Leben in Grünau Leipzig: Ist die Platte in Grünau so mies wie ihr Ruf?

Armut, Arbeitslosigkeit und Alkohol: Nach gängigen Vorurteilen stehen dafür viele der ostdeutschen Plattenbauten. Doch stimmt das Klischee aus den Neunziger Jahren noch? MDR exactly hat die größte Siedlung in Sachsen unter die Lupe genommen – Grünau in Leipzig.

Die "Käfige" gehören zu fast jedem Plattenbauviertel. Dort wird Fußball und Basketball gespielt. Bei jedem Schuss klirren die Metallstäbe. "Früher gab es nicht so viele Freizeitmöglichkeiten. Da war das hier das höchste der Gefühle", sagt Padshah. Der Rapper ist in Leipzig-Grünau aufgewachsen – der größten Plattensiedlung in Sachsen. In diesem Mikrokosmos haben alle seine Freunde gewohnt, aber er hat in den Neunzigern als Kind auch "mit Nazis Fußball gespielt, ohne das zu wissen. Da kamen halt Sprüche".

Padshah rappt über Leipzig Grünau.
Padshah ist in Leipzig-Grünau aufgewachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Padshah hat auch afghanische Wurzeln und durfte als Kind etwa nicht allein ins Alleecenter gehen, weil "du auf dem Weg safe Glatzen gesehen hast. Und das waren noch harte Zeiten so mit Pitbull, Schlagstöcken und so". Das Problem mit dem Rechtsradikalismus bestätigen alle Menschen, die in diesem Text vorkommen. Padshah hat fast 30 Jahre Grünau miterlebt und aus seiner Sicht hat sich der Leipziger Stadtteil eindeutig zum Positiven verändert.

Miete in Grünau günstiger als in anderen Teilen von Leipzig

In Grünau leben derzeit 48.000 Menschen. Sie sind im Schnitt etwas ärmer, etwas älter und haben häufiger einen Migrationshintergrund, als im Rest von Leipzig. Zudem sind die Mieten dort günstiger als in anderen Teilen der Stadt. Doch da, "wo die günstigsten Mieten sind, sind halt soziale Brennpunkte", ist Georg überzeugt. Er sitzt neben seinem Bier in einer Grünauer Kneipe und hat seine Brille auf die kurzen grauen Haare geschoben. "Ich bin auch der Meinung, wer kann, zieht weg." Andere Gäste dort sind der Auffassung, dass die ganzen Klischees nicht richtig seien.

Es wohnen wirklich gute Leute dort, fleißige Leute, freundliche und nette.

Tilo Gast in einer Grünauer Kneipe

Viele wohnen sogar schon seit 40 Jahren hier – also direkt seit der Entstehung des Viertels. 1976 wurden die ersten Plattenbauten auf der grünen Wiese hochgezogen. Innerhalb von acht Jahren entstanden in Grünau acht Wohnkomplexe mit über 37.000 Wohnungen. Solche Siedlungen entstanden in der gesamten DDR – nahezu jede ostdeutsche Stadt hat ein Plattenbauviertel. Die Wohnungen waren heiß begehrt. Die Idee dahinter war durch und durch sozialistisch: Universitäts-Professor und Fließbandarbeiter sollen nebeneinander wohnen - die sozialen Klassen damit abgeschafft werden.

Nach dem Mauerfall entstehen die Klischees

Doch nach dem Mauerfall wird die Platte unbeliebt und Grünau verliert die Hälfte seiner Einwohner. Zurück bleiben Einkommensschwache, Alte und viel Leerstand. Es ist die Zeit, in der die Klischees von Armut, Überalterung, Nazis und Drogen entstehen. In dieser Zeit ist auch Silvio in Grünau groß geworden. Der 39-jährige Brunnenbauer hat in den Nullerjahren Ecstasy, Crystal und Gras konsumiert und auch gedealt. Früher sei die Szene auf der Straße deutlich sichtbarer gewesen, sagt er.

Silvio lebt in Grünau.
Silvio sagt, dass die Drogen-Szene früher auf den Straßen in Grünau deutlich sichtbarer war. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rückblickend meint Silvio: "Es war ´ne geile Zeit. Aber es hat viel Geld und viel Zeit gekostet. Zeit, die ich nicht mehr aufhole." Außerdem habe er auch ein paar verrückte Sachen erlebt, die er damals – "völlig verballtert" – gar nicht richtig wahrgenommen habe. "Es gibt hier Geschichten: Da sind sie in die Wohnung rein, haben den geknebelt und verkloppt. Und die ganzen Drogen mitgenommen und ihn einfach daliegen lassen."

Silvio feiert damals in den Clubs der Stadt, war arbeitslos. Als er seinen Führerschein und später seine Wohnung verliert, offenbart er sich seinem Vater. Auch mit dessen Hilfe zieht er sich aus dem Sumpf. Heute ist er clean und hat eine Familie gegründet.

In Grünau weniger Straftaten als im Leipziger Durchschnitt 

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In Leipzig-Grünau hat es weniger Straftaten gegeben als im Leipziger Durchschnitt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grünau haftet noch immer der Ruf an, kriminell zu sein. Doch ein Blick in die Statistik zeigt ein differenzierteres Bild. 2004 wurden 93 Straftaten pro Jahr und 1.000 Einwohner im Viertel registriert. Zwischenzeitlich stieg die Kriminalität leicht an, sank 2020 aber auf 88 Fälle. In ganz Leipzig waren es aber durchgängig mehr Fälle – so wie 2020 mit im Schnitt 116 Fällen. Grünau ist also weniger gefährlich als der Durchschnitt der Stadt.

Silvio sagt, dass auch heute noch in Grünau gedealt werde, allerdings weniger offensichtlich und eher in Wohnungen und via Handy. Für ihn war Grünau schon "früher ein Loch und heute ist es immer noch ein Loch". Trotzdem ist Silvio nach ein paar Jahren in einem anderen Stadtteil mit Frau und Tochter zurück nach Grünau gezogen – aufgrund der günstigeren Mieten.

Mit Dachterrasse: Graue Betonklötze werden hochwertig saniert

Grünau
Grünau wandelt sich: Die einst grauen Blöcke werden teils hochwertig saniert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Jahren wächst Leipzig wieder und auch nach Grünau ziehen wieder mehr Menschen. Das Bild vom Plattenbauviertel: Es wandelt sich erneut. In Grünau werden inzwischen die Blocks teils hochwertig saniert. Bei einigen ist ganz oben eine Penthouse-Wohnung gebaut worden – mit eindrucksvoller Dachterrasse und der Kulkwitzer See ist fast um die Ecke.

Grünau sei ein extrem heterogenes Viertel, sagt Professorin Dr. Sigrun Kabisch. Sie forscht seit 40 Jahren zu Grünau. Aufgrund der Heterogenität brauche es in diesem Stadtteil beides: höherwertige Sanierungen und günstige Wohnungen. Die Miete für solch hochwertig sanierte Wohnungen liegt etwa 2,50 Euro über dem Durchschnitt von Grünau. Der beträgt laut Immoscout etwa sechs Euro kalt pro Quadratmeter. "Doch es wird vor allem preiswerter Wohnraum gebraucht", sagt Kabisch. Denn in der Innenstadt werde vor allem im Luxus-Segment gebaut.

Das Einkommen in Grünau ist im Schnitt niedriger

Untersuchungen, wie die Intervallstudie Leipzig-Grünau von Professorin Kabisch, gibt es weltweit kaum ein zweites Mal. Daraus geht auch hervor, dass das mittlere Einkommen in Grünau rund 250 Euro unter dem Leipziger Durchschnitt von knapp 1.500 Euro liegt. An ihrem Viertel schätzen die, die in Grünau wohnen: Naherholung, Verkehrsanbindung und die Versorgungsinfrastruktur. Kritisiert wird die Sauberkeit, das soziale Umfeld und die Sicherheitslage. Außerdem, so heißt es in der Studie, hätten die gefühlten sozialen Schwierigkeiten durch den Zuzug von Migranten und Migrantinnen zugenommen. Gleichzeitig ist die Zufriedenheit mit dem Viertel in den vergangenen 40 Jahren gestiegen.

Es gibt nicht nur graue Blöcke, sondern es sind Spielplätze, ein riesiger Skatepark oder bunte Häuser entstanden. Auch einige Studierende haben den günstigen Wohnraum für sich entdeckt und nehmen dafür den längeren Weg zur Universität in Kauf. Und es gibt viele Menschen, die sich in Grünau engagieren, um das Viertel weiter zu entwickeln.

Wie viel Klischee steckt wirklich in Grünau?

Yasemin Said engagiert sich in Grünau bei "Perspectives".
Yasemin Said hat das Projekt "Perspectives" auf die Beine gestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So hat etwa Yasemin Said das Projekt "Perspectives" auf die Beine gestellt. Dort können Menschen, die sich als migrantisch, schwarz oder jüdisch identifizieren, Kulturveranstaltungen vorschlagen. Die 28-Jährige hilft dann bei der Umsetzung und der Finanzierung. Auch sie in ihrer Kindheit viel Zeit in Grünau verbracht und sagt über die Vorurteile, dass es natürlich Probleme mit Drogen-Konsum oder Jugendlichen gebe. "Das ist aber nicht spezifisch für Grünau. Das ist spezifisch für Jugendliche, die sich ausprobieren wollen." Dies sage wenig über den Stadtteil aus.

"Es sagt was über die Leute aus, die hier abhängen. Der Stadtteil hat eine krasse Altersspanne. Sehr, sehr viele Seniorinnen und Senioren wohnen hier und sehr, sehr viele Jugendliche wohnen hier", sagt Yasemin. Zwei Drittel der Grünau-Bewohner sind über 55 Jahre alt, wie aus der Intervallstudie hervorgeht. Nur 14 Prozent sind unter 35. "Dabei prallen eben Lebensvorstellungen aufeinander, die nicht immer vereinbar sind", sagt Yasemin. Doch das sei okay. Und sie glaubt: "Diese Diskrepanz muss man dann einfach aushalten."

So sieht es auch Professorin Sigrun Kabisch, die das Viertel seit dem Bau intensiv erforscht: "Über Grünau sollte sich jeder seine eigene Meinung bilden." Und dabei sollte man aus ihrer Sicht genau Hinsehen und nicht irgendwelchen Klischees folgen.

Quelle: MDR exactly

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 17. Januar 2022 | 18:00 Uhr

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