, mit Stricken fixiert und auf den Transportanhänger bugsiert. Die Tiere gerieten oft in Panik, manche Milchkuh musste vorher nie auf einen Transporter klettern. Die Fahrt zum Schlachtbetrieb bei Wilsdruff verursachte weiteren Stress, gekrönt vom Abladen am Schlachtbetrieb in völlig fremder Umgebung mit fremden Menschen.

Clemens Risse sagt, er habe oft kein gutes Gefühl dabei gehabt. "So ein Ende haben meine Tiere nicht verdient." Immerhin kennt er die meisten Mutterkühe um die zehn Jahre lang. Sie sind für ihn kein anoymes Vieh. Das Wohl seiner Tiere, die fast das ganze Jahre auf der Weide stehen, liegt ihm stets am Herzen.

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Bauer Clemens Risse musste einen Lehrgang absolvieren, damit er Rinder mit Bolzenschuss betäuben und anschließend töten darf. Bildrechte: MDR/L. Müller

Suche nach geeignetem Schlachtmobil seit 2017

Mit seinen Kollegen Burgeff und Gläser - alle drei sind vom Bio-Verband Demeter zertifiziert - hat er mehrere Jahre lang Lösungen gesucht, mit denen Tierwohl bis zum Ende garantiert werden kann. Eine sogenannter Weideschuss, bei denen die Rinder direkt in der Herde getötet werden, ist aufgrund der Lage vieler Flächen in bewohntem Gebiet kaum umsetzbar. Deshalb war die teilmobile Schlachtung mit einem in Baden-Württemberg entwickelten Schlachtmobil die optimale Alternative.

Gut 60.000 Euro haben die drei Landwirte gemeinsam investiert, der Freistaat Sachsen hat das Schlachtmobil mit derselben Summe gefördert. Vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie hieß es, dass das Schlachtmobil in Sachsen bisher einmalig sei.

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Das Schlachtmobil wurde in Baden-Württemberg entwickelt. Berücksichtigt wurden Tierwohl und Arbeitsschutz. Bildrechte: MDR/L. Müller

Schlachtung erfolgt hinter verschlossener Tür

Das Verfahren ist vergleichsweise überschaubar. Das Rind wird einige Tage an das Füttern in einem mobilen Fressgestell gewöhnt, das an Futterraufen erinnert. Am Schlachttag wird das Tier dann mit dem an Futterraufen üblichen Bügel fixiert und durch einen fachmännisch gesetzten Bolzenschuss betäubt. Das Tier sackt zusammen, bleibt aber im Fressgestell und wird mit diesem auf einer Art Schlitten mit Motorkraft ins Schlachtmobil gezogen, eine Rolltür verschließt den Anhänger vor neugierigen Blicken. Innerhalb von einer Minute wird das Tier nun durch einen Stich in die Blutgefäße nahe des Herzen getötet und blutet aus, wobei das Blut in einer installierten Wanne aufgefangen wird.

Das Verfahren sei auch für den Landwirt sehr sicher, immerhin wiegen Kühe locker 700 Kilogramm und ein Bulle kann auch schon mal eine Tonne auf die Waage bringen. Veterinäre begutachten die Tiere lebend vor der Schlachtung. Zudem bleibt die Fleischbeschau im Schlachtbetrieb obligatorisch.

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Die betäubte Kuh wird in den Schlachtwagen gezogen, dann schließt sich eine Tür. Erst danach setzt der Bauer den Stich, durch den das Tier ausblutet. Bildrechte: MDR/L. Müller

Zerlegung und Verarbeitung bei zertifiziertem Fleischer

Innerhalb von 90 Minuten muss das tote Tier in Sachsen beim Schlachtbetrieb sein, wo es fachmännisch zerlegt und gegebenenfalls weiterverarbeitet wird. Burgeff und Risse sind sich sicher, dass durch diese Form der Tötung auch das Fleisch eine höhere Qualität hat, weil das Rind eben keine Stresshormone ausschüttet.

Was aber fühlen die Bauern, wenn sie nun selbst ihre eigenen Tiere schlachten? Burgeff und Risse überlegen länger und sagen dann, dass es natürlich nicht einfach sei. Allerdings gehöre die Schlachtung nun einmal ganz natürlich zur Nutztierhaltung dazu. Für die Bio-Bauern überwiege das gute Gefühl zu wissen, dass ihre Tiere auch auf dem Weg zur Schlachtbank nicht unnötig leiden müssten.

Ein junger Mann steht in einer Herde braun-weißer Rinder
Landwirt Clemens Risse liegt das Wohl seiner Kühe am Herzen. Das Schlachten gehört auch für ihn zur Nutztierhaltung dazu. Er betreibt einen Bauernhof und keinen Streichelzoo. Bildrechte: MDR/L. Müller

Schlachtmobil soll bis zu 60 Mal im Jahr zum Einsatz kommen

Alle drei Betriebe, die das Schlachtmobil betreiben, haben zusammen einen durchschnittlichen Bestand von insgesamt 250 Tieren. Bis zu 60 davon werden pro Jahr geschlachtet, womit die mobile Schlachteinheit theoretisch jede Woche im Einsatz sein könnte, hieß es von den Landwirten. Lohnschlachten für andere Bauern in der Region sei nicht geplant. Das würden die Bio-Bauern rein zeitlich gar nicht schaffen. Und sie gehen davon aus, dass in der Massentierhaltung weiter lange Transporte zu Schlachthöfen auf absehbare Zeit bleiben.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus Dresden | 23. November 2022 | 15:30 Uhr

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