Hilfsangebote Häusliche Gewalt gegen Männer in Sachsen nimmt zu

Gewalt im häuslichen Umfeld geht nicht nur von Männern aus. Nicht selten sind es auch Männer, die Opfer körperlicher und psychischer Gewaltanwendung werden. Das kann durch eine toxische Paarbeziehung herrühren oder durch einen gewalttätigen Mitbewohner. Einrichtungen - speziell für Männer - bieten Opfern Zuflucht. Auf einer Fachtagung in Leipzig rücken die Betreiber das Thema in dieser Woche in den Fokus.

Ein Mann steht in einem halbdunklen Treppenhaus auf der Treppe und schaut nach vorn.
In Einrichtungen wie dem Männerhaus Leipzig finden Gewaltopfer Zuflucht. Bildrechte: dpa

In einer Paarbeziehung entwickeln sich manchmal ganz unbewusst Dynamiken - Abhängigkeiten, die toxisch für die Beziehung sein können. Es kommt zu Gewalt, sowohl auf einer körperlichen wie auch auf einer psychischen Ebene. Irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem eine Trennung unausweichlich ist. Doch das Machtgefüge lässt sie nicht zu. Nicht nur Frauen ergeht es so. Immer öfter werden auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt. Dann ist es wichtig, dass sie einen Zufluchtsort haben und Beratungsmöglichkeiten finden.

Zufluchtsort für Opfer von Gewalt

Diese Zuflucht bietet das Männerhaus Leipzig. Ein Ort, wo sich die Opfer erstmal sortieren und eine neue Perspektive finden können, sagt Mitarbeiter Jan Clement. Er hat oft mit Opfern von "toxischen Paarbeziehungen" zu tun. Aber Gewalt im näheren sozialen Umfeld kann sich auch in Wohngemeinschaften abspielen. Er schildert einen aktuellen Fall: "Da hatte jemand einen Mitbewohner aufgenommen. Daraus entwickelte sich dann eine Gewaltbeziehung. Der Bewohner wurde immer wieder übergriffig. Das ging so weit, dass der Mieter der Wohnung ausziehen und vor dem Mitbewohner fliehen musste, weil er von ihm verfolgt wurde." Das Opfer fand in einer der Schutzwohnungen der Leipziger Einrichtung Zuflucht. Auch eine Zwangsheirat könne ein Grund zur Flucht ins Männerhaus sein, sagt Clement. Die Männer suchten dann oft Schutz vor der Familie.

Drei Einrichtungen in Sachsen

Neun Einrichtungen mit insgesamt 24 Plätzen gibt es bundesweit, die Männern, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, helfen. Zum Teil werden sie von der jeweiligen Landesregierung gefördert, so wie die drei Einrichtungen in Sachsen. Daneben gibt es Beratungseinrichtungen oder auch Krisenpräventionsstellen speziell für betroffene Männer. Die Einrichtungen sind miteinander vernetzt und helfen sich gegenseitig, sagt Clement. Für den regelmäßigen Austausch gibt es ein bis zwei Mal jährlich eine Fachtagung wie die in Leipzig.

Wir bieten einen Schutzraum in der Regel für drei Monate. In Ausnahmefällen auch länger. Darüber hinaus bieten wir sozialpädagogische Beratung und schauen, was die Männer brauchen. Wir leisten Unterstützung bei der Suche nach einem Anwalt, helfen dabei Sozialleistungen zu akquirieren oder Beratungsangebote zu bekommen.

Jan Clement Männerhaus Leipzig

Niedrigschwelliges Hilfsangebot

Darüber hinaus leistet das Männerhaus Leipzig psychosoziale Beratung. "Wir schauen, wie es den Männern geht und stärken sie in ihrer Selbstfindung und in der Frage, wie es weitergehen kann", erklärt Clement. Für die Beratung stehen 30 Stunden zur Verfügung. Im kommenden Jahr soll das Kontingent auf 40 Stunden erhöht werden. Das sei dringend notwendig, sagt Clement. "Der Bedarf ist da."

Immer mehr Männer suchen Hilfe

Das Thema Männer und Gewaltbetroffenheit hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, erklärt Enrico Damme von der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz. Die Stelle kümmert sich um die Umsetzung von Zufluchtsorten und will die Sensibilität der Öffentlichkeit und der Politik erhöhen, so der Pressesprecher. Immer mehr Männer hätten sich in den letzten Jahren gemeldet, meint Damme. In Sachsen sind die Männerschutzwohnungen Damme zufolge zu zwei Dritteln ausgelastet. Derzeit werde mit Wartelisten gearbeitet, weil sich so viele Männer melden. Die Betroffenen kommen dabei aus allen Schichten der Gesellschaft: "Vom Arbeitslosen bis zum Akademiker, vom Industriearbeiter bis zum Verwaltungsleiter", erklärt der Pressesprecher.

Karte Männerhäuser Deutschland
Drei Männerschutzwohnungen gibt es in Sachsen. Darüber hinaus bieten Beratungseinrichtungen Hilfe für Opfer von Gewalt. Bildrechte: Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz

Tabus überwinden

Geht es nach Damme sollen in Zukunft zwei weitere Männerschutzwohnungen in Sachsen entstehen. Bis das Realität wird, ist es noch ein langer Weg. "Hier fehlt aktuell der politische Wille", kritisiert er. Einen Grund für den fehlenden Willen sieht Damme in der Tabuisierung des Themas.

Männergewaltschutz muss aus dem Tabu herausgeholt werden. Daran werden wir noch lange arbeiten müssen.

Enrico Damme Presseprecher bei der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz

Auch wenn am häufigsten Frauen Opfer von häuslicher Gewalt sind, sind auch 30 Prozent der Männer in Sachsen davon betroffen. Im Bundesdurchschnitt sind es laut Damme 19 bis 20 Prozent. Nach Angaben des Landeskriminalamts wurden 2018 in Sachsen mehr als 1.600 Fälle registriert, in denen erwachsene Männer Opfer häuslicher Gewalt wurden. Das Bundeskriminalamt hat unlängst eine Dunkelfeldstudie zu Gewaltbetroffenheit begonnen.

Auch Jan Clement wünscht sich mehr gesellschaftliche Wahrnehmung für und Diskurs zum Thema, das immer noch ein Stigma für die Betroffenen bedeutet. "Es ist höchste Zeit, klassische Männer- und Rollenbilder zu überdenken, damit die Opfer häuslicher Gewalt auch Schwäche und Emotionen zulassen und Hilfe annehmen." Wer Hilfe sucht, findet sie unter anderem auf der Homepage vom Männerhaus Leipzig.

Quelle: MDR/mar/lt

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