Ostdeutschland Keine Mängelwesen: Warum der Ossi schimpft und das nicht schlecht sein muss

Die Thüringerin Juliane Stückrad hat einen Kulturschock erlebt und wollte herausfinden, warum der Frust so groß war, der sie hierzulande umgab. In ihrem neuen Buch erklärt die Autorin, woher der laute Unmut vieler Ostdeutscher kommt, schimpfen nicht schlecht sein muss und Ostdeutsche nicht länger als Mängelwesen betrachtet werden sollten.

Menschen nehmen an einer Demonstration teil.
In Ostdeutschland gibt es eine eigene Unmutskultur. Das hat laut Autorin Juliane Stückrad ganz einfache Gründe. Bildrechte: dpa

Frage: Frau Stückrad, warum interessieren Sie sich für Ossis, die laut schimpfen?

Juliane Stückrad: Die Antwort gelingt nur mit einem Blick in die Vergangenheit. Nach meinem Studium der Ethnologie bin ich für eine Grabung im Elbe-Elster-Kreis gelandet. Dort schlug mir eine Wut und ein Frust entgegen, die ich so noch nicht kannte. Dem wollte ich auf den Grund gehen. Ich wollte herausfinden, warum sich so viele Menschen dort kritisch äußern. Ich wollte ihre Lebenswelten kennenlernen. Also nahm ich mir viel Zeit für Beobachtungen und Gespräche.

Juliane Stückrad - Blonde Frau mit halblangen Haaren und dunklem Jackett steht vor Statue
Juliane Stückrad interviewte Ostdeutsche mit ihren Lebensläufen und biographischen Höhen und Tiefen. Bildrechte: Susanne Schleyer

Sie haben dort das erste Mal Frust erlebt?

Ja. Ich komme aus dem Osten, aus Thüringen und habe in Leipzig studiert. Im Elbe-Elster-Kreis wollte ich nur einige Monate lang jobben, um mir Geld für eine Südamerika-Reise zu verdienen. Es war wie ein Kulturschock, ich habe eine Fremdheit im eigenen Land gespürt, die ich noch nicht erlebt hatte. Das wollte ich natürlich auflösen. Dabei bemerkte ich hinter rauen Fassaden eine unglaubliche Bedürftigkeit. Aus einem Grabungsaufenthalt in Südbrandenburg sind übrigens sieben Jahre geworden. Ich lernte dort meinen Mann kennen, bekam meine Kinder versuchte, die Menschen verstehen.

Warum erforscht eine Volkskundlerin die ostdeutsche Seele? Betrachten Sie die Ostdeutschen als eigenes Völkchen?

Scheinbar hat sich in Ostdeutschland eine eigene Kommunikationskultur entwickelt. In einer Diktatur gewöhnt man sich eben an, anders zu kommunizieren als in einer freiheitlichen Gesellschaft. Meine These ist: In Ostdeutschland gibt es eine eigene Unmutskultur.

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Eine eigene Unmutskultur?

Ja, eigentlich ist das auch logisch. Wenn man in einer Diktatur Kritik übt, ist das durchaus gefährlich. Aber man bekommt eine Reaktion, hat das Gefühl, dass man wahrgenommen wird. Diese Wirksamkeit der eigenen Worte hat sich jedoch enorm geändert. Mir ist dazu ein Satz in Erinnerung geblieben: 'Heute kannste alles sagen, doch keiner interessiert sich dafür.' In diesem Satz steckt die Erfahrung, dass es einen Umbruch in der Kommunikation gab. In einer Diktatur sind Worte verbindlich.

… und heute beliebig?

Es gab 1989 einen kurzen Moment, in dem mit Worten ein System zu Fall gebracht wurde. Dieses Zeitfenster schloss sich jedoch schnell. In der Umbruchszeit verkehrte sich diese neu erfahrene Selbstwirksamkeit oft ins Gegenteil. Viele Menschen fühlten sich machtlos, ungehört, oft mit ihrer damaligen Arbeitslosigkeit und dem Neuanfang allein gelassen. Die Hartz-IV-Demonstrationen 2004 waren ein Versuch, an die Energie von 1989 anzuknüpfen. Doch schon da hatten viele das Gefühl, nicht mehr gehört zu werden.

In Ostdeutschland gibt es eine eigene Unmutskultur.

Juliane Stückrad These der Autorin

Warum sind Sie sich so sicher?

Das erzählten mir viele Protagonisten in den Gesprächen. Bei einer Arbeitslosigkeit von 24 Prozent empfanden es viele im Elbe-Elster-Kreis als unpassend, Hartz IV einzuführen und alles mit der Maxime "fördern und fordern" zu lösen. Die Menschen hatten oft ihre Lebensgrundlage verloren. Das war kein Problem der Förderung - abgesehen davon, dass es wenig Stellen gab, auf die befördert werden konnte. In dieser Zeit ist die Erfahrung entstanden, dass die eigenen Worte beliebig sind, dass sie nichts mehr zählen, dass sie nicht gehört werden. Daraus entstand die Neigung, drastisch und provokant aufzutreten.

Damit erklären Sie die Wut im Osten?

Nicht allein. Hinzu kommt, dass in der DDR, wie in den meisten Diktaturen, ein distanziertes Verhältnis zum Staat aufgebaut worden ist. Diese Distanz ist für viele auch nach der Wiedervereinigung geblieben. Nicht für alle, doch es gibt anscheinend eine große Gruppe, die sich mit dem Staat wenig oder nicht identifiziert.

Wut und Provokation als Selbstbehauptung. Was machen Sie mit dieser Erkenntnis?

Wir haben heute einen anderen Kontext als 2004. Ich betreibe heute keine Feldforschung mehr.

Warum?

Mit Pegida begann eine Krisenmobilisierung, die die Menschen benutzt. Die Menschen lassen für sich schimpfen. Ich bekomme jetzt keine individuellen, privaten Geschichten mehr zu hören, sondern oft Formeln einer ideologischen und politischen Agenda. Mich interessieren die Biographien, die Menschen, nicht die Floskeln.

Sie haben Ihr Buch "Die Mutigen, die Unmutigen" genannt. Warum?

Ich habe viele Menschen erlebt, die mit viel Würde durch ihre Arbeitslosigkeit gegangen sind. Es ist unfair, Ostdeutsche auf ihren Unmut zu reduzieren. Es ist auch ungerecht denen gegenüber, die gekämpft und mit Optimismus gestaltet haben. Das Buch soll Klischees aufbrechen.

Welche Geschichte haben Sie besonders in Erinnerung?

Ein LPG-Vorsitzender aus Mecklenburg-Vorpommern, der 1990 mit ganz vielen trächtigen Kühen dastand, während die Strukturen um ihn herum zerbrachen. Er hat versucht neue Abnehmer zu finden, hatte auch schon welche. Doch dann wurde er von einem riesigen Fleischkonzern übernommen und musste sich selbst und einen Großteil der Belegschaft abwickeln. Danach blieb er viele Jahre lang arbeitslos. Trotz allem habe ich ihn als reflektierten Menschen erlebt, der sich engagiert und historisch zur Region geforscht hat, unverbittert, ungebrochen, voller Optimismus. Das hat mich zutiefst beeindruckt.

Wir sollten die Arbeitslosenbiographien genauso erzählen, wie die erfolgreichen Berufsbiographien.

Juliane Stückrad Ethnologin und Autorin

Werden diese Biographien zu wenig gehört?

Wir sollten die Arbeitslosenbiographien genauso erzählen, wie die erfolgreichen Berufsbiographien. Die Stehaufmännchen-Mentalität dieses Mannes hat mich demütig gemacht. Wir sollten Menschen mit Brüchen nicht als Mängelwesen darstellen, sondern ihr gelebtes Leben würdigen.

MDR (kt)

Angaben zum Buch

Juliane Stückrad: "Die Unmutigen, die Mutigen. Feldforschung in der Mitte Deutschlands"
286 Seiten Kanon Verlag, 2022
ISBN: 978-3-98568-045-0

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