Hörer machen Programm Warum das Lohnniveau im Erzgebirgskreis so niedrig ist

Dietrich Karl Mäurer, Moderator und Redakteur
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Der Erzgebirgskreis in Sachsen hat bundesweit das niedrigste Lohnniveau. Der Landkreis ist bekannt für seine vielen Handwerks- und Tourismusbetriebe. Und doch gibt es laut Bundesagentur für Arbeit 3.000 freie Jobangebote in den Unternehmen. Unsere Hörerin Rebekka Markert möchte deshalb, wie dies zusammenhängt.

Lohn- und Gehaltsabrechnung, Verdienstbescheinigung - Euromünzen und -scheine liegen auf einer Lohnabrechnung.
Das der sächsische Erzgebirgskreis das niedrigste Lohnniveau in Deutschland hat, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Bildrechte: IMAGO

Auf der aktuellen Tabelle mit den Durchschnittsgehältern in den deutschen Landkreisen steht ganz oben Wolfsburg mit einem mittleren Einkommen von 5.067 Euro brutto. Mit gerade einmal 2.407 Euro – also weniger als der Hälfte – landete der Erzgebirgskreis auf der untersten Zeile, nach Görlitz und dem Saale-Orla-Kreis.

Branche und Betriebsgröße ausschlaggebend

Joachim Ragnitz
Joachim Ragnitz, Wirtschaftswissenschaftler vom ifo Institut Dresden. Bildrechte: ifo Institut

Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ifo Institut Dresden sagt, das Durchschnittseinkommen in einer Region hänge ab von einer Reihe struktureller Faktoren: "Das ist natürlich zunächst einmal abhängig von der dortigen Branchenstruktur. Gibt es dort also viele Wirtschaftszweige, die sehr produktiv sind, sehr hohe Löhne zahlen können, dann zieht das natürlich auch das Lohnniveau in einer Region nach oben. Dann spielt natürlich auch eine Rolle, wie die Qualifikationsstruktur der Beschäftigten ist."

Ein dritter Punkt sei auch die Größe der Betriebe. Man wisse, größere Unternehmen zahlen typischerweise höhere Löhne als kleinere.

Nähe zur tschechischen Grenze

Das sei zu spüren im klein- und mittelständisch geprägten Erzgebirge, mit seinen vielen Handwerks- und Tourismusbetrieben, in denen oft keine Tariflöhne gezahlt würden.

Außerdem, so erläutert Joachim Ragnitz, wirkten sich hier auch topografische Gegebenheiten auf das Lohnniveau aus: "Dass man quasi an der Grenze zu Tschechien mit noch niedrigeren Löhnen wohnt. Und im Erzgebirge gibt es ja diese langen Täler, d.h. man kann nicht unbedingt von einer westlichen Gemeinde in eine östlicher gelegene Gemeinde fahren. Dementsprechend gibt es auch eine geringere Wettbewerbsintensität zwischen den einzelnen Gemeinden."

Das alles trage mit dazu bei, dass das Lohnniveau vergleichsweise niedrig ist, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Über 3.000 freie Stellen, Tendenz steigend

Das macht das Erzgebirge für Arbeitskräfte weniger attraktiv, weiß man bei der Bundesagentur für Arbeit.

Frank Vollgold, der Sprecher der Regionaldirektion Sachsen, erzählt von einem Problem: "Je geringer der Lohn, desto geringer sind auch die Chancen, freie Arbeitsplätze zu besetzen. Aktuell haben wir im Erzgebirgskreis über 3.000 freie Jobangebote, die bei den Agenturen für Arbeit gemeldet sind. Und die Zahl der freien Jobs wird künftig weiter steigen, auch aus demografischen Gründen, weil immer mehr Menschen in Rente übergehen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass über 35.000 Menschen den Erzgebirgskreis verlassen, um anderswo zu arbeiten."

Während nur etwa 18.500 Menschen einpendeln. Vor diesem Hintergrund sagt man bei der Bundesagentur für Arbeit: "Hier sind die Unternehmen gut beraten, wenn sie attraktive Arbeitsbedingungen vorhalten."

Köchin in Restaurantlüche am Herd. 10 min
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Firmen müssten mehr Tariflöhne zahlen

Tatsächlich sind im Erzgebirge die Stundenlöhne in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, auch wenn der Unterschied zum Bundesdurchschnitt in etwa gleich geblieben ist. Die Löhne könnten weiter steigen, wenn mehr Firmen Tariflöhne zahlen würden und die Produktivität der Betriebe erhöht werden würde, erläutert Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden.

Mit Blick auf das niedrige Lohnniveau ist ihm jedoch wichtig, eins festzuhalten: "Das bedeutet aber eben nicht, dass die Arbeitskraft weniger wert ist und das bedeutet auch nicht, dass die Arbeitskraft weniger leistet."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Januar 2022 | 06:20 Uhr

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