Long-Covid Lungenexperte in Leipzig: "Können nicht allen helfen"

Seit 25 Jahren ist Hubert Wirtz Lungenfacharzt. Der Professor leitet die Pneumologie am Universitätsklinikum Leipzig und ist einer der verantwortlichen Ärzte der Long-Covid-Ambulanz. Im Gespräch mit MDR SACHSEN beschreibt er, was Corona-Patienten belastet und von Ärzten erwarten. Und er erzählt, weshalb die Long-Covid-Beratung zuweilen frustrierend ist.

Ein Mann sitzt an einem großen Schreibtisch und blickt in die Kamera. Der Mann ist Facharzt für Lungenkrankheiten und heißt Prof. Dr. Hubert Wirtz. er leitet eine Abteilung an der Uniklinik Leipzig.
Prof. Dr. Hubert Wirtz rät Long-Covid-Patienten zur Geduld. Wenn abgeklärt ist, dass sie keine Organ- oder Gefäßschäden haben, ist Langmut gefragt. Bildrechte: Stefan Straube/UKL

Frage: Die Long Covid-Ambulanz gibt es fast ein dreiviertel Jahr an der Uniklinik Leipzig. Welches erstes Fazit ziehen Sie?

Hubert Wirtz: Unsere Termine sind für das Jahr 2022 alle ausgebucht. Ein Kardiologe und ich als Pneumologe nutzen jeweils einen Nachmittag in der Woche für Long-Covid-Patienten. Wir diskutieren gerade eine Umorganisation. Wenn man bedenkt, dass jeder zehnte Corona-Infizierte an Long-Covid-Folgen leidet, ist der Bedarf groß. Es ist immer noch so, dass es für Betroffene nur wenige Angebote in Sachsen gibt. Aber wissen Sie, alles muss aus dem laufenden Betrieb heraus organisiert werden. Es gibt keine extra Stellen oder Personal für die Ambulanz. Die Ankündigung der Politik voriges Jahr, Geld zu geben, um dafür Stellen zu schaffen, ist bisher eine Ankündigungen geblieben. Nun, es wird an vielen Stellen Geld gebraucht.

Mit welchen Symptomen kommen Betroffene zu Ihnen?

Am häufigsten klagen die Patienten über Abgeschlagenheit und darüber, dass sie nicht wieder ihr Leistungsniveau haben wie vor der Infektion. Die Fatigue, also diese unheimliche Müdigkeit, die auch Monate nach der Corona-Infektion anhält, hat manchmal auch Aspekte einer Depression. Die Fatigue betrifft Männer und Frauen aller Altersgruppen. Wir haben auch jüngere Patienten. Manchmal sind Organe wie die Lunge betroffen oder es gibt Herzmuskelentzündungen nach einer Corona-Infektion. Bei dieser Erkrankung kommt es zu einer Schädigung der Blutgefäße, die eine wichtige Rolle spielen kann. Wir sehen auch Asthmaerkrankungen als Folge.

Wir untersuchen die Patienten eine Stunde lang, sprechen mit ihnen und überweisen sie je nach Erkrankung auch zu Neurologen oder Kardiologen. Wichtig ist es, Organschäden oder chronische Erkrankungen auszuschließen. Bei den von Müdigkeit Betroffenen ist es so, dass wir nicht allen helfen können oder dass sie geheilt von dannen ziehen.

Das ist ja deprimierend!

Ja, das ist in gewisser Weise frustrierend. Es gibt keine gesicherte Behandlungsmethode gegen Long Covid.

Was sagen Sie den Patienten dann?

Wir versuchen, den Betroffenen zu beschreiben, wie ihr Zustand ist. Dabei erleben wir, dass es den Patienten nach einigen Monaten oder einem Jahr besser geht. Der Mehrheit der Betroffenen geht es auch nach einem halben Jahr besser. In einigen Fällen können wir symptomatisch helfen, und wir können wichtige Differentialdiagnosen ausschließen.

Was hat es mit dieser Müdigkeit auf sich, über die Long-Covid-Patienten klagen?

Man hat mittlerweile festgestellt, dass die Verformbarkeit von roten Blutkörperchen nach eine Corona-Infektion kleiner ist. Das hat gravierende Folgen. Wenn die Blutkörperchen Sauerstoff durch unseren Körper transportieren, müssen sie sich verformen können, um sich überall durchquetschen zu können. Gelingt ihnen das nicht, wie notwendig, überall hindurchzudringen, wird zu wenig Sauerstoff an den passenden Stellen abgegeben. Das führt zur Müdigkeit. Ich habe gehört, dass eine Internistin in Nordrhein-Westfalen Blutwäschen vornimmt und sich Long-Covid-Patienten danach besser fühlten. Aber das ist noch nicht empirisch erforscht. Da müssen wir Studien abwarten.

Es gibt ja auch Reha-Behandlungen - wären die ein Ausweg für die müden Patienten?

In Reha-Kliniken sind Long-Covid-Patienten manchmal überfordert. Kurzfristig können sie dort mehr leisten, fallen aber schnell wieder zurück, wenn sie zu sehr trainiert werden. Man kann viele Dinge nicht so schnell wieder auf die normale Situation zurück trainieren. Es braucht angepasste Trainingskonzepte. Ich rate dazu, sich in der Übergangssituation von einem halben Jahr nach der Infektion nicht zu sehr von außen drängen zu lassen. Man sollte nur nach dem eigenen Gefühl handeln. Wenn bei Bewegung oder Training zum Beispiel die Lunge schmerzt, dann muss ich es lassen und langsamer weitermachen. Spezialisierte Reha-Kliniken wissen das sehr gut und handeln danach.

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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 18.01.2022 | Podcast Gibt es eine Therapie bei Long-Covid?

Gibt es eine Therapie bei Long-Covid?

"Long-Covid" ist inzwischen eine Sammelbezeichnung für vielerlei Beschwerden, die mit einer Corona-Infektion einhergehen. Über die Folgen einer Corona-Infektion haben wir am Dienstagabend besprochen.

MDR SACHSEN Di 18.01.2022 10:00Uhr 115:36 min

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Und warum wollen trotzdem so viele einen Termin in Ihrer Post-Covid-Ambulanz?

Viele wissen auch, dass es nichts gibt, sie haben sich vorab schon im Internet informiert. Ich merke, wie dankbar viele sind, wenn wir wahrnehmen, dass sie Beschwerden haben, aber ausschließen können, dass mit ihren Organen nichts Schlimmes ist. Die Hausärztinnen und Hausärzte tragen einen großen Teil der Last. Sie untersuchen ja meist zuerst die Patienten. Sie schicken nur ausgewählte Fälle in die Uniklinik. Trotzdem ist es keine gute Situation, dass es nicht genug Sprechzeiten gibt.

Was denken Sie, wie lange Long Covid die Menschen noch belasten wird?

In diesem Jahr werden wir noch damit zu tun haben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir im nächsten Herbst nicht wieder über Corona reden werden. Aber eine wichtige Erkenntnis gibt es inzwischen: Man hat festgestellt, dass Geimpfte, die danach an Corona erkranken, seltener unter Langzeitfolgen leiden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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