Wirtschaft Thüringer Autobranche kämpft weiter mit Engpässen

Die Lage in der Autobranche ist verzwickt: Die Nachfrage nach Autos ist groß, auch getrieben von Förderung für Elektro- oder Hybridfahrzeuge. Doch es gibt lange Lieferzeiten für Autos. Hersteller und Zulieferer bekommen nämlich nicht alle Teile und Rohstoffe, die sie zum Bauen brauchen. Verbraucher können das auch spüren - wenn zum Beispiel Lieferzeiten für neue Autos bis zu 18 Monate betragen oder Ersatzteile in der Werkstatt nicht sofort verfügbar sind.

Eine Fabrikhalle in Steinbach-Hallenberg von oben mit zahlreichen hochautomatisierten Fertigungsmaschinen
Zahlreiche hochautomatisierte Fertigungsmaschinen finden sich in Steinbach-Hallenberg im Werk des Familienunternehmens Hehnke. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Nachrichten sind gar nicht schlecht. Am Mittwoch gab der Verband der Automobilindustrie bekannt, dass er in diesem Jahr mit 2,8 Millionen verkauften Neuwagen in Deutschland rechnet. Das wären immerhin deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Damals ereilte die Chipkrise die Branche, Auslieferungen verzögerten sich deshalb. Bei Opel standen gar von Oktober bis Jahresende in Eisenach die Bänder ganz still. Seit 6. Januar läuft die Produktion nun wieder - nach Angaben eines Firmensprechers auf MDR THÜRINGEN-Nachfrage auch weiterhin wie geplant.

Trotzdem knirscht es in der Branche. Weiterhin fehlen immer wieder Zulieferungen für die Thüringer Zulieferer. Beispiel Hehnke aus Steinbach-Hallenberg. Der Familienbetrieb mit etwa 130 Mitarbeitern hat im vergangenen Jahr seine Einkaufsabteilung aufgestockt. Denn im Gegensatz zur Zeit vor Corona reicht es nun nicht mehr, einfach Kunststoff-Granulat oder Metallteile zu bestellen, damit man genügend Material zur Fertigung hat. "Da kommt es immer wieder zu Beschaffungsproblemen", sagt Geschäftsführer Torsten Herrmann.

Hohe Belastung beim Waren-Einkauf

Lieferungen stünden manchmal einfach ohne Erklärung aus. "Unsere Mitarbeiter im Einkauf haben eine sehr hohe Belastung, weil sie Bestellungen auslösen und oft keine Auftragsbestätigung bekommen. Man bekommt keine Terminzusagen zu bestimmten Lieferungen. Das heißt, Sie müssen ständig hinterher telefonieren, um den Wareneingang sicherzustellen."

Ein Mann  schleift einen Kotflügel vor der Lackierung ab
Steffen Funk schleift einen Kotflügel vor der Lackierung ab. Selbst Blechteile wie dieses haben mitunter längere Lieferzeiten. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Kunststoff aus Asien mit der Eisenbahn geliefert

Das habe bis zuletzt gut funktioniert, aber der Aufwand sei enorm. Um lieferfähig zu bleiben, habe das Unternehmen im vergangenen Jahr sogar Kunststoff aus Asien bestellt, der wegen gesperrter Häfen mit der transsibirischen Eisenbahn angeliefert werden musste. "Aber das war nur eine Ausnahme", sagt Herrmann.

Das wird langfristig mit Sicherheit zum Nachteil für den Standort Deutschland werden.

Torsten Herrmann Hehnke-Geschäftsführer

Dabei hat das Unternehmen genügend andere Probleme. "Allein im vergangenen Jahr sind bei uns die Energiekosten um 60 bis 70 Prozent gestiegen." Natürlich sei das ein globales Problem, aber hierzulande komme eben noch die CO2-Steuer oben drauf, die EEG-Umlage, Netzentgelte. Der Netto-Strompreis sei für sein Unternehmen im vergangenen Jahr von 5 auf 15 Cent gestiegen. "Damit liegen wir sogar noch über manchen Haushalten."

Strompreis Entlastungen 6 min
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Umschau Di 08.02.2022 20:15Uhr 06:14 min

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Besonders Lieferungen aus Asien derzeit unzuverlässig

Dieser Probleme müsse sich die Berliner Politik dringend annehmen. "Das wird langfristig mit Sicherheit zum Nachteil für den Standort Deutschland werden. Und dann brauchen wir vielleicht nicht mehr so viele Arbeitskräfte hier wie im Moment." Denn eigentlich ist das Unternehmen in den vergangenen 25 Jahren Stück für Stück gewachsen, ohne Zukäufe, ohne Mutterkonzern. Und liefert Kunststoffteile, die in den Autos vieler Hersteller verbaut werden. Jedes Jahr Millionen Teile für Mercedes-Gaspedale. Hunderttausende Temperatur-Sensoren-Bauteile für BMW, Mikrofone für Freisprecheinrichtungen in verschiedenen Farben. "Damit man die Mikrofon-Teile unterscheiden für Rechts-Lenker und Links-Lenker." Schließlich wollen auch britische Kunden freihändig telefonieren können. Doch nicht alle Unternehmen konnten während der Krise zuverlässig liefern. Die Südthüringer haben das gemerkt, wenn wegen Lieferausfällen anderer Unternehmen auch manchmal Aufträge bei ihnen storniert wurden.

Ein Mercedes-Gaspedal ganz nah
Zu den zahlreichen unterschiedlichen Kunststoff-Teilen, die das Unternehmen herstellt, gehören Komponenten für Mercedes-Gaspedale. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Der Branchenverband Automotive Thüringen ermittelte in einer Blitzumfrage unter seinen Mitgliedern, dass die Lieferprobleme überall ein Thema sind, sagte Verbandsgeschäftsführer Rico Chmelik. Insbesondere Lieferungen aus Asien seien wegen der zeitweisen corona-bedingten Schließung von Fertigungen oder Häfen häufig ein Problem. Von einzelnen Unternehmen war sogar zu erfahren, dass manche Lieferanten zeitweise überhaupt nicht mehr erreichbar seien. Ob die Lieferschwierigkeiten die Erholung der Branche aber strukturell aufhalten, das sei derzeit nicht abzusehen.

Wartezeiten in der Werkstatt

Immer öfter spüren auch Autofahrer, wenn Teile nicht ausreichend nachproduziert werden. Zum Beispiel, wenn sie in eine Werkstatt müssen: Michael Erhardt ist Chef der Erhardt AG, die an 16 Standorten zwischen Würzburg und Leipzig Autohäuser und Werkstätten betreibt. Unter anderem in Suhl, wo gerade mehrere Autos in der Werkstatthalle aufgebockt sind.

Ein Mann steht vor einem weißen Auto
Michael Erhardt ist Vorstandschef der Erhardt AG. Die Autohaus-Gruppe zählt 450 Mitarbeiter an 16 Standorten. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Er beschreibt das Problem so: "Wir bestellen pro Tag 300 bis 400 Ersatzteile und circa 20 Prozent werden am nächsten Tag nicht mitgeliefert", sagt der Vorstandschef. Wann Unfälle passierten, das könne man ja nicht planen. "Und da eine Auskunft zu geben, wann das Auto fertig wird für den Kunden, ist gerade schwierig." Die Folge: Werkstattwagen müssen länger und öfter genutzt werden.

Schwerer zu bekommen seien besonders Bauteile mit Halbleitern. Moderne LED-Scheinwerfer hätten derzeit mitunter Lieferzeiten von bis zu sechs Wochen. Zwar gehen die seltener kaputt als normale Halogen-Lampen, aber bei einem Unfall kann ein neues Teil nötig werden.

Lieferzeiten für Neuwagen ungewöhnlich lang

Ebenso kompliziert kann der Neuwagen-Erwerb ausfallen. "Wir haben Fahrzeuge hier. Aber was auf Lager ist, entspricht nicht immer den Kundenvorstellungen." Da gehe es um bestimmte Farben oder Sonderausstattungen. Die Hybrid-Modelle des Skoda Ocatavia seien auf 18 Monate ausverkauft.

Grundsätzlich hätten derzeit alle Marken mit langen Lieferzeiten zu kämpfen. Von DDR-Zeiten sei man aber weit entfernt. Zumal Erhardt erwartet, dass sich die Lieferzeiten für Neufahrzeuge im nächsten halben Jahr wieder entspannen.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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