Armut Inflation und Ukraine-Krieg: Großer Zulauf für Sachsens Tafeln

Wegen gestiegener Energie- und Lebensmittelpreise wenden sich immer mehr Menschen in Sachsen an die Tafeln. Schon jetzt versorgen die knapp jeden Zehnten im Freistaat. Und es werden wohl noch mehr werden.

Zwei ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel Oschatz entladen eine Kiste mit Lebensmittelspenden aus dem Transporter der Tafel.
Immer mehr Menschen sind wegen der gestiegenen Preise für Lebensmittel und Energie auf die Tafeln angewiesen. Bildrechte: MDR/Felix Schlagwein

Wenn Elke Menertz spricht, bricht ihr immer wieder die Stimme weg. Sie reibt sich die Tränen aus den Augen. Die Rentnerin steht in der Schlange der Lebensmittelausgabe der Tafel in Oschatz. Nur noch alle zwei Wochen kommt sie her. Selbst die stark vergünstigten Lebensmittel der Tafel kann sie sich kaum noch leisten. "Ich hole mir mittlerweile Obst von Bäumen und esse Brennnesselsuppe, um über die Runden zu kommen", sagt sie.

Elke Menertz heißt eigentlich anders. Dass sie herkommt, soll ihr Geheimnis bleiben. Wie viele hier, schämt sie sich, zur Tafel kommen zu müssen. "Nur einer Freundin habe ich es erzählt", sagt sie. Die gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel machen es für Elke Menertz noch schwieriger. "Wie ich das von meiner geringen Rente bezahlen soll, weiß ich nicht".

Eine Kiste mit Lebensmitteln der Tafel Oschatz. Darin befinden sich unter anderem Eier, Äpfel, Salat, Joghurts
Lebensmittelspenden sind für einen kleinen Betrag bei der Tafel zu haben. Aber selbst das können sich einige nicht mehr leisten. Bildrechte: MDR/Felix Schlagwein

Tafeln versorgen jeden Zehnten in Sachsen

Wie Elke Menertz geht es vielen Menschen in Sachsen. Laut Landesverband der sächischen Tafeln ist inzwischen fast jeder Zehnte regelmäßig auf deren Angebote angewiesen. Allein in Oschatz versorgt die Tafel nach eigenen Angaben rund 3.000 Menschen. Es seien mehr geworden, vor allem seit mit Beginn des Ukraine-Kriegs viele Geflüchtete mitversorgt werden. Und wegen der Inflation und der hohen Energiepreise kämen nun noch mehr Menschen, sagt Karltheodor Huttner. Er ist Landesvorsitzender der Tafeln in Sachsen und Vorsitzender der Tafel in Oschatz.

"Kunden, die früher bei uns waren, aber zwischenzeitlich durch die Erhöhung ihrer Rente oder andere Einkunftsmöglichkeiten über die Runden gekommen sind, die kommen jetzt wieder, weil es nicht mehr reicht", so Huttner. Und auch Menschen aus dem Mittelstand kämen nun immer öfter. "Gerade, wenn sie mehrere Kinder haben, reicht das Geld am Monatsende nicht mehr und dann versuchen auch sie, zur Tafel zu kommen."

Karltheodor Huttner, Landesvorsitzender der Tafeln in Sachsen und Vorsitzender der Tafel Oschatz, steht vor einem Regal mit Lebensmittelkisten in der Ausgabe der Tafel Oschatz.
Landesvorsitzender der 45 Tafeln in Sachsen: Karltheodor Huttner Bildrechte: MDR/Felix Schlagwein

Und es werden wohl noch mehr werden. Denn viele spüren die gestiegenen Gas- und Strompreise noch nicht im Portemonnaie. Erst wenn am Jahresende die Mieter in Sachsen ihre Nebenkostenabrechnung der Energieversorger bekämen, würden viele merken, dass sie sich vieles nicht mehr leisten können, vermutet Huttner. "Dann werden wir einen ganz großen Schwung neuer Kundinnen und Kunden bekommen."

Weniger Lebensmittelspenden von Discountern

Der große Andrang ist schon jetzt eine Herausforderung für die Tafeln. Denn gleichzeitig bekommen sie von den Discountern immer weniger Lebensmittelspenden. Die Supermärkte würden Ware, die sie früher den Tafeln gegeben hätten, immer öfter selbst zu reduzierten Preisen verkaufen, erklärt Huttner. Außerdem kalkulierten auch sie aufgrund der Inflation beim Einkauf zurückhaltender. Die Tafeln fragen deshalb vermehrt direkt bei den Produzenten nach Spenden. Die werden dann im Dresdener Zentrallager sortiert und von dort aus an die 45 Tafeln im Freistaat verteilt.

Der ehrenamtliche Helfer der Tafel Oschatz, Peter Schneider, steht mit zwei Lebensmittelkisten in der Hand in der offenen Tür des Transporters der Tafel.
Immer mehr Menschen in Sachsen sind auf die Tafeln angewiesen. Doch die bekommen immer weniger Lebensmittelspenden von den Discountern. Bildrechte: MDR/Felix Schlagwein

Auch die Tafeln selbst bekommen die höheren Preise zu spüren. Die Transporter, die Lebensmittel abholen und ausliefern, brauchen Benzin, die Kühlräume für Frischware Strom. Noch könne man die Kostensteigerungen mit der finanziellen Unterstützung der Landesregierung auffangen, sagt Landesvorsitzender Karltheodor Huttner. Rund eine Million Euro im Jahr bekommen die sächsischen Tafeln vom Freistaat. "Dank dieser Hilfen und der gestiegenen finanziellen Spenden, kommen wir noch über die Runden", so Huttner.

Wer nicht kommen kann, wird beliefert

In Oschatz ist die Spendenausbeute an diesem Tag größer als gedacht. Von drei Supermärkten in der Region kommen kistenweise Obst und Gemüse. Auf großen Tischen sortieren die ehrenamtlichen Helfer die Ware. Bis zur Ausgabe sind es noch ein paar Stunden. Genug Zeit um diejenigen zu beliefern, die nicht kommen können.

Drei Mitarbeiter sortieren Kisten mit Lebensmittelspenden im Ausgaberaum der Tafel Oschatz.
Sortieren und Kistenpacken für die, die nicht zur Ausgabe kommen können. Bildrechte: MDR/Felix Schlagwein

So wie Beatrix Burchard. Sie kann wegen eines Unfalls schlecht laufen. Für den Lieferservice der Tafel ist sie deshalb besonders dankbar. "Das ist nicht selbstverständlich", sagt Burchard. Den Ehrenamtlichen von der Oschatzer Tafel gibt sie noch ein kleines Geschenk mit. Als kleines Dankschön, das ihnen zeigen soll, wie wichtig ihre Arbeit ist – gerade in Zeiten wie diesen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Sachsenspiegel | 19. August 2022 | 19:10 Uhr

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