Stadtgeschichte Wirrwarr um Erbe eines jüdischen Fotografen aus Leipzig

Eine Enkelin will das fotografische Erbe ihres jüdischen Großvaters aus Leipzig wahren und kämpft seit vielen Jahren um Rückgabe seiner Fotografien. Doch die besitzen seit 1987 zwei Privatleute. Damit die Enkelin die historischen Dokumente öffentlich zeigen kann, bekommt sie nun Rückendeckung von gleich zwei Seiten. Und auch ein Rechtsanwalt wundert sich über das Gerangel.

Eine alte Fotografie aus dem 19. Jahrhundert. Darauf zu sehen eine Familie die um einen Tisch sitzt.
Eine der wenigen Aufnahmen aus dem Fotoarchiv der Familie Mittelmann, die dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig zur Verfügung steht. Das Bild zeigt die Familien Mittelmann und Samter beim Abschied von Selma Samter vor ihrer Emigration nach Argentinien 1938. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv

Nadia Vergne in Paris hat derzeit nur einen Wunsch. Sie möchte, dass das Fotoarchiv ihrer Familie in Leipzig für die nächste Generation öffentlich zugänglich gemacht wird. Und zwar kostenlos. Doch so einfach lässt sich Vergnes Wunsch nicht erfüllen. Denn das Archiv ihres Großvaters Abram Mittelmann ist nicht in ihrem Besitz.

1987 waren die rund 2.200 Glasplattennegative mit mehr als 3.300 Fotos aus den 1930er Jahren auf dem Dachboden eines Hauses in Leipzig gefunden worden. Seitdem sind die historischen Bilddokumente im Besitz der Finder Gudrun Vogel und Wieland Zumpe. Seit Jahren versuche die in Paris lebende Jüdin Vergne die Glasplatten zurückzubekommen, erklärte der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, Anselm Hartinger, auf Nachfrage von MDR SACHSEN. Doch bislang ohne Erfolg.

Unterstützung von Israelitischer Gemeinde und Museum

Der Bitte um Rückgabe hat sich nun neben Museumschef Hartinger auch Küf Kaufmann von der Israelitischen Gemeinde Leipzig angeschlossen. Beide bitten Vogel und Zumpe erneut um Kooperation. "Denn das ist nicht nur ein jüdisches, sondern ein stadtgeschichtliches Thema. Eine zweite Enteignung der Familie darf es nicht geben", betont Kaufmann.

Eine alte Fotografie aus dem 19. Jahrhundert. Darauf zu sehen ein Geschäftshaus in Leipzig
Das Geschäfts- und Wohnhaus der Familie Mittelmann im Petersteinweg 15 in Leipzig um 1932. In der vierten Etage befanden sich bis 1938 Fotoatelier und Wohnung von Abram Mittelmann und seiner Familie, im Erdgeschoss sein Ladengeschäft. Das Haus steht immer noch. Es beinhaltet unter anderem Arztpraxen. Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Man sei den beiden Findern dankbar, dass sie den Fotoschatz damals gefunden und gesichert haben, sagte Hartinger MDR SACHSEN. Immerhin zeigen die Negative überwiegend Porträts von jüdischen und nichtjüdischen Leipzigern aus den 1930er Jahren bis zur Pogromnacht 1938. Es seien wichtige Zeitdokumente, um die jüdische Geschichte und den Nationalsozialismus in Leipzig aufzuarbeiten, so der Historiker.

Seit dem Fund vor 35 Jahren habe es viele Bemühungen gegeben, eine dauerhafte Lösung zu finden, erzählte Hartinger. "Es gab Gespräche mit dem Staatsarchiv und dem Stadtarchiv. Es gab mal ein Förderprojekt mit unserem Museum. Es gab Gespräche mit der Jüdischen Gemeinde." Doch das sei immer wieder von den beiden Findern abgeblockt worden. "Wir machen uns große Sorgen, dass die Glasplatten akut gefährdet, möglicherweise schon zerstört sind", fürchtet der Museumschef. Denn beschichtete Glasplatten gehören zum Schwierigsten, was man erschließen und lagern könne, fügt er hinzu.

Wir machen uns große Sorgen, dass die Glasplatten akut gefährdet, möglicherweise schon zerstört sind.

Anselm Hartinger Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Das Schicksal der Familie Abram Mittelmann - Der Fotograf Abram Mittelmann, seine Frau Alma und Tochter Nadjeshda flohen während der NS-Diktatur aus Deutschland.
- Im September 1942 starb Abram Mittelmann mit 66 Jahren in Brüssel, kurz bevor die jüdische Bevölkerung für den Transport nach Auschwitz zusammengetrieben wurde.
- Alma (damals 52 Jahre) kam ins SS-Sammellager Mechelen und wurde am 10. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert.
- Die Tochter Nadjeshda (33 Jahre) wurde über die Sammellager Noé in Südfrankreich und Drancy nahe Paris am 4. September 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Den beiden Söhnen Eugen Leon und Siegfried Emanuel gelang das Überleben in Frankreich nur mit viel Glück. Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine Leipzig e.V.

Finder ärgern sich und verweisen auf Erbfragen

Finder Wieland Zumpe ist über die Anschuldigungen verärgert. Auf eine Anfrage von MDR SACHSEN erklärt er schriftlich, die Bestände seien nie im genannten "Besitz" gewesen, sondern seien stets treuhänderisch mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit betreut worden. Auch seien die Erbfragen nicht abgeklärt, schreibt Zumpe. In seinen Augen seien zudem andere Familienmitglieder die rechtmäßigen Erben der Fotoplatten.

Yad Vashem weist Aussagen der Finder zurück

Er habe nun eine Bestätigung, dass die Bestände in die Internationale Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgenommen werden sollen. In Israel kann man das aber nicht bestätigen und merkt an, dass "die Behauptung von Herrn Zumpe über eine Bestätigung von Yad Vashem, dass die Sammlung an uns übertragen wird, falsch ist und dass Yad Vashem zu keinem Zeitpunkt eine solche Erklärung in dieser Angelegenheit abgegeben hat." Ohne eine schriftliche Zustimmung der Erben der Familie Mittelsmann könne man "der Übertragung nicht zustimmen", auch wenn Yad Vashem "großes Interesses an der Sammlung hat".

Anwalt Lange sieht Glasplatten als "Eigentum der Stadt"

Der Leipziger Rechtsanwalt Reinhard Lange verweist auf die rechtlichen Regeln 1987: "In Leipzig galt das Zivilgesetzbuch der DDR: Hatte eine Fundsache einen Wert von über 5,00 DDR-Mark, war sie abzugeben: "Interessanter ist die Regelung allerdings in Paragraph 361 ZGB der DDR. Dort war normiert, dass Gegenstände von kulturhistorischer Bedeutung, die lange verborgen waren und deren Eigentümer nicht mehr festgestellt werden kann, zum Zeitpunkt des Auffindens in das Volkseigentum übergehen." Für ihn "ist es daher wahrscheinlicher, dass zum Zeitpunkt des Auffindens 1987 der Eigentümer nicht mehr festgestellt werden konnte und daher die Fotoplatten Eigentum des Volkes wurden. Über die Regelung des Einigungsvertrages dürften sie daher - wie alle anderen volkseigenen Museumsbestände - heute Eigentum der Stadt sein"- Anwalt Lange wundert sich, dass sich die Stadt nicht auf diese "doch sehr starke Rechtsposition" beruft.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 18. Oktober 2022 | 16:30 Uhr

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