Gewerkschaft FAU Radikaler Arbeitskampf bei Dominos in Leipzig

Im Bereich der Lieferdienste bekommt eine kleine Gewerkschaft viel Aufmerksamkeit – und landet im Visier des Verfassungsschutzes. Ein Grund dafür: Im Programm der Freien Arbeiter:innen Union (FAU) steht, man wolle den Kapitalismus überwinden. In der Praxis will die FAU ausschließlich an der Seite der Beschäftigten stehen und den Arbeitgebern mit unliebsamen Aktionen auf die Füße treten. Funktioniert das?

Demo der Gewerkschaft FAU in Leipzig.
Eine Demo vor der Filiale eines Pizza-Lieferdienstes in Leipzig. Die FAU nennt diese Art der Gewerkschaftsarbeit "Direkte Aktion". Bildrechte: MDR exakt

769 Euro fehlten Pia am Ende. Die Studentin berichtet, dass Teile ihrer Arbeitszeit bei der Dominos Effekt GmbH – ein Franchiseunternehmer des Pizza Lieferdienstes – nicht bezahlt worden seien. Außerdem will sie ihren Anspruch auf Urlaub erstattet bekommen, wobei das Wort "Urlaub" nicht in ihrem Arbeitsvertrag als Minijoberin erwähnt war.

"Das ist ein Arbeitsvertrag mit rechtswidrigen Klauseln", sagt der Privat- und Arbeitsrechtler an der Universität Leipzig, Andreas Leidinger. Es sei ein sehr, sehr unangenehmer Arbeitsvertrag. "Der suggeriert, der Arbeitgeber könnte jederzeit nach Belieben, Arbeit abrufen oder auch nicht. Damit ist es ein skandalös einseitiger Arbeitsvertrag."

Arbeitsvertrag mit Dominos einfach unterschrieben

Pia sagt, sie habe das Dokument damals einfach unterschrieben. "Ich dachte mir, was soll schon groß passieren. Ich werde hier ja nur ein bisschen Pizza ausliefern." Knapp ein Jahr hat sie für Dominos gearbeitet.

Aus Angst in Zukunft schlechter an Aufträge zu kommen, will Pia weitestgehend anonym bleiben. Eigentlich hat sie einen anderen Namen. Sie hatte sich mit ihren Forderungen mehrfach an den Leiter der Filiale im Leipziger Stadtteil Plagwitz gewandt – ohne Erfolg.

Pia holt sich Hilfe. Eine kleine Gewerkschaft nimmt sich ihres Falls an: Die Freie Arbeiter:innen Union (FAU). Es ist keine klassische Gewerkschaft. Anders als bei den großen DGB-Gewerkschaften wird hier niemand für seine Arbeit bezahlt. Alles findet ehrenamtlich neben Studium und Job statt. Auch die Kritik ist grundsätzlicher.

Kleine Gewerkschaft aus Leipzig: Die FAU

Ein junger Mann mit schwarzer Jacke.
Max ist seit drei Jahren für die FAU aktiv. Bildrechte: MDR exakt

"Gewerkschaft muss dahingehend radikal sein, dass sie parteiisch an der Seite der Arbeiter:innen steht", sagt Max Fuchs. "Und dann durchaus auch mal Gefahr läuft der Arbeitgeber:innenseite auf die Füße zu treten." Das gehöre bei einer Gewerkschaft einfach dazu, meint Max, der seit drei Jahren für die FAU aktiv ist.

Die FAU ist eine kleine Gewerkschaft. Bundesweit hat sie um die 1.000 Mitglieder und ist in 37 Städten aktiv. Zum Vergleich: Der DGB hat knapp sechs Millionen Mitglieder. Branchenweite Tarifverträge kann die FAU nicht aushandeln. Stattdessen setzen sie auf Protest und verbreiten ihre Aktionen im Netz.

Gegenseitige Solidarität und öffentlichkeitswirksame Aktionen sind so unsere Kampfmittel.

Max Fuchs Bei FAU aktiv

Sie hätten festgestellt, dass Öffentlichkeit von den Arbeitgebern mehr gefürchtet werde, als Gerichtsverfahren vor dem Arbeitsgericht. "Zahlungen tun ihnen eben nicht so dolle weh, wie ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit." Was das konkret bedeutet: Dazu später mehr.

Professor: Große Betriebsräte sind weit weg von kleinen Leuten

Professor für Soziologie Klaus Dörre der Universität Jena.
Professor Klaus Dörre forscht seit Jahren zu Gewerkschaften. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strukturwandel, Globalisierung oder sich verändernde Arbeitsmodelle: Für Gewerkschaften werden die Zeiten schwerer. Seit Jahren sind die Mitgliederzahlen rückläufig, mittlerweile ist nur noch jeder fünfte Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft. "Die Gewerkschaften sind, was die Mitgliederstruktur angeht, sicherlich in einer Krise", sagt der Professor für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena, Klaus Dörre. Er forscht seit Jahren zu Gewerkschaften.

Die Gewerkschaften haben es schwer "in prekarisierten Bereichen wie den Lieferdiensten Fuß zu fassen, weil es sehr instabile Beschäftigungsverhältnisse sind", so Dörre. Die Beschäftigten seien nicht lange im Betrieb, sie wechselten häufig, sie hätten wenig Geld.

Ein weiteres Problem ist für den Professor die Stellvertreterpolitik – der handelnde Gewerkschaftssekretär und die weitestgehend passiven Mitglieder. Das stoße inzwischen vermehrt auf Ablehnung und Distanz. "Dazu kommt eine gewisse Entfremdung beim Lebensstil. Also die großen Betriebsratsvorsitzenden, etwa in der Automobilindustrie, werden bezahlt wie Manager", sagt Dörre. Diese hätten einen Lebensstil, der weit entfernt von einem normalen Arbeiter sei. "Das ist ganz schwer zu vermitteln, weil man unten nicht mehr das Gefühl hat, das sind Leute von uns."

Ziel der FAU: Raus aus dem Kapitalismus

FAU Büro
Die FAU ist umstritten. Sie steht dem Anarchosyndikalismus nahe. Das bedeutet: Sie wollen raus aus dem Kapitalismus. Bildrechte: MDR exakt

Die FAU versucht in diese Lücke zu stoßen. Doch sie ist umstritten. Sie steht dem Anarchosyndikalismus nahe. Das bedeutet: Sie wollen raus aus dem Kapitalismus. Seit Jahren wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Acht der 16 Landesämter nennen sie in ihren Jahresberichten. Doch warum genau, darüber will der Inlandsgeheimdienst nicht mit MDR exakt sprechen.

Schriftlich heißt es aus dem Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt: "Im Kern [...]strebt die FAU eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Eigentum an. Regierungen, Parlamente oder gesetzliche Regelungen werden dagegen als Instrument zur Unterdrückung der natürlichen Freiheit wahrgenommen."

"Ich glaube sie ist im Grunde mehr ja eine politische Organisation, die unter dem Deckmantel von Gewerkschaftsarbeit […] versucht die Gesellschaft als Ganze zu verändern und eben den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, in dem wir leben, auszuhöhlen und anzugreifen", sagt der Generalsekretär der CDU in Sachsen, Alexander Dierks. Außerdem habe die FAU gefestigte Strukturen und habe "kein unzweifelhaftes Verhältnis zu Gewalt hat und insofern wahrscheinlich schon in den Bereich des Linksextremismus einzuordnen ist".

Verfassungsschutz Sachsen sieht FAU nicht als gewaltbereite Linkextremisten

Aus Sachsen-Anhalt heißt es dazu, die Zielstellungen der FAU seien "Gewalt und Bekämpfung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung”.  Das Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen widerspricht: die FAU sei in ihrem Wesen nach nicht dem gewaltbereiten Linksextremismus zuzurechnen.

MDR exakt hat keine Hinweise darauf gefunden, dass die FAU gewalttätig vorgeht. Im Fall von Pia hatte die FAU in Leipzig eine Kundgebung direkt vor einer Dominos Filiale organisiert. Knapp 50 Leute waren in den Stadtteil Plagwitz gekommen.

"Das Geld ist das eine", sagt Pia, die ebenfalls vor Ort ist. "Doch mir geht‘s ums Prinzip. Jetzt gerade beuten Firmen, wie die Effekt GmbH ihre Arbeiter aus, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das muss sich ändern." Die FAU nennt diese Art der Gewerkschaftsarbeit "Direkte Aktion".

Nach Demo: Dominos zahlt Forderung von Pia

"Ich bin Betriebsleiter hier und da kann ich sagen: Hier läuft‘s halt", sagt der Leiter der Dominos-Filiale, der aber anonym bleiben will. "Es gibt sogar auch einige Mitarbeiter, die gerade einen Hass haben auf die da draußen. Alleine, dass sie gerade nicht richtig rausfahren können."

Ende Juni, zwei Monate nach der ersten Kundgebung der FAU, werden die Scheiben des Dominos Ladens zerstört. Das LKA will eine politische Motivation nicht ausschließen und die Effekt GmbH schreibt MDR exakt, dass sie sich bedroht und eingeschüchtert fühle. Die FAU schreibt auf Nachfrage, dass man erst durch die Effekt GmbH von den Sachbeschädigungen erfahren habe.

"Die FAU greift nicht auf physische Gewalt zurück", erklärt Max. "Unsere Kampfmittel sind gegenseitige Solidarität und öffentlichkeitswirksame Aktionen, die auch schon – ganz ohne physische Gewalt – den einen oder anderen Boss in die Knie gezwungen haben."

Im Fall von Pia hat die eine Kundgebung offenbar ausgereicht. Nur zwei Tage nach der Demonstration erschienen 769 Euro auf ihrem Konto. Die Effekt GmbH lehnt ein Interview mit MDR exakt ab. Schriftlich heißt es: "Die vermeintlichen Ansprüche waren nicht gerechtfertigt und wurden abgelehnt." Man habe trotzdem gezahlt, denn: "Mitarbeiter:innenfühlten sich eingeschüchtert". Deshalb habe man zum Wohle der Mitarbeiter den Betrag beglichen.

Quelle: MDR exactly/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 28. Juli 2021 | 20:15 Uhr

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