Hörer machen Programm Wieso erkennt Sachsen manche Berufsabschlüsse nicht an?

Fachkräftemangel ist ein großes Problem, auch in Sachsens Kindertagesstätten. Insofern könnte der Freistaat dankbar sein, wenn Erzieherinnen und Erzieher aus anderen Bundesländern kommen und hier arbeiten wollen. Doch unsere Hörerin Claudia Leichsenring stellte fest, dass ihr Abschluss als Kindheitswissenschaftlerin zwar in Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt, nicht aber in Sachsen anerkannt ist.

Erzieherin mit Kitagruppe unterwegs in einem Wald.
Der Fachkräftemangel ist nicht nur in handwerklichen Berufen ein Thema, sondern auch in pädagogischen ein reales Problem. Bildrechte: dpa

Ginge es nach Olaf Gerstner, würde unsere Hörerin eher heute als morgen eine Festanstellung bekommen. Laut dem Referatsleiter Jugendhilfe im Erzgebirgskreis, in dem unsere Hörerin aktuell nur als Hilfskraft arbeiten kann, herrscht eine große Nachfrage an Pädagogen. "Es besteht definitiv Bedarf an Fachkräften, vor allem für die Zukunft, und das liegt natürlich an den altersbedingten Austritten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Einrichtungen. Dort reden wir von durchschnittlich 60 bis 70 Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen pro Jahr, die altersbedingt ausscheiden."

Betreuung für jedes Kind gesichert

Aber gleichzeitig betont Gerstner, dass aktuell der Rechtsanspruch im Landkreis gesichert sei. Kein Kind müsse ohne Betreuung bleiben. Dennoch sei man im Landkreis interessiert daran, dass junge Fachkräfte in den Einrichtungen in staatlicher und freier Trägerschaft gebunden werden.

Nichtsdestotrotz beharrt das sächsische Kultusministerium auf der aktuell gültigen Qualifikationsverordnung, die sehr genau regelt, wer in den Kitas arbeiten darf. Das Ministerium teilt MDR Aktuell schriftlich mit: "Um in einer sächsischen Kita tätig werden zu können, müssten die Absolventen der Kindheitswissenschaften eine Qualifizierung absolvieren, die zu einem berufsqualifizierenden Abschluss gemäß Sächsische Qualifikations- und Fortbildungsverordnung pädagogischer Fachkräfte führt."

Sachsen beharrt auf passgenauen Berufsabschluss

Das heißt nur wer einen Berufsabschluss als staatlich anerkannte Erzieherin, Kindheits- oder Sozialpädagogin oder Sozialarbeiterin hat, darf in sächsischen Kitas Kinder betreuen. Welche konkreten Ausbildungsinhalte dem Studium im Vergleich zum Berufsausbildung fehlen, erläuterte das Ministerium auch auf Nachfrage nicht. Statt einer 60-stündigen Weiterbildung, wie sie zum Beispiel in Sachsen-Anhalt ausreichen würde, müsste unsere Hörerin im Freistaat eine vierjährige nebenberufliche Ausbildung absolvieren – trotz mehrjährige Arbeitserfahrung in Niedersachsen nach ihrem Studium.

Warum prüft das Ministerium nicht die Abschlüsse anderer Bundesländer im Einzelnen und rechnet zumindest Teilleistungen an? Für Ursula-Marlen Kruse von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist diese Inflexibilität auch ein Zeichen von fehlender Verantwortungsübernahme: "Das Kultusministerium muss ja nicht direkt verantworten, dass es in diesem und diesem Ort keine pädagogische Fachkraft in einer Kita gibt. Da sind dann die Träger selber für zuständig, die fangen sich dann den Ärger ab. Das ist im Schulbereich anders und deswegen gibt es im Kita-Bereich meines Erachtens nicht so viel Bewegung, wie es notwendig wäre."

GEW: Mehr Flexibilität in pädagogischen Berufen

Der Föderalismus verhindere, dass Schul-, Berufs oder Studienabschlüsse anerkannt würden. Man fordere immer wieder Mobilität von Beschäftigen, aber für pädagogische Berufe gelte das nicht.

Auch unsere Hörerin Claudia Leichsenring spielte deshalb mit dem Gedanken, Sachsen wieder zu verlassen: "Ich bin aus privaten Gründen wieder in meine Heimat, dem Erzgebirge, zurückgegangen. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich hier keine Familie hätte und auch so eine innere Verwurzelung in dieser Region nicht der Fall wäre, würde ich wieder zurück nach Niedersachsen gehen. Weil mein alter Arbeitgeber mir nach meiner Elternzeit deutlich zu verstehen gegeben hat, dass sie mich sehr gern wiedereinstellen würden."

Dass der Freistaat in Zukunft flexibler bei der Anerkennung von Abschlüssen wird – ohne Qualitätseinbußen hinzunehmen – hofft zumindest Ursula-Marlen Kruse von der GEW. Denn der Fachkräftemangel wird sich durch die Überalterung der Gesellschaft noch weiter verschärfen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. März 2022 | 06:00 Uhr

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