Neonazi-Drogenkartell Aufstieg und Ende der "Bruderschaft Thüringen"

Am Mittwoch beginnt unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ein erster Großprozess gegen das rechtsextreme Drogenkartell der "Bruderschaft Thüringen". Sie galt als die gefährlichste Neonazi-Organisation Thüringens - bestens vernetzt mit rechtsextremen militanten Strukturen "Blood & Honour" und "Hammerskins".

Zwei Polizeibeamte halten einen Mann fest.
Am Mittwoch beginnt ein Großprozess gegen gefährliche Neonazis aus Thüringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach fast zwei Jahren Ermittlungen scheint das Thüringer Landeskriminalamt (LKA) das Netzwerk jetzt zerschlagen zu haben. Damit ist den Ermittlern erstmals gelungen, eine Neonazi-Struktur nachhaltig zu bekämpfen. Fast 30 Jahre konnten die Rechtsextremisten nahezu ungestört Angst und Schrecken verbreiten. Bis sie zu Drogendealern wurden.

Um zwei Uhr morgens, am 16. Juni 2022, leitet das Landeskriminalamt das Ende der selbst ernannten "Bruderschaft Thüringen" ein. Zeitgleich durchsuchen mehr als 500 Beamte 26 Wohn- und Geschäftshäuser in Thüringen, Berlin und Schleswig-Holstein. Sogar in Griechenland schlägt die Zielfahndung des LKA zu. Vier Männer - Mitglieder der "Bruderschaft Thüringen" - gehen in Untersuchungshaft.

Durch Fenster sieht man die Silouhetten von Menschen in einem Treppenhaus.
Nächtliche Durchsuchung im Juni in Saalfeld. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Es ist das Ende der zweiten Phase umfangreicher Ermittlungen gegen organisierte Rechtsextremisten, die nicht von einer Staatsschutzstelle, sondern von erfahrenen Ermittlern zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität geführt wurde. Die Sonderkommission "Gewinne" wurde im Frühjahr 2020 eingesetzt, nachdem das Thüringer Amt für Verfassungsschutz den Kriminalisten Hinweise auf Drogen- und Waffenhandel sowie Aktivitäten im Rotlicht-Milieu Gothas durch Neonazis übermittelte.

Polizeiwägen und Polizeieinsatzkräfte stehen auf einem Parkplatz.
Durchsuchung im "Hauptquartier" am Nelkenberg in Gotha. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Eine der größten LKA-Operationen gegen Drogenkartell

Damit begann eine der größten, streng abgeschotteten Operationen des LKA gegen das rechtsextreme Drogenkartell. Je länger die Ermittlungen liefen, desto größer wurde das Netzwerk, das offenbar problemlos erst an das lokale, dann auch an das überregionale Drogen-Milieu anknüpfte.

Drogengeschäfte per Encrochat

Durch umfangreiche Observationen und Telekommunikationsüberwachungen sowie wertvolle Erkenntnisse aus den geknackten Kryptokommunikationen von Encrochat, SkyECC und Anom - all diese nutzten die Rechtsextremisten, vor allem aber ihre Drogenlieferanten - konnten die LKA-Beamten eine Metamorphose einer rechtsextremen Kameradschaft zu einem rechtsextremen Drogenkartell nachzeichnen. Einmalig in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte.

Unbekannt waren die mutmaßlichen Drahtzieher dagegen nicht: alle der inhaftierten "Turonen" oder Mitglieder der "Garde 20" sind als Rechtsextremisten registriert. Die beiden Chefs der "Bruderschaft" sind seit Mitte der 1990er-Jahre aktiv.

Neonazi-Konzerte als Beginn

Der Rechtsrock war von Anfang an das Geschäftsfeld der späteren Führer der "Bruderschaft". Thomas W. - einer der Bosse - spielte in Bands wie "Bataillon" und "SKD - Sonderkommando Dirlewanger" - benannt nach dem Kriegsverbrecher Oskar Dirlewanger. Er soll auch dabei gewesen sein, als in Gotha der rechtsextreme "Toringi e.V." gegründet wurde, der vor allem mit illegalen Neonazi-Konzerten die Polizei in Atem hielt.

Als der Druck der Polizei immer größer wurde, wichen die Rechtsextremisten ins nahe Crawinkel aus, um sich dort als "Hausgemeinschaft Jonastal" - kurz HJ wie Hitler-Jugend - zu organisieren. In der alten Fleischerei machten sie nicht nur weiter mit volksverhetzendem Rechtsrock, sondern feierten sich in den sozialen Medien als "NSU reloaded" - ergänzt mit einem Foto, das die Neonazis mit Waffen zeigte.

Von Anfang an bekannten sie sich zu dem später als Unterstützer der NSU-Terroristen verurteilten Ralf Wohlleben. Sie sammelten Spenden, veröffentlichten Solidaritäts-Sampler. Auch als "Bruderschaft" hielten sie Kontakt zu Wohlleben.

Ex-Bäckerei in Ballstädt als Sitz der "Bruderschaft"

Als in Crawinkel vor allem die Zivilgesellschaft gegen das rechtsextreme Hausprojekt mobilisierte, zogen die Neonazis nach Ballstädt. Hier hatten sie die alte Bäckerei, das "gelbe Haus", gekauft. Das wurde zur Basis der Kameradschaft. Von hier griffen sie 2014 die Feier des Kirmesvereins an. Sie testeten ihre Kommandostrukturen: In nur wenigen Minuten mobilisierten sie ein Rollkommando, das wahllos auf die Feiernden einschlug. Die Bilder der Blutpfützen und der Verwüstung haben sich ins Gedächtnis Thüringens eingegraben.

Blutspuren auf einem Boden.
So sah es nach dem Überfall auf die Kirmesgesellschaft in Ballstädt aus. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die kriminelle Ausbildung verschafften sie sich im rechtsextremen "Objekt 21", ein rechtsextremer Verein in Österreich. Hier tummelten sich Neonazis aus ganz Europa. Die Brutalität und Schlagkraft des Vereins hatte sich eine Rotlicht-Größe zu Nutzen gemacht, um Konkurrenten auszustechen. Es kam zu Brandstiftungen, Anschlägen, Diebstählen. Das "Objekt 21" kann als Blaupause der späteren "Bruderschaft" verstanden werden.

Die "Bruderschaft Thüringen" gründete sich 2015 in Ballstädt. Sie kopiert den Style der Rockerclubs mit Patches und strengen Hierarchien. Der Führungskreis nennt sich "Turonen", die Unterstützer "Garde 20." Ihre Lederkutten tragen die Ziffer 20 - für den zwanzigsten Buchstaben des Alphabets: das T wie Turonen. Daneben prangt das Pfeilkreuz der ungarischen Faschisten. Knapp zehn Neonazis sollen damals "Turonen" gewesen sein. Rund 20 galten als Mitglieder der "Garde 20".

Tausende bei Rechtsrock in Themar

Die "Turonen" konzentrierten sich aufs Rechtsrock-Geschäft. Hier kennen sie sich aus, hier sind sie bestens vernetzt. Sie organisierten Konzerte erst in Thüringen, dann sogar in der Schweiz: 6.000 Neonazis holten sie nach Unterwasser im Kanton St. Gallen. Organisiert wird alles von Thüringen aus. Und hier machten sie weiter: Auch nach Themar holten sie 2017 mehr als 6.000 Rechtsextremisten. Zwar gilt offiziell der Südthüringer Neonazi Tommy Frenck als Veranstalter. Hinter den Kulissen soll es aber die "Bruderschaft" gewesen sein, die die Fäden in der Hand hielt.

Eine Gruppe Festivalbesucher in Themar auf einer Wiese
In Themar finden verschiedene Nazi-Konzerte statt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nazi-Mafia" kommt im Drogenmilieu an

Es folgten weitere Konzerte, die aber nicht funktionieren wollten: 2018 in Mattstedt und Magdala (verboten) sowie schließlich in Apolda (aufgelöst). Dann kam Corona und so das Aus für Großveranstaltungen. Das war - vermuten die Ermittler des LKA und der Verfassungsschutz - der Zeitpunkt, an dem sich die "Turonen" ihrer Erfahrungen aus dem "Objekt 21" besannen und den Drogenhandel für sich entdeckten.

Scheinbar problemlos knüpften sie an das lokale Drogenmilieu Gothas an. Sie übernahmen ein Bordell, planten ein weiteres. Bald lief das Drogenkartell der Neonazis. Immer mehr Drogen orderten sie - erst bei einem Neonazi aus Aachen, später bei einem Rocker des Bandidos MC in Gera. Nach nur einem Jahr war es den schlagkräftigen Rechtsextremisten gelungen, ihre Claims zwischen Bad Langensalza und Meiningen, von Gotha bis in den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt auszuweiten und zu behaupten. Das Drogenmilieu akzeptierte die "Nazi-Mafia" und belieferte sie.

"Bruderschaft Thüringen" steht auf der Rückseite eines T-Shirts.
Die "Bruderschaft" konnte sich Jahrzehnte ungestört entwickeln. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Einzelne Akteure in Untersuchungshaft

Selbst als das Landeskriminalamt begann, das Netzwerk zu zerschlagen, einzelne Akteure festzunehmen, machte die "Bruderschaft Thüringen" weiter. Gut gedeckt von einem rechtsextremen Anwalt, der sich jetzt vor Gericht verantworten muss. Sie konnten aber auch auf ein Netzwerk von Firmen zurückgreifen, die ihnen beim Geld waschen behilflich gewesen sein sollen. Die Verdächtigen bekamen Mitte Juni Besuch von der Polizei - wie auch die restlichen "Turonen", die von der Polizei als Führungspersonen identifiziert worden sind. Weitere vier Männer - zwei "Turonen" und zwei Mitglieder der "Garde 20" sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Eine Person wird von Polizeieinsatzkräften festgenommen.
Festnahme im Nazi-Drogen-Millieu Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Bisherige Bilanz des LKA

Und: das Thüringer Landeskriminalamt schließt weitere Ermittlungen nicht aus. Immerhin fielen den Beamten zehn sogenannte Kryptohandys in die Hände. Darin werden sich weitere Hinweise auf den Drogen- und Waffenhandel finden. Garantiert.

Bilanz der zwei Phasen des Landeskriminalamts: 74 Personen gelten als Beschuldigte, 30 Haftbefehle wurden umgesetzt. Das LKA beschlagnahme Vermögenswerte von rund 3,3 Millionen Euro, neun Kilogramm Crystal-Meth, 14 Kilogramm Marihuana und 200 Gramm Kokain. Daneben stellten die Fahnder zahlreiche Waffen sicher, darunter drei scharfe Pistolen.

Sichergestellte Waffen liegen in Plastiktüten auf einem Tisch.
Sichergestellte Waffen Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 29. Juni 2022 | 20:45 Uhr

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