Antisemitismus? Zentralrat der Juden zurückhaltend im Fall Ofarim in Leipzig

Vor einem Monat postete Gil Ofarim ein Video, in dem er Vorwürfe gegen ein Hotel richtet. Vier Wochen lang ist darüber viel berichtet und spekuliert worden. Eindeutig ist nichts - auch nicht für den Zentralrat der Juden, der sich jetzt zurückhaltend äußerte.

Fragezeichen und Ausrufezeichen
Nachdem der Sänger Gil Ofarim ein Video mit antisemitischen Vorwürfen gegen ein Hotel postete, kochten Meinungen und Beschuldigungen in sozialen Medien hoch, klassische Medien griffen das Thema auf. Einen Monat später liegen viele Meinungen vor, aber auch offene Fragen zum Fall, der alles andere als eindeutig ist. Bildrechte: Colourbox.de

Einen Monat nach Antisemitismusvorwürfen des Sängers Gil Ofarim gegen das Westin Hotel in Leipzig hat sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zurückhaltend geäußert. "Zunächst habe ich keine Zweifel gehabt an der Darstellung von Gil Ofarim", sagte Schuster der Nachrichtenagentur dpa. Er nannte seine damaligen Stellungnahmen nicht voreilig. Er stehe zum Grundsatz, immer auch die andere Seite zu hören, und wolle das Ergebnis der Polizeiermittlungen abwarten.

Noch vor einem Monat hatte Schuster im Gespräch mit dem MDR gesagt, die Worte von Gil Ofarim in dessen Instagram-Vdieo seien "eindeutig und klar". Zugleich gelte immer auch der Rechtsgrundsatz, die andere Seite zu hören. Dennoch verlangte Schuster damals Konsequenzen.

Der Musiker Ofarim hatte Anfang Oktober beklagt, er sei Opfer eines antisemitischen Vorfalls im Leipziger "Westin Hotel" geworden. Ein Mitarbeiter habe ihn aufgefordert, seine Kette mit einem Davidstern einzupacken. Josef Schuster hatte kurz darauf eine Entschuldigung des Hotels verlangt. Es gab Strafanzeigen gegen Hotelmitarbeiter, aber auch gegen Ofarim. Später wurden Videoausschnitte und angebliche Untersuchungsberichte einer im Auftrag des beschuldigten Hotels privat ermittelnden Kanzlei in einzelnen Medien lanciert und Zweifel gestreut. Auf Videoaufnahmen sei die Halskette doch nicht zu sehen, hieß es. Einen Monat nach Bekanntwerden ist der Fall immer noch uneindeutig.

Möglicher "Bärendienst" für Antisemistismus-Kampf?

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Schuster, sagt jetzt:

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden
Bildrechte: dpa

Wenn der Vorfall sich nicht in ähnlicher Form abgespielt hat, wie er von Gil Ofarim dargestellt wurde, dann muss ich sagen, hätte ich für sein Verhalten überhaupt kein Verständnis. In diesem Fall hätte Gil Ofarim dem Kampf gegen Antisemitismus einen Bärendienst erwiesen.

Josef Schuster Präsident des Zentralrates der Juden

Nach dem mutmaßlichen Vorfall in Leipzig habe der Zentralrat eine Fülle antisemitischer Zuschriften bekommen. Allerdings nimmt Zentralratspräsident Schuster nicht an, dass Menschen wegen dieser Geschichte zu Antisemiten würden.

Plädoyer für mehr Unaufgeregtheit und Fakten

Der Medienwissenschaftler Lars Koch aus Dresden empfahl dagegen in einem MDR-Interview allen Beteiligten und Beobachtenden des Medienphänomens mehr Entschleunigung und Differenzierung in der Berichterstattung und statt Meinungen mehr Faktenorientierung. Zugleich verlangte er von öffentlich-rechtlichen Medien, dass sie eine reflektierte Distanz wahren und sich "nicht in das Spiel der konfrontativen Fremd- und Selbstzuschreibungen hineinziehen" lassen sollten.

Quelle: MDR/kk/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | BRISANT | 03. November 2021 | 17:15 Uhr

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