Zurück nach Polen Von der Grundschule an die Grenze: Siebenjähriger in Delitzsch abgeschoben

In Delitzsch bei Leipzig ist am Dienstagnachmittag eine Familie abgeschoben worden. Die Mutter, ihr siebenjähriger Sohn und dessen Großmutter waren vor einem gewalttätigen Mann aus Tschetschenien geflohen und über Polen eingereist. Dorthin wurden sie nun von der Polizeidirektion Leipzig und der Bundespolizei überstellt. Für Diskussion sorgte dabei die Tatsache, dass die Polizeibeamten den Jungen am Mittag vor der Grundschule abholten und zur Grenze brachten.

Schulgebäude
Vor der Grundschule am Rosenweg in Delitzsch hielt der Streifenwagen, in den der 7-jährige Ahmad T. gebracht wurde. Von dort ging es direkt zur Grenze nach Polen, wohin er am Dienstag abgeschoben wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den siebenjährigen Ahmad aus Delitzsch war es eigentlich ein ganz normaler Dienstagmorgen, an dem er die 1. Klasse der Grundschule am Rosenweg besuchte. Nach dem Unterricht sollte er wie jeden Tag in den benachbarten Hort Loberaue gehen. Doch dort kam er nie an.

Mehrere Polizeibeamte erwarteten den Jungen vor dem Schulgebäude. Sein Klassenlehrer führte ihn zu einem Streifenwagen. Dort teilte man ihm mit, dass er heute abgeschoben wird. Hortleiter Marco Schönfelder: "Sie standen dort vor der Schule. Dann kam ein Lehrer, der hat das Kind zu der Polizei geführt und das Fahrrad wurde hinten in das Auto verladen. Augenscheinlich war da weder eine Mutter zu sehen, noch sonst irgendwer von der Familie. Es waren nur die Polizeibeamten vor Ort und das Kind wurde ihnen dann zugeführt."

Hortleiter spricht von "Kindeswohlgefährdung"

Schönfelder verurteilt das Vorgehen der Behörden und spricht von Kindeswohlgefährdung. "Das Kind war vollkommen verunsichert, genauso wie andere Beteiligten ringsherum. Auch andere Kinder waren zugegen. Das kann für die Entwicklung eines Kindes in keiner Weise förderlich sein."

Mann
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man muss sich mal die Situation vorstellen, dass man vor der Schule von der Polizei abgeholt wird und in ein Polizeiauto verladen wird. Das ist für einen Erwachsenen schon traumatisch. Was das für ein Kind bedeutet, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Marco Schönfelder Leiter Hort Loberaue

"Musterbeispiel für Integration"

Ahmad T. lebte seit 2019 mit seiner Mutter und seiner Großmutter in Delitzsch. Er hatte sich hier eingelebt, sprach gut Deutsch, sagt Schönfelder, der auch häufig Kontakt zur Mutter hatte.

Es wurde sich um die Mittagsversorgung gekümmert, genauso wie um die Anträge, die immer pünktlich reinkamen. Also ich würde das als ein Beispiel für eine gelungene Integration anführen.

Marco Schönfelder Leiter Hort Loberaue

Die Abschiebung war laut Schönfelder nicht angekündigt worden. Ihm und seinen Kolleginnen sei nichts über den ungeklärten Aufenthaltsstatus der Familie bekannt gewesen.

Geländer
Nach Angaben von Hortleitung und Beschäftigten der Schule war die Familie des 7-jährigen Ahmad gut integriert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fluchtgrund: Gewalt in der Ehe

Nach Angaben des Sächsischen Flüchtlingsrats war die Mutter des Siebenjährigen vor der Gewalt ihres Mannes aus der tschetschenischen Heimat geflohen. Nach Einschätzung von Dave Schmidtke vom Flüchtlingsrat drohe ihr nun erneut eine Gefährdung durch ihren ehemaligen Partner. Er kritisiert zudem die Art des Vorgehens durch die Behörden.

Das ist ein Tabubruch, weil zuvor im Koalitionsvertrag der sächsischen Landesregierung festgelegt wurde, dass genau solche Abschiebungen nicht mehr stattfinden sollen. Eigentlich ist es auch so, dass nicht nur der Junge, der selbst von der Abschiebung betroffen war, dadurch traumatisiert wird, sondern auch die Kinder, die in der Klasse waren bzw. auf dem Schulhof und das alles mitverfolgt haben.

Dave Schmidtke Sächsischer Flüchtlingsrat

Zweite Einreise

Eine Nachfrage bei der zuständigen Landesdirektion ergab, dass die Familie bereits im Januar nach Polen abgeschoben worden war, allerdings im Sommer erneut nach Sachsen einreiste. Der Asylantrag war zuvor von den deutschen Behörden abgelehnt worden, denn Gewalt gegen Frauen ist kein verpflichtender Asylgrund. Da die polnischen Behörden nun für das Asyslverfahren zuständig seien, wurde die erneute Abschiebung für den 30. November festgelegt. Eine Abholung unmittelbar nach dem Unterricht sei unausweichlich gewesen, da die Familie bereits um 14 Uhr den Grenzbeamten überstellt werden musste.

Innenminister: Abholung an Schule rechtens

Im Koalitionsvertrag der sächsischen Landesregierung heißt es: "Auf Abholung aus Bildungseinrichtungen oder vom Arbeitsplatz soll möglichst verzichtet werden".

Einen gänzlichen Ausschluss einer Abholung nach dem Schulunterricht sieht weder der Koalitionsvertrag noch eine sonstige Rechtsnorm vor.

Roland Wöller Innenminister Sachsen

Flüchtlingsrat fürchtet Abschiebung oder Obdachlosigkeit

Dave Schmidtke vom Flüchtlingsrat befürchtet, dass die Familie früher oder später auf der Straße landet: "Nach maximal 12 Monaten in einer zentralen Aufnahmeeinrichtung müssen sie sich alleine auf dem Wohnungsmarkt eine Wohnung suchen. Das ist für Geflüchtete besonders schwierig." Es sei außerdem davon auszugehen, dass ihr Asylantrag in Polen abgelehnt würde und sie wieder nach Tschetschenien abgeschoben werden. "Das ist nur eine Frage der Zeit."

Quelle: MDR(lt)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 01. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

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