Der Weg einer Chemnitzerin Von einer, die auszog - um zurückzukehren

Von Chemnitz nach Leipzig-Grünau, in die USA, nach England, Schweden und nun zurück in den Osten, nach Markkleeberg: Tina Goldschmidt ist 34 und viel herumgekommen in der Welt der Wissenschaft. Nun ist die promovierte Soziologin zurück im Osten - um ihre akademische Karriere an den Nagel zu hängen. Und nun? Hat sie kurzerhand einen Comedy-Podcast gestartet. Mit MDR SACHSEN hat Goldschmidt zum Tag der Einheit über die Wende, das Hochstaplersyndrom und Humor gesprochen.

Eine Frau hält ein aufgeklapptes Buch in der Hand und steht vor einem Laptop und einem Mikrophon.
Tina Goldschmidt ist promovierte Soziologin und war überall zu Hause, bevor es sie zurück in den Osten zog. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach einem Piepsen ertönt ihre Stimme, dann öffnet sich das große Holztor des ehemaligen Ritterguts. Pferde- und Schweinestall wurden zu Häusern umgebaut, beinah eine Gated Community – mitten in Markkleeberg. Hier wohnt Tina Goldschmidt mit ihrem Mann und den zwei kleinen Töchtern und hat ihre wissenschaftliche Karriere an den Nagel gehängt. Trotz Soziologie-Master in Oxford und Promotion in Stockholm, vorerst jedenfalls: "Ich dachte lange, das wäre mein Traum, aber irgendwann habe ich gemerkt: Um erfolgreich in der Wissenschaft zu sein, hätte ich viele andere Sachen nicht machen oder nicht haben können, die mir auch wichtig waren."

Nicht jeder kann eine feste Stelle bekommen, das ist wie Popstar werden wollen.

Tina Goldschmidt Promovierte Soziologin aus Chemnitz

Ihr akademisches Spezialgebiet: Meinungsforschung, Migration und Sozialstaat. Goldschmidt hat sich mit Umverteilung und Ressentiments gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte beschäftigt und mit Fragen, die oft für die ostdeutsche Bevölkerung ein größeres Problem darstellen als für die westdeutsche. Der Weg von Chemnitz über Leipzig und Berlin an die internationalen Unis der Welt sei für Goldschmidt der Weg des geringsten Widerstands gewesen: Einmal im System mache man einfach weiter, wenn’s halt laufe. Und es lief, bis auf die Sorge, nie zu wissen, wo man als nächstes landen werde. "Nicht jeder kann eine feste Stelle bekommen, das ist wie Popstar werden wollen", sagt Goldschmidt.

 Eine Frau spricht mit aufgerissenen Augen in ein Mikrophon, während sie ein Podcast aufnimmt und vom Laptop abliest.
Tina Goldschmidt beim Podcasten: Erlebnisse aus ihren Tagebüchern treibt sie mit ihrer Hörserie "schnappatmig" auf die Spitze - manchmal auch auf sächsisch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jetzt will sie weder Popstar noch Professorin an der Uni werden, sondern: Podcasterin. Im dritten Stockwerk des Hauses im Markkleeberger Rittergut haben sich Goldschmidt und Partner ein Arbeitszimmer eingerichtet, in dem es vor Equipment nur so wimmelt: professionelle Kameras, Beleuchtung, Mikrophone, Computer, schalldichte Vorhänge in altrosé. Monsterpflanzen. Seit ein paar Wochen entsteht hier regelmäßig eine Folge der von Goldschmidt erdachten Hörserie namens "schnappatmig". Sie steht am Mikrophon und liest selbstironische Texte, abgewandelt aus ihren Tagebüchern, mit einer Protagonistin namens Anni Silbermann, die Goldschmidt verdammt ähnlich sieht. Auch Anni ist promovierte Hausfrau in Soziologie, hat Angst vorm Autofahren und stammt aus Ostdeutschland.

Ich will, dass das als unterschwellige Botschaft mitschwingt, dass auch jemand, der aus Ostdeutschland und aus Sachsen kommt, komplexe Gedanken haben und witzig sein kann.

Tina Goldschmidt promovierte Hausfrau

Das Thema Ost-West und Wende scheint auch in "schnappatmig" durch, nicht nur weil im Podcast regelmäßig gesächselt wird. Goldschmidt sagt: "Ich will, dass das als unterschwellige Botschaft mitschwingt, dass auch jemand, der aus Ostdeutschland und aus Sachsen kommt, komplexe Gedanken haben und witzig sein kann", so Goldschmidt. "Was nicht überraschend sein sollte, denn es gibt Leute wie Olaf Schubert, die offensichtlich sächsisch sprechen."

"Echt, DU kommst aus Ostdeutschland?"

Als die Mauer fiel, war Goldschmidt ein Jahr alt. Schwer zu sagen also, wie sie die Wende erlebt hat, der Großteil ihres Lebens fand im wiedervereinten Deutschland und einer Welt statt, in der sich die Blockkonfrontation aufgelöst hatte. Im Westen angekommen, machte Goldschmidt dennoch eine Beobachtung, Jahrzehnte später, und zwar, wenn sie sich selbst als Ostdeutsche outete: "Da gab’s ganz oft dieses absurde Überraschtsein: Echt, DU kommst aus Ostdeutschland? Das merkt man ja überhaupt nicht. - Ja doch, es ist kein Scherz, ich hab auch schon mal Joghurt gegessen und ein, zwei Bananen waren auch dabei." Nun ist sie zurück, in Markkleeberg, in der Nähe der Großeltern und für das Gefühl, Zuhause zu sein.

Luftbild von Markkleeberg
Tina Goldschmidt stammt aus Chemnitz, hat in Leipzig-Grünau, Berlin, den USA, Schweden, England und Belgien gelebt - und ist nun wieder zurück im Osten. Mit ihrem Partner und zwei kleinen Kindern hat die promovierte Soziologin ihr Zuhause in Markkleeberg gefunden. Bildrechte: imago/Christian Grube

Ostdeutschsein als Handycap

Bilder von Ostdeutschland habe sie oft reflektiert bekommen, sagt Goldschmidt - im Sinne von Ostdeutschsein als Handycap. "Zum Teil gab’s Situationen, wo man mich fördern wollte: Sie kommen aus Ostdeutschland und auch als Frau, da wär’s doch toll, wenn Sie ein Stipendium hätten, trotz all der Widrigkeiten…" Dabei sei Goldschmidts Familie keine von denen gewesen, die durch die Wende viel verloren hätte. Wenn sie mit ihrer Familie an die Wende denke, dann an eine aufregende Zeit und Ostalgie, an die Schrankwände, die überall gleich aussahen und an Fahrten nach Nürnberg, um Milka-Schokolade zu kaufen.

"Ja, ich bin Autorin komischer Dinge."

Zurück zu Goldschmidts Lieblingsthema: "Ich freu mich mega doll, über das Projekt zu sprechen", sagt sie, nur um dann hinzuzufügen: "Auf der anderen Seite komme ich mir vor wie ein riesiger fraud." Wie eine Schwindlerin, also. Sie spricht vom Impostorsyndrom, der Angst, die eigenen Ideen und Fähigkeiten zu überschätzen und dabei aufzufliegen. Schreiben fürs Publikum statt für die Schublade sei immerhin ein gutes Gefühl.

Verspricht sie sich von ihrem Comedy-Podcast mehr Impact als durch die Wissenschaft? Ja, sagt Goldschmidt und kommt sich gleichzeitig blöd vor, das zu sagen. "Ich glaube, wenige Leute arbeiten an irgendwas, das sie nur intrinsisch motiviert. So asketisch bin ich definitiv nicht." Goldschmidt benutzt Wörter wie random, weird und Einkommensdifferenzial, irgendwo zwischen Jugendslang und wissenschaftlicher Fachzeitschrift, und hofft, bald mit mehr Selbstbewusstsein sagen zu können: "Ja, ich bin Autorin komischer Dinge."

Eine Frau befestigt ein Mikrophon neben einer grellen Lampe.
Am Equipment mangelt es nicht: Tina Goldschmidt steht für ihre Hörserie nicht nur vor dem Mikro sondern manchmal auch vor der Kamera. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn aus dem Projekt nichts weiter werde, sei es immerhin ein kreatives Jahr gewesen, sagt Goldschmidt. So viel Zeit will sie dem Podcast und ihren Kindern widmen, sie nennt das eine "selbstfinanzierte Pause von der Wissenschaft" - und werde dafür auf dem Spielplatz schon mal schief angeguckt. Klar müsse man hinterfragen, was los ist zwischen Männern und Frauen, findet Goldschmidt, aber Zeit mit Kindern als lästiges Pflichtprogramm darzustellen, sei nicht schön.

Wenn das Hochstaplersyndrom nachlässt, weiß Tina Goldschmidt, dass sie hat, was viele nicht haben: ein Zuhause in einem alten Rittergut, das Privileg, sich Zeit für eine Idee zu nehmen, von der niemand weiß, was am Ende dabei herauskommt – und den Mut zur Selbstironie.

MDR (lst)

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