Kommentar zu Faeser-Tweet Auch Weltbürger haben eine Heimat

Autor Justin Andreae
Bildrechte: Martin Bremer

Nancy Faeser wünscht sich einen neuen Heimatbegriff – und wird von allen Seiten kritisiert. Manch einer möchte den Begriff ganz verbannen. Doch auch als junger Weltbürger kann man eine Heimat haben, kommentiert Justin Andreae.

Abendliche Eisenbahnstraße in Leipzig, 2016
Nancy Faeser hat für ihre Forderung nach einem offenen Heimatbegriff viel Kritik geerntet. Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten ist Heimat unseres Autors – eine von vielen. Bildrechte: dpa

"Versaubeutelt", "Pappenheimer", "schnabulieren": Manchmal steckt Heimat in einzelnen Wörtern. Ein knappes Jahr habe ich in den USA gearbeitet, und das sehr gern. Doch oft war mein Bedürfnis, etwas auf Deutsch zu sagen, riesig – und riesig dann auch mein Heimweh. Wenn ich den Begriff "Heimat" höre, denke ich nicht an eichenvertäfelte Lokale und Schäferhunde, sondern an Sprache, an Dinge, die ich nur im Deutschen ausdrücken kann. "Heimat": auch so ein unübersetzbarer Begriff. 

Worthülsen statt echter Kritik an Faesers Tweet

Innenministerin Nancy Faeser hat sich auf Twitter gewünscht, Heimat als "offen und vielfältig" zu verstehen – und dafür viel Kritik geerntet. Mir gefällt Faesers Tweet gar nicht so schlecht. Ich bin 28 Jahre alt: Mit Heimatgefühlen verbindet man meine Generation selten, eher mit Erasmus-Semestern in Barcelona und Backpacking in Australien. Oder in meinem Fall: Deutsch unterrichten in den USA und Serbien. Doch mit jedem Auslandsaufenthalt ist mir der Begriff "Heimat" wichtiger geworden – obwohl ich auch mit jeder Reise weniger wusste, was meine Heimat eigentlich ist.  

Die Kritik an Nancy Faeser, das zeigen die Kommentare unter ihrem Tweet, kommt von rechts und von links. Die rechte Kritik ist so dumpf wie erwartbar: Deutschland habe "seine Kultur und einen christlichen Glauben", heißt es da, Faeser arbeite an der "Entwurzelung" der Menschen. Nun ja. Doch auch die Kritik von links klingt für mich nach Worthülsen: Heimat sei "nicht nur eine spezifisch deutsche, sondern auch inhärent völkische Idee", schreibt etwa ein User. Wirklich?  

Ich wohne nahe der Leipziger Eisenbahnstraße – "die schlimmste Straße Deutschlands", wie sie ein Fernsehsender einmal nannte. Ich wohne gerne hier, besonders liebe ich das alltägliche Stimmengewirr: das Arabisch aus dem Supermarkt, das Spanisch aus der Studentenkneipe, das breite Sächsisch an der Haltestelle. Auf der Eisenbahnstraße herrscht, meistens, friedliche Koexistenz. Die Straße ist für jeden etwas anderes, doch für die meisten Heimat – auch für mich. Eines ist sie ganz sicher nicht: "spezifisch deutsch und inhärent völkisch". 

Heimat ist emotional – und oft widersprüchlich

Doch nicht jede Kritik an Nancy Faesers Tweet ist nur Getöse. Faeser schreibt: "Wir müssen den Begriff #Heimat positiv umdeuten". Müssen wir das? Und: Wer ist eigentlich "wir"? Viele Nutzer in den Kommentaren fühlen sich gegängelt, von "Orwells 1984" schreibt einer. Auch das ist schrill. Doch die Debatte um Heimat ist nun einmal emotional aufgeladen. Besser, Faeser hätte geschrieben: "Viele Menschen deuten den Begriff #Heimat positiv um." Denn das ist längst Realität in Deutschland – ganz ohne Aufforderung einer Ministerin.  

Ich lebe seit vielen Jahren in Leipzig, geboren und aufgewachsen bin ich aber in Hamburg. Ein berühmter Sohn meiner Heimatstadt ist Albert Ballin: ein Reeder, der mit seinen Atlantik-Dampfern Millionen Menschen zur Auswanderung in eine neue Heimat verhalf. Ballin war Weltbürger durch und durch, sein Wahlspruch: "Mein Feld ist die Welt." Und doch blieb Ballin Hamburg ein Leben lang treu. Hier wurde er geboren, hier lebte und hier starb er. Heimat ist eben oft widersprüchlich und komplex – vielleicht zu komplex für die 280 Zeichen eines Tweets. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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