Landwirtschaft Bio-Bauern und die Folgen des Ukraine-Krieges

Nicht zuletzt der Ukraine-Krieg hat die Situation der Landwirte in Deutschland und Thüringen verschlechtert. Obwohl sie auf Dünger und Pestizide verzichten, sind auch Bio-Bauern von Futtermittelknappheit und steigenden Preisen betroffen. Gerade die Viehzüchter könnten bald Probleme bekommen. Wir erzählen, wie ein Schweinehalter durch diese Krise kommt und wie der Krieg gleichzeitig die grüne Agrarwende der EU ausbremsen könnte.

Ein Bauer steht vor einem Schweine-Auslauf
Andreas Baumann ist Geschäftsführer des Ökozentrums Werratal, mit über 4.000 Hektar bewirtschafteter Fläche einer der größten Bio-Betriebe in Thüringen. Bildrechte: MDR/David Straub

Kühl und dunkel ist es in der Lagerhalle in Vachdorf im Werratal in Südthüringen. Andreas Baumann schaut beruhigt auf die beiden großen weißen Silos, die vor ihm emporragen. Darin enthalten ist eiweißhaltiges Soja-Futtermittel. Baumann ist Geschäftsführer des Ökozentrums Werratal, mit über 4.000 Hektar bewirtschafteter Fläche einer der größten Bio-Betriebe in Thüringen. Ungefähr 1.500 Schweine und mehr als 1.000 Rinder halten er und seine Kollegen auf dem Hof. "Unsere Futtermittel produzieren wir weitgehend selbst, aber gerade die Eiweißkomponenten wie das Soja, das die Schweine brauchen, produzieren wir nicht selber", sagt Baumann.

Ein Mann steht vor einem weißen Silo.
Zusätzlich zum selbst produzierten Getreide füttern Baumann und sein Team in Vachdorf auch eiweißhaltiges Soja den Schweinen zu. Das Ökozentrum Werratal ist einer von insgesamt 37 Öko-Betrieben, die in Thüringen Schweine züchten. Bildrechte: MDR/David Straub

Ukraine-Krieg setzt Landwirte unter Druck

Mit dem Krieg in der Ukraine hat sich weltweit die Situation für alle Landwirte angespannt - egal ob sie konventionell oder ökologisch arbeiten. Neben den steigenden Energiepreisen rücken dabei die Futtermittel in den Blick: Bio-Bauern, die Schweine und Hühner halten, müssen ihren Tieren gentechnikfreies und ökologisch angebautes Eiweiß-Futter wie Soja beimischen. Und gerade aus der Ukraine hat Deutschland bis zuletzt einen Großteil davon bezogen. Bio-Verbände warnen deshalb davor, dass es bei diesen Futtermitteln bald zu Engpässen und einem Ausverkauf kommen könnte.

Schweine im Auslauf
Landwirte wie Bio-Bauer Andreas Baumann vom Ökozentrum Werratal dürfen bis Ende des Jahres ihren Schweinen fünf Prozent konventionelles Futter beimischen. Bildrechte: MDR/David Straub

Futtermittel-Abhängigkeit bei Bio

Bisher, sagt Andreas Baumann in Südthüringen, leide sein Betrieb aber nicht direkt unter den Folgen des Krieges - noch nicht. Zugute komme dem Ökozentrum Werratal, dass das eiweißhaltige Kraftfutter vor allem aus sicheren Produktionsorten wie Österreich oder Italien stammt. Außerdem habe es schon vor dem Krieg eine Verknappung beim Bio-Futter gegeben. "Diese massiven Preissteigerungen haben sich schon länger abgezeichnet und bereits im September begonnen", sagt der Landwirt.

Es wird automatisch der Druck steigen, weil andere Landwirte auch bei unseren Lieferanten kaufen werden.

Andreas Baumann Bio-Bauer aus dem Kreis Schmalkalden-Meiningen

Momentan zeichnet sich ab, dass Bio-Landwirte wie Andreas Baumann noch davon profitieren, dass sie relativ wenig und darüber hinaus auch regional Futter zukaufen müssen. Doch weil das Angebot aus der Ukraine zurückgeht, dürfte die Lage nicht entspannter werden, meint Baumann: "Es wird automatisch der Druck steigen, weil ja andere Landwirte auch bei unseren Lieferanten kaufen werden. Und wenn dann die Preise steigen, wird es auch für uns massive Auswirkungen haben."

Strohballen unter einer Halle
Selbstproduzierte Futtermittel gibt es im Ökozentrum Werratal genug. Entscheidend in der Ukraine-Krise könnte die Verfügbarkeit von Eiweißfuttermitteln wie Soja sein, das Bio-Bauern zukaufen müssen. Bildrechte: MDR/David Straub

Ministerium erlaubt konventionelle Zufütterung

Viele landwirtschaftliche Bio-Verbände fordern deshalb seit Längerem, dass die EU die Regeln für die Öko-Fütterung in der Krise anpasst. Denn seit Beginn dieses Jahres schreibt eine neue Verordnung vor, dass ökologisch gehaltene Nutztiere nur mit 100 Prozent ökologisch erzeugtem Futter versorgt werden dürfen. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN setzt das Thüringer Landwirtschaftsministerium nun diese Regel bis zum Jahresende aus und folgt damit der Empfehlung der Länderarbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau.

Dementsprechend dürfen Bauern bei der Fütterung von Bio-Geflügel und Bio-Schweinen auch fünf Prozent konventionelles Futter beimischen. Damit soll in der aktuellen Krisensituation eine gesunde und auf die Tiere abgestimmte Fütterung sichergestellt werden. Die EU hat die Aussetzung der Regelung noch nicht freigegeben, dürfte dies aber in den kommenden Tagen nachholen.

Ukraine-Krieg als Kipppunkt in der grünen Agrarwende?

In der Diskussion um die Unterstützung für Bio-Bauern zeichnet sich außerdem eine Kehrtwende in der Agrarpolitik ab, die Auswirkungen auf die grüne Agrarwende der Europäischen Union haben könnte. Denn im Rahmen des Green Deal sollen ab Beginn 2023 EU-weit alle Landwirte vier Prozent ihrer Flächen aus der Produktion nehmen, also brachliegen lassen. Dadurch sollen der Umwelt- und Artenschutz gestärkt werden. Seit einiger Zeit kommt dafür bereits massive Kritik von unionsgeführten Agrarlandesministern und konservativen Verbänden wie dem Thüringer Bauernverband.   

Und auch Thüringens Landwirtschaftsministerin Susanna Karawanskij von den Linken erachtet die Regelung mittlerweile als "das falsche Signal" in der aktuellen Situation. Obgleich sie die Stilllegung unter ökologischen Gesichtspunkten für wichtig halte, sagte sie MDR THÜRINGEN, sollte die Maßnahme besser auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden oder nur schrittweise kommen.

Susanna Karawanskij (Die Linke), Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft von Thüringen
Landwirtschaftsministerin Susanna Karawanskij will die Stilllegung der Flächen erst einmal vermeiden. Bildrechte: dpa

Kritik: Instrumentalisierung gegen Umweltschutz

Als Schritt zurück im Klima- und Umweltschutz bezeichnet Gerald Wehde diese Debatte um die Stilllegung von Ackerflächen. Wehde ist agrarpolitischer Sprecher von Bioland, einem Verband, der in Thüringen gut 60 Bio-Betriebe vertritt. Wie er MDR THÜRINGEN sagte, wollten bestimmte Verbände letztendlich nur wieder eine größere Intensivierung der Landwirtschaft und instrumentalisierten auch den Ukraine-Krieg, um Forderungen wie die Stilllegung unproduktiver Flächen für den Umweltschutz aufzuheben.

Der Vorteil von Bio ist, dass wir nur so viele Tiere halten, wie wir auch selber ernähren dürfen.

Gerald Wehde Agrarpolitischer Sprecher von Bioland

Für Wehde zeigen sich auch in der aktuellen Krise die Vorteile der biologischen Landwirtschaft. Zum einen würden die Betriebe flächengebunden produzieren, sprich sich bei der Tierproduktion an dem orientieren, was sie selber auch an Futtermitteln stemmen könnten.

Zum anderen reichten die geringeren Erträge im Vergleich mit der konventionellen Landwirtschaft, wenn insgesamt weniger Fleisch und damit auch weniger Futtermittel produziert werden würde. "Wir müssen von einer Nahrungskonkurrenz weg. Sprich davon, dass Menschen und Tiere das Gleiche essen, und dann können wir auch den Tieren mehr Platz geben."

Gerald Wehde schaut in die Kamera
Der agrarpolitische Sprecher von Bioland sieht die Fortschritte bei der Agrarwende in Gefahr. Bildrechte: Sonja Herpich/ Bioland

Bundesrat entscheidet: Flächen für Futter

Auch mit Sorge um viele konventionelle Landwirte hat der Bundesrat am Freitag den Weg freigemacht, damit ab Juli bestimmte Flächen zur Futtergewinnung genutzt werden können, die bisher als ökologische Vorrangflächen freigehalten waren. Insgesamt handelt es sich um gut eine Million Hektar, die deutschlandweit genutzt werden können, um Futter zu gewinnen oder dort Tiere weiden zu lassen. Dies soll den Preisanstieg bei Futter für die Betriebe abmildern.

Das Thüringer Landwirtschaftsministerium will die Landwirtschaft indes noch unabhängiger machen und hat schon 2014 die sogenannte Eiweißstrategie auf den Weg gebracht. Zwar könne der heimische Anbau von Eiweißpflanzen wie Ackerbohnen oder Soja den Import nicht kompensieren, heißt es, aber neben ökologischen Vorteilen die Betriebe in Krisen widerstandsfähiger machen.  

Wenn sich die Situation verschärft, muss ich über den Abbau des Tierbestands nachdenken.

Andreas Baumann Bio-Landwirt aus Vachdorf

Wie bei allen mittelständischen Unternehmen machen Andreas Baumann auf seinem Hof im Werratal derzeit vor allem die gestiegenen Energie- und Spritkosten zu schaffen. Wenn das Preisniveau so bleibt wie jetzt, rechnet er bei Sprit mit 170.000 Euro mehr Ausgaben. Dank der noch guten Versorgung mit Eiweiß-Futter kann er seine Viehzucht aktuell aber noch unproblematisch erhalten. "Wenn sich die Situation aber weiter verschärft, muss ich auch über den Abbau des Tierbestands nachdenken, damit ich auf fremde Zukäufe nicht mehr unbedingt angewiesen wäre", sagt er auf seinem Hof in Vachdorf.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. April 2022 | 15:00 Uhr

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